Wechsel im IHK-Hauptamt

„Die Transformation wird auch die Ausbildung verändern“

Dr. Susanne Herre und Johannes Schmalzl sitzen auf einer Sandsteintreppe
Dr. Susanne Herre und Johannes Schmalzl © Wolfgang List

Herr Schmalzl, Sie waren fünf Jahre Hauptgeschäftsführer. Was waren die wichtigsten Entwicklungen in Ihrer Amtszeit?

Schmalzl: Es waren sehr intensive Jahre mit vielen Herausforderungen. Zu erwähnen sind die intensive Begleitung unserer Unternehmen im Rahmen der Digitalisierung und Transformation, wahrlich nicht nur ein Thema der Autoindustrie. Dazu kommt der massive Einsatz für die berufliche Aus- und Weiterbildung, das Fundament für unseren Wirtschaftsstandort schlechthin. Die Covid-19-Pandemie hat uns unglaublich stark gefordert, in der Beratung wie in der Organisation der Hilfsprogramme für Unternehmen. Dazu kommen die Außenwirtschaftlichen Krisen, erst der Brexit und jetzt der Krieg in der Ukraine mit allen Auswirkungen bis hin zur Gaskrise. Was die Entwicklungen in der IHK angeht, haben wir entsprechend den rechtlichen Vorgaben die Rücklagen abgebaut und das Beitragswesen völlig neu aufgestellt. Wir haben strukturell eingespart, Aufgaben reduziert und Hierarchieebenen abgeschafft. Auch kammerpolitisch ist unsere IHK jetzt wieder in der Spur.  

Funktioniert die Zusammenarbeit mit den Kritikern in der Vollversammlung jetzt reibungsloser?

Schmalzl: Ich finde es bemerkenswert, dass sogar die Änderung der Satzung der IHK mit einer Mehrheit von 92 Prozent beschlossen wurde. Wir dürfen uns in den Gremien nicht mit uns selbst beschäftigen, dafür ist die Lage für unsere regionale Wirtschaft einfach zu ernst. Ob die Transformation gelingt oder nicht, ist entscheidend für Unternehmensstandorte und viele tausend Arbeitsplätze. Die Änderung der Wahlordnung wurde ebenfalls mit großer Mehrheit beschlossen. Sie hat uns eine Vollversammlung gebracht, die den gesetzlichen Forderungen sehr nahekommt, weil sie Unternehmen aller Branchen und Größen repräsentiert. Das stimmt mich sehr zufrieden. Und dass im Präsidium jetzt mehr Unternehmerinnen als Unternehmer mitwirken, ist einfach nur schön.

Frau Dr. Herre, wo sehen Sie die Schwerpunkte Ihrer Arbeit ab November?

Herre: Der erste Schwerpunkt liegt auf der Hand und ist zugleich Markenkern der IHK: Die duale Ausbildung ist im Moment in einer schwierigen Situation, es gibt zu wenig Bewerber. Es wird deshalb darum gehen, die duale Ausbildung zu stärken, attraktiv zu machen und diese Attraktivität auch zu kommunizieren. Der zweite Punkt sind die Energiekosten und die Auswirkungen der Gas-Mangellage. Ein Ausweg ist perspektivisch der Ausbau der regenerativen Energien, den wir unterstützen sollten. Sehr wichtig ist es mir, den Wirtschaftsstandort Region Stuttgart insgesamt zu stärken und ihn auch in der Transformation der Automobilbranche und der digitalen Transformation attraktiv zu halten. Der Wohlstand der Region hängt an einer starken Wirtschaft. Dazu gehört auch die Versorgung mit Gewerbeflächen.

Die Gaspreise beschäftigen die Mitgliedsunternehmen derzeit wohl am meisten. Was kann die IHK tun, um sie zu unterstützen?

