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Energie: Es geht ans Eingemachte

„Katastrophe, Katastrophe, Katastrophe“, „Katastrophe, Katastrophe, Katastrophe“, bricht es aus Hans-Dieter Kögel heraus, wenn man ihn nach der wirtschaftlichen Situation im Zeitalter von Kostenexplosion, Energieknappheit und Lieferschwierigkeiten fragt. Die Kögel Schornsteine GmbH produziert Industrieschornsteine für alles, was in der deutschen Wirtschaft Rang und Namen hat – von Daimler über VW bis Kärcher.  Die Edelstahlschornsteine aus Backnang stehen aber auch in Malaysia, Ägypten oder London und sogar auf Sylt. 
Was er konkret mit „Katastrophe“ meint, rechnet er anhand seiner eigenen Energiekosten für die Zentrale in Waldrems vor: „Bisher zahlten wir jährlich circa 23.000 Euro für Strom und Gas. Mit dem neuen Vertrag, den wir abschließen mussten, werden es über 100.000 Euro sein.“ Der Preis für das Isoliermaterial, das er für die Schornsteine braucht, ist seit letztem Herbst um 120 Prozent gestiegen. Wenigstens habe sich der Stahlpreis beruhigt, allerdings nach einer Verdoppelung innerhalb eines Jahres. Und seine Monteure verfahren jetzt jährlich Sprit für 120.000 statt für 50.000 Euro. „Das geht auf die Marge“, seufzt Kögel und ergänzt, „wir machen und tun jetzt viel mehr als sonst und trotzdem sind wir froh, wenn wir am Ende des Jahres wenigstens einen kleinen Gewinn haben werden.“ Denn weitergeben kann er die Mehrkosten kaum, weil in den meisten Verträge Fixpreise vereinbart waren. „Zack hast Du 250.000 Euro in der Kalkulation, die Dir als Betrieb fehlen“, fürchtet der Unternehmer.
Der Andrang war für unsere Mitarbeiter einfach nicht mehr zu schaffen.

Hans-Dieter Kögel, Chef der Kögel Schornsteine GmbH über den Erfolg seines Ofenstudios

Die Probleme machen sich auch bei Kögels zweitem Standbein bemerkbar, dem Ofenstudio, das zu circa zehn Prozent zum Geschäft beiträgt. Erst vor ein paar Jahren eröffnete er den einladenden Showroom. Nun hat er ihn bis auf weiteres geschlossen: „Der Andrang war für unsere Mitarbeiter einfach nicht mehr zu schaffen. Jeder, der schon mal an einen Ofen gedacht hat, will ihn nun verwirklichen“, erklärt er. Inzwischen muss man fünf Wochen auf einen Beratungstermin warten. Bis der Ofen dann raucht, vergeht noch einmal bis zu einem Jahr.  Und dann kostet so ein Wohnzimmerkamin mit Einbau 12.000 Euro statt 6000 wie noch vor zwei Jahren.
2019 hatten wir Kögel schon einmal besucht. Damals war er stolz darauf, auf keine Anfrage „Nein“ sagen zu müssen.  Jetzt muss er dauernd nein sagen, was ihm in der Seele weh tut: „Das Schräge ist, dass wir so viele Aufträge haben wie noch nie, aber die Ertragsseite stimmt nicht. Andererseits kommen wir nicht hinterher, obwohl wir inzwischen auch samstags arbeiten.“ 

Es müsse deutlich attraktiver sein zu arbeiten als nicht zu arbeiten

Da liegt aber schon das nächste Problem: Die Mitarbeiter wollen für die Samstagsarbeit 20 bis 25 Prozent mehr, damit es sich für sie lohnt. Kögel kann das verstehen, schließlich steigen ja auch deren Ausgaben rasant. Was ihn ärgert: Die Leute, die arbeiten wollen, solle man nicht immer mehr belasten. Es müsse deutlich attraktiver sein zu arbeiten als nicht zu arbeiten. Überhaupt hält er das überzogene Anspruchsdenken für ein Problem. Es sei entstanden, weil falsche ­Signale gesendet würden wie der Begriff „Bürgergeld“. Klar ist dem 58-Jährigen aber auch, „dass unsere Gesellschaft bis vor kurzem ziemlich verwöhnt war. Man habe angerufen oder geschrieben und dann bekommen, was man wollte“. Und die letzten Jahre sei es eigentlich immer nur bergauf gegangen, während sich früher die Aufs und Abs der Konjunktur im Drei- bis Siebenjahresrhythmus abgewechselt hätten.

