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Verlage: Wo das Wort wohnt

Was mit Medien machen – das war jahrzehntelang der große Traum vieler Studenten. Wer ganz hoch hinaus wollte, der sah sich schon als Verleger – am besten in kariertem Jackett mit Lederflicken am Ärmel oder von Kopf bis Fuß in Schwarz. Nicht unwahrscheinlich, dass man dann in Stuttgart gewohnt hätte, denn hier saßen schon immer die großen Verlage des Landes, und nach dem Krieg fanden weitere wie Reclam oder Thieme eine neue Heimat. Neugründungen wie Readers ­Digest-Deutschland oder der Verlag Georg von Holtzbrinck kamen hinzu. 
Heute sind die Träume andere: Junge Leute wollen etwas mit dem Internet machen, denn Bits und Bytes haben Papier und Druckerschwärze abgelöst. Zudem haben viele Verlage Stuttgart verlassen oder gehören zumindest nicht mehr sich selbst. Andere haben ihre Schwerpunkte verlagert und verstehen sich gar nicht mehr als Verlag. 

11 Verlage auf 100.000 Einwohner - das ist ein nationaler Spitzenwert

Und trotzdem: Stuttgart ist eine Verlagsstadt geblieben. Mit elf Verlagen auf 100.000 Einwohner hat Stuttgart laut Börsenverein des deutschen Buchhandels die höchste ­Branchendichte von allen deutschen Städten. Und dabei sind die Gemeinden im Speckgürtel noch gar nicht mitgerechnet. Dasselbe gilt für den Spitzenplatz bei der Buchtitelproduktion pro Kopf, wo allein die Landeshauptstadt mit 578 Titeln pro 100.000 Einwohner Konkurrenten wie Berlin, München oder Frankfurt deutlich in den Schatten stellt.
Das liegt vor allem an den vielen Fachverlagen von Ulmer über Thieme bis hin zum Reisespezialisten Marco Polo. Und eigentlich jede deutschsprachige Bibel kommt aus Stuttgart, dazu ­Spiele mit Welterfolg wie Catan von Kosmos, die Zeitschriften der Motor Presse, aus dem Apothekerverlag oder die Titel von  Konradin wie „Bilder der Wissenschaft“. Nicht zu vergessen die Kinderbücher von Thienemann-Esslinger, zum Beispiel der „Räuber ­Hotzenplotz", der seit 60 Jahren die Kleinen entzückt.
Andere werden nach außen kaum wahrgenommen, haben in ihrer Community aber Weltruf. Die AVedition zum Beispiel, die sich auf Architektur und Szenografie spezialisiert hat. In 140 Ländern sind Bücher aus der Stuttgarter Senefelderstraße erhältlich. „Wie wollten von Anfang an so international aufgestellt sein, weil es unsere Branche und die dort tätigen Gestalter ja auch sind. Das ist unser Alleinstellungsmerkmal“, erklärt Dr. Petra Kiedaisch, zusammen mit Bettina Klett geschäftsführende Gesellschafterin.
Bei so einer Reichweite: Wäre es nicht einfacher, die Inhalte per E-Book in die Welt zu schicken? „Unsere Kunden möchten Bücher fühlen, riechen und legen größten Wert auf haptische Elemente“, weiß Kiedaisch. Sie hat „­Medienökonomie“ an der Hochschule der Medien unterrichtet, wobei sie immer wieder feststellte, dass auch die 20-Jährigen im Kurs den „Buchgenuss“ schätzen. „Der Wille zum Buch wird bleiben, auch wenn die Auflagen sinken“, ist sie überzeugt. 
Wir gehen damit ein bisschen schwanger