Herre: Ein Pfeiler ist die Beratung. Mit unserer Energieeffizienzberatung im Rahmen des Projekts KEFF sind wir hier gut aufgestellt. Unternehmen, die daran teilgenommen haben, sind den anderen, die sich diesen Fragen jetzt erst stellen, eine Nasenlänge voraus. Die IHK ist aber auch eine wichtige Ansprechpartnerin und Mahnerin gegenüber der Politik, die ja letztlich die Rahmenbedingungen setzt und die Energieversorgung sicherstellen muss. Wir müssen die Stimme erheben und sichtbarer werden - im Interesse aller Unternehmen, nicht nur der energieintensiven Branchen, für die es zum Teil schon Förderprogramme gibt.
Schmalzl: Es ist eine elementare Kernaufgabe der Politik, die Energieversorgung im Land sicherzustellen. Die Unternehmen haben ihre Hausaufgaben weitestgehend gemacht und ihre Notfallpläne für den Winter aufgestellt. Es bleibt aber das Problem der Verkettung der Produktionsabläufe und die daraus folgenden gegenseitigen Abhängigkeiten. Selbst wenn ein Maschinenbauer seinen Gasverbrauch um 60 Prozent reduziert, hilft das nicht, wenn er keine Kartonagen und keine Paletten bekommt. Hier muss die Politik den Hebel umlegen. Es kann nicht sein, dass wir das einzige Land in Europa sind, in dem die privaten Haushalte gegenüber der Industrie bevorzugt werden.
Herre: Natürlich ist es schwierig, Gas zu beschaffen, wenn keines da ist. Was die Politik tun kann ist jedoch, die Umstellung der Stromproduktion von Gas auf andere Energieträger zu erleichtern – zum Beispiel durch eine Beschleunigung der Genehmigungsprozesse.

Wie beurteilen Sie die Chancen der Region in der Transformation der Automobilwirtschaft und worin sehen Sie die Rolle der IHK?

Schmalzl: Die Wirtschaft ist gut eingebunden in den Strategiedialog der Landesregierung und hier ist es wichtig, dass wir auch die Interessen der Zulieferbetriebe einbringen. Wenn ein Unternehmen wie die Mercedes Benz Group den Strategiewechsel zur Elektromobilität vollzieht, schließen sich viele Fragen an: Wie viele Arbeitsplätze werden auch künftig noch bei Automobilherstellern und Zulieferern erhalten bleiben? Wie viele davon hier in der Region, hier im Südwesten? Aufgabe der IHK wird es auch sein, darauf zu drängen, dass die Politik endlich bei der Ladeinfrastruktur liefert, denn sonst droht die E-Mobilität zu scheitern.
Herre: Politik und EU haben dem Verbrennungsmotor eine Absage erteilt, deshalb ist auch die Transformation ein unausweichlicher Prozess. Meines Erachtens sind wir in der Region hierfür gut aufgestellt. Die Unternehmen haben den Nachholbedarf mit großem Ehrgeiz und mit Erfolg bewältigt. Die Entwicklung hat aber nicht nur Implikationen für die Produktion, sondern auch für die notwendigen Qualifikationen der Mitarbeiter. Die IHK hat hierbei die Aufgabe, ihre Mitgliedsbetriebe bei der Umstellung des Qualifikationsprofils ihrer Beschäftigten zu unterstützen. Sie muss in ihrer Beratung, aber auch in ihrem Ausbildungs- und Weiterbildungsbereich darauf reagieren.

Wegen der Transformation nimmt auch die IHK weniger Mitgliedsbeiträge ein. Wir konnten aber keine Vorsorge   treffen, weil die Bildung von Rücklagen gerichtlich stark eingeschränkt worden ist. Wie erfüllt die IHK in dieser Situation ihren Auftrag?

Herre: Ich denke ein wichtiger Punkt ist, dass wir eine klare Konsolidierungsplanung für den Haushalt haben, ohne dabei aber an den Kernbestand unserer Leistungen zu gehen. Die IHK hat sich während der Corona-Krise als wichtige Stütze ihrer Mitgliedsunternehmen in der Beratung wie auch in der Abwicklung der Soforthilfen bewährt. Niemand möchte die Leistungsfähigkeit der IHK einschränken. Gleichzeitig gilt es aber, den Haushalt so aufzusetzen, dass tatsächlich Konsolidierung stattfindet. Andererseits müssen wir in dem geringen Maß, in dem es möglich ist, Vorsorge treffen wie jeder normale Kaufmann auch.
Schmalzl: In der Aus- und Weiterbildung, und in diesen Bereich fließen zwei Drittel unseres Budgets, ist der Bedarf höher denn je. Es kann nicht sein, dass wir diese Angebote reduzieren müssen, weil es wegen der Transformation einen Beitragsrückgang gibt. Damit wir wieder wie ein gutes schwäbisches Unternehmen in guten Zeiten sparen können, um in der Not etwas zu haben,  müssen wir über unsere Kammerorganisation eine gesetzliche Grundlage erreichen, die es uns ermöglicht, in maßvollem Umfang Rücklagen zu bilden.
Herre: Dafür tun wir alles, was in unserer Macht steht. Wenn diese Regelung aber nicht kommt, glaube ich, dass wir mittlerweile so aufgestellt sind, dass wir auch bei größeren Beitragsschwankungen in den nächsten Jahren keine Beitragserhöhungen mehr vornehmen müssen.