Die Kosten treiben Mittelständler ins Ausland

Gerade erschien eine aktuelle Horváth-Studie wonach Unternehmen in Europa mit Hochdruck an der Lokalisierung ihrer Wertschöpfungsketten arbeiten. Allerdings wurden für die Studie 150 Topführungskräfte aus Unternehmen mit mindestens 200 Millionen Euro Jahresumsatz befragt. Zu Kögels Bekanntenkreis gehört allerdings eher der kleine Mittelstand, und da hört er das Gegenteil. „Ein Freund mit einem sehr energieintensiven Betrieb wollte eigentlich hier neu bauen. Jetzt überlegt er, die Produktion auf den Balkan zu verlegen, weil da die Kosten ganz andere sind“, erzählt er. Von Steuern und bürokratischen Auflagen ganz zu schweigen. „Wenn die Industrie mal weg ist, kommt sie nicht wieder“, mahnt er.
Wie lange hält ein kleiner Mittelständler mit 70 Mitarbeitern die Multikrise noch durch? „Ein Jahr super, weil wir immer gut gewirtschaftet haben, aber nicht ein zweites“, ist sich Kögel sicher.

Für energieintensive Betriebe stellt sich die Existenzfrage

Bäcker, Papierfabriken, Betonwerke, Chemiebetriebe, Brauereien, Härtereien und Stahlerzeuger – sie alle haben gemeinsam, dass die Ausgaben für Energiekosten den größten Teil Ihrer Betriebskosten ausmachen. Und sie alle haben sich in den vergangenen Jahren daran gewöhnt, dass die Kosten stetig steigen. Eine Entwicklung wie in diesem Jahr hat jedoch noch kein Unternehmen erlebt. Seit dem russischen Einmarsch in der Ukraine und dem weitgehenden Stopp der Erdgaslieferungen haben sich die Erdgaspreise zeitweilig verdreifacht, der Strompreis am Spotmarkt gar versechsfacht. Das Niveau ist mittlerweile zwar ein wenig gesunken, aber immer noch hoch. Für viele Betriebe stellt sich die Existenzfrage, wenn nicht bald etwas geschieht.
Auch bei der Kunstgießerei Ernst Strassacker in Süßen ist man beunruhigt. „Wie es im kommenden Jahr weitergeht, steht in den Sternen“, sagt Edith Strassacker, Chefin des Familienunternehmens und Präsidentin der IHK-Bezirkskammer Göppingen. Zum Jahresende läuft der Stromvertrag aus, der Strassacker über Jahre einen verlässlichen und auskömmlichen Energiepreis gesichert hat. Alle Schmelzöfen am einzigen Produktionsstandort Süßen werden mit Strom betrieben, die Stromrechnung ist schon zu normalen Zeiten ein großer Kostenblock bei der Gießerei. 

Noch kein neues Angebot vom Erdgasversorger

Bisher hat Strassacker noch kein neues Angebot von ihrem Energieversorger bekommen. In Aussicht gestellt wurde jedoch eine Preissteigerung, die bis zum Zwanzigfachen des bisherigen Tarifs reichen kann, erklärt Edith Strassacker schockiert: „Das wäre für uns in keiner Weise verkraftbar! Aber auch die gesamte europäische Wirtschaft kann solche Preise nicht bezahlen.“ Selbst wenn die Erhöhung letztlich geringer ausfallen sollte, kann die Firmenchefin, nur einen Teil ihres Bedarfs über einen Grundpreis sichern und muss sich ansonsten am Spotmarkt der Strombörse bedienen. Eine verlässliche Kostenkalkulation ist dann allerdings kaum mehr möglich, da die Preise dort sehr stark schwanken und Extreme nach oben und unten keine Seltenheit sind.
Mit Blick auf den Jahreswechsel versucht das Unternehmen, den moderaten Stromtarif so gut es geht zu nutzen und möglichst viele Aufträge noch im alten Jahr abzuarbeiten. Traditionell schickt die Gießerei ihre rund 400 Mitarbeiter von Weihnachten bis Dreikönig in den Urlaub – um Strom zu sparen, könnte es dieses Jahr eine Woche mehr werden. Das Süßener Unternehmen stellt Skulpturen und Objekte für Steinmetze, Firmen, Kommunen und Künstler überwiegend aus Bronze her. Ankerprojekte wie die gigantischen Bronzeportalen der „Al-Haram-Moschee“ in Mekka, das Denkmal für die norwegischen Opfer des Attentats in Utoya oder der überdimensionale Fuß von Uwe Seeler vor dem Hamburger Volksparkstadion haben die schwäbische Gießerei weit über den Südwesten hinaus bekannt gemacht. Auch die Rehkitz-Plastiken, mit denen die Preisträger des Burda-Medienpreises „Bambi“ ausgezeichnet werden, stammen aus Süßen.
Wir müssen alle, aber wirklich alle verfügbaren Energiequellen nutzen, sonst sieht es düster aus für die deutsche Wirtschaft