Verlegerin Petra Kiedaisch über die Entstehung von Büchern

Tatsächlich mag man gar nicht den Blick wenden von dem leuchtend bunten Buch, das auf dem Tisch liegt: so attraktiv, so einladend! Autor ist Stararchitekt Werner ­Sobek, der hier eine Bestandsaufnahme vorlegt, wie Bauen zum ­Klimawandel beiträgt. Es hätte ein dröges Zahlenwerk werden können. Doch das verhinderte Andreas Uebele mit seinen farbensatten Grafiken im Stile von Roy Lichtenstein. ­Inzwischen ist das Buch bereits in der vierten Auflage erschienen – und schon wieder vergriffen. Zwei weitere Bände sind in Vorbereitung.
Wie kommt man an solch einen ­Titel? „Wir waren sozusagen die Hebammen“, lächelt Kiedaisch und Bettina Klett ergänzt: „Wir haben Sobek immer wieder gesagt: teile Dein wertvolles Wissen mit der Welt“, erzählt sie „und wir haben ihn bestärkt, das Material so aufzubereiten, dass das Buch zum ­Lesen und Betrachten einlädt“. 
Meist läuft es jedoch umgekehrt: die beiden Verlegerinnen bekommen ein fertiges Manuskript mit der Bitte, es zu publizieren. Doch „wir sind sehr streng, was wir herausgeben und haben eine ziemlich spitze Ausrichtung“, sagt Klett, „wir wollen schließlich erkennbar bleiben“. Entschließen sie sich, ein Buch zu machen, dauert es zwischen neun bis zwölf Monate, bis es in den Handel kommt. „Wir gehen damit ein bisschen schwanger“, lacht Kiedaisch.

Longseller machen das Geschäft planbar

s Seit der Gründung durch IHK-Urgestein Norbert Daldrop vor 30 Jahren hat sich AVedition einen hervorragenden Ruf erworben. Das wurde 2022 mit dem Deutschen Verlagspreis honoriert. Das wissen aber auch Museen, Architektur­büros oder Lehrstühle. Wenn sie etwas zu feiern oder zu dokumentieren haben, wenden sie sich darum gern an das Verlegerinnen-Duo. Für den Verlag hat das den Vorteil, dass die Bücher von vornherein gewollt sind und dass es feste Abnehmer gibt. Im Gegensatz zu den Schnelldrehern in der Belletristik oder bei der Ratgeberliteratur sind die Werke aus der AVedition zudem Longseller mit einer Laufzeit von mindestens drei bis fünf Jahren. „Das hilft, dass man gut schlafen kann“, lacht Klett und freut sich, dass der Verlag von keiner Bank und keinem Kredit abhängig ist, „sondern nur von der schwarzen Null“.
Von und zu Weiler umringt von Büchern
Das Print-Geschäft ist nach wie vor das wichtigste Standbein bei Kohlhammer, sagt Leopold Freiherr von und zu Weiler, Chef des Verlages. © Jan Reich
Während die beiden Verlegerinnen AVedition vor zehn Jahren per Buy Out übernahmen, blickt Leopold Freiherr von und zu Weiler auf über 150 Jahre Familien- und Unternehmensgeschichte des Kohlhammer Verlages zurück. 340 Mitarbeiter publizieren 400 Titel jährlich. „Es müssen so viele sein“, sagt von ­Weiler, „denn das macht uns wirtschaftlich stabil“. Wenn beispielsweise Themen aus Psychologie oder Verwaltungsrecht weniger nachgefragt werden, kann das mit Bücher aus den Bereichen Feuerwehr oder ­Medizin ausgeglichen werden. Jedes halbe Jahr konferiert von Weiler mit den einzelnen Fachbereichen im Haus, um zu beschließen, „wo die Reise hingehen soll“. Dann werden passende Autoren gesucht, deren ­Manuskripte anschließend sorgfältig lektoriert und schließlich gedruckt werden. 
Juristen lesen gern digital, Theologen oder Pädagogen lieber auf Papier 

Verleger Leopold Freiherr von und zu Weiler über die Vorlieben seiner Kunden

Gedruckt? Liest man Fachbücher heutzutage nicht digital? „80 Prozent des Geschäftes machen wir mit Print. Die kleine Verschiebung während Corona hat sich längst zurückentwickelt“, erklärt von Weiler und ist überzeugt, dass das noch lange so bleiben wird. Allerdings ist ihm aufgefallen, dass die Zielgruppen verschieden mit dem Thema Print umgehen: „Juristen lesen gern digital, Theologen oder Pädagogen lieber auf Papier“. 
Grundsätzlich spiele das Medium für die Verlagsbranche aber nur eine untergeordnete Rolle: „Schließlich sind wir Informationsvermittler, da ist es nicht entscheidend, ob Papier oder elektronische ­Medien verwendet werden“, erklärt der geschäftsführende Gesellschafter. Problematischer sei da schon Open Access, also dass es im Grunde alle ­Informationen kostenlos im Netz gibt. Doch was sich die meisten Nutzer nicht klar machen: Verlage sind „Türsteher“, die darüber wachen, dass nur überprüfte Fakten veröffentlicht werden. Im Internet dagegen kann jeder alles „posten“, wie die vielen „fake news“ beweisen. „Leider sind die Schulen schon zahlenmäßig überfordert, den Kindern das richtige Lesen beizubringen“, bedauert zu Weiler. 

