Unser Startup im Juli

Die Selbstständigkeit steht ihm gut

Eigentlich hat sich Simon Wotton immer als klassischen Angestellten gesehen. Er lernte Industriemechaniker, spezialisierte sich dann auf CNC-Maschinen und arbeitete drei Jahre lang in South Carolina als CNC-Facharbeiter und Programmierer, bevor er auf die  Herstellerseite wechselte. Insgesamt zehn Jahre lang war er danach für den japanischen CNC-Maschinenhersteller Mazak als Anwendungstechniker tätig.

Geschäftspartner im Proberaum kennengelernt

Nebenbei pflegte der Geislinger mit englischem Vater seine Liebe zur Musik. Den Proberaum teilte er sich mit der Band des Ulmer Unternehmers Reiner Rusnak. Rusnaks Embedded Wireless GmbH ist ­Spezialistin für Wireless LAN-Technologie und Bluetooth und bietet drahtlose Kommunikationslösungen - von der Idee bis zur Produktion. „Wir haben oft zusammen über technische Probleme, die wir hatten, geredet. Dabei haben wir festgestellt, dass es viele Überschneidungen gibt“, erzählt Wotton. Oft tüftelten die beiden Hobbymusiker an den Wochenenden gemeinsam an Lösungen
„Du solltest Dich selbständig machen“, sagte Rusnak eines Tages zu seinem geistigen Sparringpartner, „das würde Dir gut stehen.“ Wotton, dem sein Job mit ordentlichem Gehalt und Gestaltungsmöglichkeiten sehr gefiel, hatte das gar nicht „auf dem Horizont“. Trotzdem besuchte er ein IHK-Gründerseminar, geleitet von Gernot Imgart, dem jetzigen Geschäftsführer der IHK-Bezirkskammer Göppingen. „Der hat mich am Kragen gepackt und nach vorn geschoben“, lacht Wotton. Der 41-Jährige ließ sich schließlich überzeugen: „Jetzt oder nie. In zehn Jahren wäre es zu spät gewesen.“
Das Knowhow aus zwei ­Welten zusammenbringen

Gründer Simon Wotton versteht er sich als „Mediator“ zwischen CNC-Maschinen und der IT

Mit Rusniak als Geschäftspartner gründete er in Geislingen ein Unternehmen mit dem Ziel, „das Knowhow aus zwei ­Welten zusammenzubringen“. Industrie und Maschinen kennt er aus dem FF. Hinzu kommt seine Erfahrung bezüglich Kommunikationstechniken und sein Methoden- wissen. Folgerichtig versteht er sich als „Mediator“ zwischen CNC-Maschinen und der IT. Das ist eine gar nicht so ­häufige Kombination, wie Wotton, der ­seinen Vor- und Nachnamen englisch ausspricht, festgestellt hat: „Die meisten verstehen entweder die Maschinen oder die IT“. Er aber kann „Kabel ziehen, konfigurieren und diskutieren“, wie er lachend erzählt.

Scout bei „Allianz Industrie 4.0 Baden-Württemberg“

Seine diesbezüglichen Kompetenzen fielen schnell auf. So wurde er inzwischen von der „Allianz Industrie 4.0 Baden-Württemberg“ als Scout gelistet. Die Allianz ist ein vom VDMA geführtes, vom Fraunhofer Institut entwickeltes und vom Land Baden-Württemberg gefördertes Coaching-Programm zum Einstieg in die Digitalisierung.
Wottons Unternehmen bietet die Beratung, aber auch die Ausarbeitung und Umsetzung von Industrie 4.0 an. Hinzu kommen Netzwerkanbindung und Support. Das Angebot ist komplex, Marketing und Entwicklung brauchten Zeit. Deswegen dauerte es zunächst etwas, bis das Geschäft in die Gänge kam. Den Durchbruch brachte der „100 Orte für Industrie 4.0. Award“, den  das junge Unternehmen letzten Dezember erhielt.

Froh, die Arbeitnehmerblase verlassen zu haben

Ausgezeichnet wurde damit die i4.0-Box, die Wotton und Rusnak für einen Verpackungsmaschinenhersteller entwickelt hatten, der seine  Maschinenstillstände reduzieren wollte. Bei Problemen schickt die Box eine SMS oder ruft an. Die Box ist so klein, dass sie direkt  in der Maschinen installiert werden kann. Anschluss an die Firmen-IT braucht sie nicht, sondern sie arbeitet autark und zwar auf der Basis eines  offenen Betriebssystems.
Inzwischen kann Wotton von seiner Firma gut leben und ist froh, „die Arbeitnehmerblase“ verlassen zu haben. Jetzt ist er selber davon überzeugt, dass ihm „die Selbständigkeit gut steht.“
Dr. Annja Maga für Magazin Wirtschaft 7.2020, Rubrik Startup