Edith Strassacker, Chefin der Kunstgießerei Strassacker und Präsidentin der IHK-Bezirkskammer Göppingen

Natürlich sind spätestens jetzt auch die Erneuerbaren Energien Chefsache bei Strassacker. „Wir werden alle Dächer mit Photovoltaik belegen und auch unsere Parkplätze mit Solarpaneelen überdachen“, kündigt die Firmenchefin an. Damit werde man mittelfristig einen erheblichen Teil des Energiebedarfs decken können. Doch Edith Strassacker gibt sich keinen Illusionen hin: „Auf die Schnelle wird das keine Entlastung bringen, denn die Lieferkettenprobleme halten ja an, und der Fachkräftemangel im Handwerk ist eher noch schlimmer geworden.“ Bis die ersten Induktionsöfen in Süßen mit Solarstrom betrieben werden können, rechnet sie deshalb mit ein bis zwei Jahren. Gesamtwirtschaftlich werde die Krise aber einen starken Schub für die Erneuerbaren auslösen, da ist sich die Unternehmerin sicher. Das sei aber nicht genug: „Wir müssen alle, aber wirklich alle verfügbaren Energiequellen nutzen, sonst sieht es düster aus für die deutsche Wirtschaft.“
Nach zwei harten Corona-Jahren hatte die Gastronomiebranche eigentlich gehofft, dass sich ihr Geschäft endlich wieder normalisieren würde. Doch nun wird es erneut in seinen Grundfesten erschüttert, diesmal durch die Energiekrise. „Kein Gas, dann können wir nicht kochen“, erklärt Heike Gehrung-Kauderer nüchtern. Die Chefin des Hirschen in Ruit und des Lamms in Scharnhausen fürchtet, dass dann wohl auch die Betten in ihren beiden Hotels leer bleiben würden, denn „wenn der Kunde nur noch kalt duschen kann, im ungeheizten Zimmer sitzt und nichts zu essen bekommt – wer zahlt da noch einen auskömmlichen Preis?“. 
Wenn der Kunde nur noch kalt duschen kann, im ungeheizten Zimmer sitzt und nichts zu essen bekommt – wer zahlt da noch einen auskömmlichen Preis?

Heike Gehrung-Kauderer Gastronomin und Präsidentin der IHK-Bezirkskammer Esslingen-Nürtingen über die Sorgen hinsichtlich ihrer beiden Hotels

Ohne Gas müsste auch ihr Wintergarten im Lamm kalt bleiben, ausgerechnet der größte Raum ihres Hauptrestaurants. Aber selbst wenn das Gas weiter fließ - bei den derzeitigen Preisen sei das Heizen völlig unrentabel, hat sie ausgerechnet. Reservierungen werden deshalb  auf ihr Haus in Ruit umgebucht, wo noch Öl für Wärme sorgt. „Ein Glück, dass wir noch nicht umgestellt haben, obwohl ja Jahre lang dafür geworben wurde, auf Gas zu wechseln“, ist sie froh. So konnte sie noch einmal, wenn auch „zu horrenden Preisen“, den Tank füllen lassen. „Lieber ein Haus teuer aber voll als im zweiten frieren“, erklärt sie.
Die Nase vorn haben jetzt Wettbewerber, die auf Wärmepumpen oder Solar gesetzt haben. Doch die beiden Häuser von Kauderer sind über 200 Jahre alt. Da kann man nicht so einfach eine Fußbodenheizung einbauen oder die Dächer mit Solarzellen bestücken. Selbst wenn: Jetzt noch schnell die Technik umzustellen, das geht leider nicht. Die Handwerker haben keine Kapazitäten und wenn doch, fehlt das Material. „Vor 2024 wäre das alles gar nicht realisierbar“, hat sich die Chefin erkundigt. Bleibt nur, Energie zu sparen, wo es geht und die Mitarbeiter dafür zu sensibilisieren. Doch die ersten Gäste monierten schon, es sei zu kalt. „Aber muss man im T-Shirt im Restaurant sitzen?“