Mit Kohlhammer-Formularen hat jeder Deutsche von seinem ersten Tag an zu tun

Und überhaupt: Früher habe auch das lesefaulste Kind wenigstens Fix und Foxi gelesen – heute läsen viele gar nichts mehr. Höchstens noch die Produkte des zweiten Kohlhammer-Standbeins, denn die Stuttgarter betreiben auch den größten Formularverlag Deutschlands. „Alles, was im Leben wichtig ist, von der Geburtsurkunde bis zum Totenschein und natürlich alles dazwischen, dafür brauchen Sie die Anträge von uns“, sagt von Weiler. Auch hier ist das meiste noch auf Papier und wird in der hauseigenen Druckerei in Untertürkheim produziert. „Wir begleiten aber die ­Digitalisierung“, erklärt der Chef.
Der Verleger blickt optimistisch in die Zukunft.  Zwar gerate die Branche in schwierigere Fahrwasser. Das sei aber relativ, denn: „seit Gutenberg den Druck erfunden hat bis vor circa fünf Jahren hatten wir es supergemütlich“. Das mache den Job einfach spannender. Kohlhammer jedenfalls sei gut aufgestellt und das gelte auch für Stuttgart als Verlagsstandort: „Hier gibt es so viel verlegerische Substanz und dabei eine gute Mischung aus kleinen, mittleren und großen Verlagen - ich bin guter Dinge!“

Hat Vivaldi das Gloria wirklich so komponiert?

Eine kleine aber feine Nische bedient seit 50 Jahren auch der Carus-Verlag in Leinfelden-Echterdingen mit heute knapp 50 Mitarbeitern. Angefangen hat alles - wie so viele gute Ideen dieser Welt - im Keller eines Einfamilienhauses. Chorleiter Günter Graulich war Anfang der 1970er Jahre auf der Suche nach den ­ultimativen Noten für seinen „Motettenchor Stuttgart“: das Gloria von Vivaldi sollte es sein. Doch die Noten, die er fand, entsprachen nicht seinen Ansprüchen. 
Wie das? Schließlich ist Vivaldi seit 280 Jahren tot. Was sollte sich da an seinen Kompositionen ge­ändert haben? Offensichtlich viel: „Das ist genau unser USP: den sogenannten Urtext zu bieten, so wie sie ­ursprünglich erdacht worden war“, erzählt ­Ester Petri, Geschäftsführerin des Verlages. Denn über die Jahre und Jahrhunderte hätten sich manche ­Kopierfehler eingeschlichen, neue Quellen wie ­weitere ­Handschriften des Komponisten wurden entdeckt, und anderes sei überarbeitet worden – längst nicht immer im Sinne des Komponisten. 
Doch ist der Urtext wissenschaftlich fundiert „freigelegt“, ist das Sortiment von Carus langlebiger als zum Beispiel das von Belletristik- oder Sachbuchverlagen. „Vieles können wir zehn Jahre lang unverändert verkaufen. Deswegen ver­suchen wir zu schätzen, wie hoch die Auflage sein soll, damit wir die entsprechenden Mengen vorproduzieren“, erklärt Petri im riesigen und bis an die Decke vollen Lagerraum. Heute ist das „Gloria“ eines von 45.000 Stücken, die der Verlag liefern kann. Kaum vorstellbar, dass es unter den 3,7 Millionen Chorsängern in Deutschland jemanden gibt, der noch ­keine Carus- Noten in der Hand hatte. 

Sogar in Malaysia wird mit Noten aus Leinfelden-Echterdingen gesungen

Aber auch weltweit wird mit Noten aus Leinfelden-Echterdingen gesungen: „Wir liefern auch in die USA und sogar nach Malaysia an den dortigen Bach-Chor“, erzählt Petri. Den Grundstein zur internationalen Marktbearbeitung hatte schon Günter Graulich mit seiner Frau Waltraud gelegt. Auf den Chorreisen in alle Welt wurden immer auch Abstecher zu den örtlichen Musikalienhändlern eingebaut. 
Heute wird das Direktkundengeschäft immer wichtiger. Die Homepage wurde deshalb so aufbereitet, dass man nach Parametern wie Anlass, Komponist oder Schwierigkeitsgrad recherchieren kann. Ganz bedeutsam für Carus ist der regelmäßige Workshop in Leinfelden-Echter­dingen, denn da lernen nicht nur die Chorleiter den Verlag kennen, „sondern wir erfahren direkt, was die Leute ­brauchen. Dass wir das wissen, davon leben wir schließlich“, erklärt Petri. Die schätzen nicht nur die musikwissenschaftliche Kompetenz von Carus, ­sondern auch die physische Qualität der Noten, insbesondere das Papier: „Oft sind Scheinwerfer an, wo ein Chor auftritt. Da darf nichts spiegeln“, erklärt Petri. Auch Knittern darf das Papier nicht, wenn es mit manchmal aufregungsfeuchten Händen umgeblättert wird. Und selbst das Umblättern ist eine Möglichkeit, sich abzuheben: Carus achtet darauf, dass an einer musikalisch günstigen Stelle die nächste Seite dran ist. 
Dies alles bietet einen gewissen Schutz vor Kunden, die nur ein Exemplar ­kaufen und es dann kopieren wollen, obwohl das natürlich rechtlich nicht erlaubt ist. Überzeugen will Carus aber auch mit dem „extrem guten Service“ und Zusatzangeboten wie Materialien für die Programmhefte. Außerdem gibt es eine App, mit deren Hilfe die Sänger ihre Stimme allein üben können. 
Eine faire Vergütung essenziell. Nur so können wir auch in Zukunft Chören hervorragendes ­Notenmaterial anbieten.

Carus-Geschäftsführerin Ester Petri darüber, warum Raubkopien der Kultur schaden

Da immer mehr Musiker nicht mehr vom Blatt, sondern vom Tablet singen, kann man inzwischen auch PDF-­Lizenzen kaufen. Betonung auf „kaufen", denn „auch wenn wir vielerorts erleben, dass digitale Angebote fast gar nichts bis nichts kosten, können und wollen wir ­diese Entwicklung nicht mittragen“, sagt Petri und erklärt, „den Löwenanteil bei der Produktion der Noten leisten unsere Autoren zusammen mit den Menschen hier im Verlag. Daher ist eine faire Vergütung essenziell. Nur so können wir auch in Zukunft Chören hervorragendes ­Notenmaterial anbieten."