Unternehmen halten sich mit der Buchung von Weihnachtsfeiern zurück

Als ob die Energiekrise nicht schon für genug Herausforderung sorgt, hängt zusätzlich noch das Damoklesschwert einer erneuten Corona-Schließungen über Hotels und Restaurants. Auch die Folgen dieser Unsicherheit sind deutlich spürbar. Die Weihnachtsmarktbesucher aus Italien und der Schweiz, die sonst im Dezember busweise Kauderers Häuser füllen, halten sich mit Buchungen zurück, und noch nie hatte sie um diese Zeit so wenige Reservierungen für adventliche Betriebsfeiern. Kommen doch Anfragen, stellen diese die Gastronomin vor ein weiteres Problem: „Ich weiß ja gar nicht, wie ich kalkulieren soll. Die Lebensmittelpreise steigen rasant, die Lohnkosten muss ich nach der Mindestlohnanhebung auch für meine Fachkräfte entsprechend anpassen und bei Anfragen für 2023 weiß ich nicht einmal, wie hoch dann die Mehrwertsteuer sein wird“, zählt sie auf. Schon jetzt seien ihre Kosten ein Drittel höher als vor Corona - bei nur geringfügig erhöhten Preisen: „Ich traue mich gar nicht mehr, jeden Monat zusammenzurechnen…“ 
Nach den Coronajahren nun weitere existenzbedrohende Schwierigkeiten, „das wird zu einem Ausverkauf der Gastrokultur führen, wie wir sie kennen“, ist sie überzeugt. „Dabei möchten wir als Mittelständler doch nur gut und solide arbeiten. Aber wir brauchen dafür faire Bedingungen“, seufzt die Geschäftsfrau. Leider sei das Bewusstsein dafür verloren gegangen, dass unsere Wirtschaft und damit unser Wohlstand genau auf diesem funktionierenden Mittelstand basiert. Stattdessen sei der Unternehmer per se der Böse. Ihm werde die Luft zum Atmen genommen. Die Gastronomin sieht aber nicht nur die Politik in der Pflicht, sondern die gesamte Gesellschaft: „Wir sind zu satt geworden in den letzten 70 Jahren, in denen es im Grunde immer aufwärts ging. Dabei ist der Sinn für das Gemeinwohl verloren gegangen.“ 
Was würde Betrieben wie den ihren jetzt helfen? „Ob eine Deckelung oder Subventionen der Energiepreise – das maße ich mir nicht an zu sagen, aber man darf uns nicht hinten runter fallen lassen und wir brauchen auf jeden Fall Verlässlichkeit“, fordert Kauderer. Die angedachte Mehrwertsteuersenkung auf Energie sei wegen des Vorsteuerabzugs jedoch keine Lösung. Und was ist mit dem Abwehrschirm, den die Bundesregierung aufspannen will? Für KMU soll da ein Basisverbrauch subventioniert werden und nur alles, was darüber hinaus geht, zu Marktpreisen bezahlt werden müssen. Kauderer: „Der Abwehrschirm Ist existenziell wichtig. Wir sind dankbar für die Zusicherungen. Das behebt allerdings das Problem nicht an der Wurzel. Die Regierung hat die Kernaufgabe der Energieversorgung.“
 
Kauderer gibt sich kämpferisch: „Ich hoffe, inständig, dass uns das Schlimmste erspart bleibt, aber es wäre blauäugig, das Szenario nicht vorzubereiten.“ Sie sei jedenfalls fest entschlossen, auch diese Krise zu überstehen.