Anton Bruckners 200. Geburtstag fest im Blick

Stuttgart ist für sie eine Chorstadt: „Zumindest vor Corona waren wir verwöhnt, aber vielleicht liegt es auch daran, dass wir hier sind“, lacht Petri. Doch weil große Jubiläen die Nachfrage fördern, habe es „sehr weh getan“, dass das Beethoven-Jubiläum 2020 mitten in die Pandemie fiel. Überhaupt habe Corona besonders dem Kinder- und Jugendbereich zugesetzt.  „Manche Chorleiter sagen uns, so viele Anmeldungen hatten sie noch nie, aber viele andere kämpfen um den Nachwuchs“, hört Petri aus der Szene. Doch mit Liederbüchern für Kinder aller Altersstufen, ob zu Hause, in Kita oder Schule bis hin zum Kindermusical „Drei Fragezeichen“ tut Carus alles dafür, dass dem Nachwuchs die Freude am Singen erhalten wird. Und das nächste Jubiläum hat Carus schon fest im Blick: 2024 wird der 200. Geburtstag von Anton Bruckner begangen.
Klein aber fein ist auch der „Ein-Frau-Verlag“ von Jolanta Gatzanis in der Esslinger Straße in Stuttgart. Bereits im Treppenhaus empfängt einen überlebensgroß das Credo der Büchernärrin: „Ein Raum ohne Bücher ist ein Körper ohne Seele.“ Angefangen hat Gatzanis 1995, wie die IHK-Ehrenurkunde zum Jubiläum ausweist, die neben der Tür hängt. Damals hatte die studierte Verlagsfachfrau schon jahrelange Erfahrung sammeln können – zum Beispiel beim „Schnäppchenführer“. Auslöser für die Selbständigkeit war eine Partybekanntschaft: zwei Autoren suchten einen Verlag für ihr Buch über Erektionsstörungen. Günther Hauff, damaliger Geschäftsführer des Thieme Verlags, mit dem Gatzanis über ihr Erstlingswerk sprach, fand das Thema interessant, aber zu populärwissenschaftlich aufgearbeitet für seinen Fachbuchverlag. Er ermunterte sie aber: „machen, machen, machen!“
Jolanta Gatzanis mit einem Stapel Kataloge
Als Einzelkämpferin ist Jolanta Gatzanis schon seit 27 Jahren im Geschäft. Zum Programm ihres Gatzanis-Verlages gehört neben Kunstbüchern auch Populärwissenschaftliches zu Liebe und Sexualität. © Jens Reich
Viele Bücher in Sachen Liebe, Sexualität und Partnerschaft folgten. Ihnen allen ist gemeinsam, dass sie die Leser niederschwellig erreichen wollen. Bücher und niederschwellig – geht das überhaupt? „Auf jeden Fall“, sagt Gatzanis und nennt das Aufklärungsbuch für Jugendliche als Beispiel, das sie herausgebracht hat und über Pro Familia vertrieb. Informieren sich junge Leute nicht online? „Doch, aber Berater geben eben gern etwas mit nach Hause. Wenn Sie nur ein paar Links empfehlen, guckt da keiner rein, in ein Buch aber schon.“

Auch mit Büchern kann man Menschen niederschwellig erreichen

Die Idee, Menschen niederschwellig zu erreichen, prägt auch Gatzanis ­zweites Standbein, die Serie zur Kunst, die seit 2014 unter dem Namen „G:sichtet“ erscheint. Auch hier arbeitet sie mit renommierten Institutionen zusammen und findet so Vertriebsmöglichkeiten außerhalb des klassischen Buchhandels. Auf ihr Werk über nachhaltige Baukunst beispielsweise wurde das Fraunhofer Institut aufmerksam. Eine beachtliche Buchbestellung war die Folge. Auch eine bekannte Stuttgarter Galerie lässt ausgewählte Kunstkataloge als Imprint im Gatzanis Verlag erscheinen.
Die Zusammenarbeit nützt dabei beiden Seiten. Gatzanis kann die Vertriebswege der anderen nutzen, diese wiederum ihre Listung bei den Buch-Grossisten und ihre Marketing-Aktivitäten. So ist sie mit Blogs und auf Social Media aktiv. Vor allem aber beteiligt sie sich an Diskussionen im Netz zu „ihren“ Themen und lenkt so die Aufmerksamkeit auf die Verlagsprodukte. Diese Zusammenarbeit liebt Gatzanis und fasst das, was sie am Verlegerinnendasein so fasziniert, unter drei „Ks“ zusammen: Kommunikation, Kollaboration und ­Kreativität.
Das Buch wird nie sterben

Verlegerin Jolanta Gatzanis ist überzeugt von der Zukunftsfähigkeit ihres Mediums

Die Entwicklung in der Branche sei längst nicht zu Ende, glaubt Gatzanis. Es werde neue Technologien auch bei der Erstellung der Bücher geben, zum Beispiel künstliche Intelligenz. Auch die Art, wie Informationen konsumiert werden, werde sich weiter wandeln. Sie bleibt aber gelassen: „Das Buch wird nie sterben“, ist sie „felsenfest“ überzeugt.