Farbenfroh in den schwierigen Herbst

Im kleinen Modehaus Finck in Kernen-Rommelshausen leuchten die Pullover, Schals und Jacken in den fröhlichsten Farben: Knallrot, leuchtend Orange, kräftiges Pink, Smaragdgrün. Gar nicht so braun-schwarz-grau wie gewohnt ist die diesjährige Herbstmode. Brauchen die Leute in schlechten Zeiten solche Leuchtpunkte? Geschäftsführer Patrick Rettenmayr hat das zumindest für seine Person festgestellt: „Man muss sich schon immer wieder selber hochziehen und auf das Positive blicken. Immer nur Probleme, das hält man ja nicht aus“, erklärt der 29-Jährige. Zum Jahresende wird er das Göppinger Familienunternehmen mit Filialen in Fellbach und Kernen von seinem Vater Georg übernehmen. Der Urgroßvater hatte die kleine Modehauskette 1930 gekauft. Das bedeutet fast 100 Jahre Familien-Firmengeschichte. Da gab es sicher viele Auf und Abs. „Seit ich vor fünf Jahren eingestiegen bin, hauptsächlich leider Abs“, seufzt Rettenmayr. Corona war schon eine riesige Herausforderung, denn die Stammkundschaft von Finck ist nicht sehr online-affin. Sie will die Ware anfassen, fühlen,  probieren und dabei von den 35 Mitarbeiterinnen freundschaftlich beraten werden. Als die Lockdowns dann vorbei waren, erwies sich das allerdings als Pluspunkt. Es kamen sogar mehr Kunden als vorher, weil so mancher die Vorteile eines kleinen Geschäfts in der Nachbarschaft gegenüber den großen Anbietern in Stuttgart zu schätzen wusste. Die Geschäftszahlen waren dadurch schnell wieder auf Vor-Pandemie-Niveau. 
Man muss sich schon immer wieder selber hochziehen und auf das Positive blicken. Immer nur Probleme, das hält man ja nicht aus

Patrick Rettenmayr, Geschäftsführer der Finck-Modehäuser

Doch jetzt kommt das große Aber: „Die Zeit war einfach zu kurz für uns, um uns ausreichend zu erholen“, sagt Rettenmayr. Denn nun spürt der Modeunternehmer, wie von gleich zwei Seiten „die Schrauben angezogen werden“. Einerseits kaufen die Kunden weniger, weil die Inflation ihre Kaufkraft anderweitig bindet und weil die Kauflaune unter all den Krisen mächtig gelitten hat.  Andererseits steigen die Kosten, vor allem für Energie. 
Gerade hat Rettenmayr in der Filiale in Kernen den Zählerstand abgelesen: „Morgen ist der 1. Oktober, dann verdreifacht sich der Preis“. Dabei empfindet er das noch als glimpflich verglichen mit dem Hauptgeschäft in Göppingen, wo sein Vertrag nicht verlängert wurde. Strom wird ihn dort zukünftig das Acht- bis Zehnfache kosten, weil er zu Börsenpreisen kaufen muss „Das ist eine richtige Hausnummer!“ 

Das Energie-Sparpotenzial ist schon ausgereizt

Mit Sparmaßnahmen kann er das nicht auffangen. Das bescheinigte ihm auch der Keff-Berater der IHK, der seinen Verbrauch auf Einsparpotenzial hin gecheckt hat. Im Rahmen dieser „Kompetenzstelle Energieeffizienz“ können Unternehmen solche kostenlosen Erstanalysen für ihren Verbrauch bekommen. Doch bei Finck haben die Spezialisten nur noch Kleinigkeiten gefunden. Die Beleuchtung ist längst auf LED umgestellt und die Schaufenster werden nun nachts und am Wochenende eher dunkel. Die Heizung muss nun mal laufen, sonst probieren die Kunden nichts an und die Mitarbeiter frieren. 
Auch wenn er die rasche Umsetzung noch als fraglich ansieht, setzt er Hoffnung in den Abwehrschirm, den die Regierung nun angekündigt hat. „Nun muss die Politik beweisen, dass den Worten nun auch eine schnelle und wirksame Umsetzung folgt“, sagt er. Edith Strassacker von der Süßener Kunstgießerei kann da nur zustimmen. „Ich bin eigentlich ein optimistischer Mensch, aber diese Krise geht nicht von allein wieder weg. Wir müssen gegenüber der Politik deutlich machen, dass es superernst ist – viel, viel schlimmer als Corona.“ Mit „wir“ meint die Unternehmerin ausdrücklich auch die IHK: Energiepreise und Versorgungssicherheit haben für die IHK die erste Priorität. Die Stimme der Wirtschaft muss sich sehr laut und deutlich äußern, und das tut sie auch.“