Die Klett-Lilie kennt jedes Kind

Die Klett-Lilie gehört sicher zu den bekanntesten Markenzeichen für alle, die in Deutschland die Schulbank gedrückt haben. Schließlich ist ohne den Stuttgarter Traditionsverlag eine Schullaufbahn hierzulande seit Generationen undenkbar. Hinter dem, was man gemeinhin als Klett-Verlag versteht, verbirgt sich ­heute allerdings eine Unternehmensgruppe mit rund 80 Einzelunternehmen. Das reicht vom klassischen Verlagswesen mit ­Titeln wie „Herr der Ringe“ über Fern- und Hochschulen wie ILS und Euro-FH bis zu Kindertagesstätten wie „Kinderzentren Kunterbunt“. „Deswegen bin ich schizophren“, lacht Tilo Knoche und überreicht gleich zwei Visitenkarten: als Vorstand der Ernst Klett AG und als Vorsitzender der Geschäftsführung der Ernst Klett Verlags GmbH. Die AG ist dabei das Dach, unter dem die einzelnen Bereiche weitest­gehend autark arbeiten. „Das hält uns agil“, begründet Knoche die ­dezentrale Aufstellung. 
Allen gemeinsam ist, dass das Buch nicht mehr Kerngeschäft ist, sondern nur noch eines von mehreren Medien, um ­Inhalte zu transportieren. „Das romantische Bild vom Verleger, dem Autoren schöne Ideen präsentieren und wir veröffentlichen das – den habe ich in den letzten 25 Jahren so nicht erlebt“, räumt Knoche mit einem ­weiteren Klischee auf. Beim Klett-­Bildungsmedienhaus  funktioniere es beispielsweise genau andersherum, nämlich vom Endprodukt aus. Das Endprodukt ist „der perfekte Unterricht, also wie es läuft von 8 bis 16 Uhr in der Schule“. 

Warum der Lehrplan wie eine Wäscheleine ist

Was konkret damit gemeint ist, erläutert Knoche anhand einer 100 Meter langen Wäscheleine. Sie steht für den Lehrplan. Daran hängt der Verlag die unterschiedlichsten Angebote auf. Zu den Büchern im Schulranzen kommen so Arbeits­materialien, Apps, Lernplattformen, Diagnosemodule, aber auch Filme oder Handpuppen. Die Schulen können sich genau das von der Leine holen, was sie für ihren Unterricht brauchen. Millionen von Euro investiert Klett, bis so eine Wäscheleine vollständig bestückt ist. Eine Menge Geld wenn man bedenkt, dass die Lehrpläne dann nur zwischen zwei und zehn Jahren gelten. Viel Geld auch wenn man weiß, dass das Volumen dessen, was die öffentliche Hand für schulisches Lern­material ausgibt, seit Jahrzehnten inflationsbereinigt kaum erhöht wurde. Doch „­früher hat man höchstens mal eine CD-Rom beigelegt, heute haben wir hunderte von Plattformen, und die müssen alle laufen, wenn sich Montagsmorgen um acht Zehntausende Schulkinder gleichzeitig einloggen“, beschreibt er die Herausforderung.   
Tilo Knoche vor einer Bücherwand
Für ihre Schulbücher ist die Stuttgarter Klett-Gruppe fast jedem ein Begriff. Doch das Stuttgarter Unternehmen ist längst mehr, nämlich ein umfassender Lehrmittel- und Bildungsanbieter, der alle Kanäle bedient. Seit 2012 ist Tilo Knoche Geschäftsführer der Verlagsgesellschaft von Klett. © Jens Reich
Und dann gibt es ja auch noch Wettbewerber. Weil die Lehrerkollegien entscheiden, wer zum Zuge kommt, tut Klett alles, um diese persönlich zu überzeugen. „Über 1000 Veranstaltungen bieten wir jährlich an, dazu Treffpunkte, ­Beratung durch den Vertrieb und alles, was im Netz möglich ist“, zählt Knoche auf. Diese Kontakte helfen umgekehrt dem Verlag zu erfahren, was für guten Unterricht gebraucht wird. Die verantwortlichen Redaktionen stehen zudem im Austausch mit Wissenschaftlern, veröffentlichen Blogs und betreiben Marktforschung. „Hingehen muss man aber trotzdem“, sagt Knoche und meint damit, dass alle Redakteure mehrmals im Jahr bei echtem Unterricht hospitieren müssen. Er selbst übrigens auch.
Klingt tatsächlich alles ziemlich nüchtern, gerade für einen Verlag, der wie Klett in der Nachfolge so berühmter Verlegerfamilien wie Cotta oder Kröner steht. Gibt es wirklich überhaupt keine Verlagsromantik mehr? Was ist zum Beispiel mit der neunbändigen Ausgabe der Tagebücher von Harry Graf Kessler, die Klett in jahrelanger Arbeit herausgebracht hat? „Als Verlag haben wir einen Auftrag. Der heißt Qualität, Werthaltigkeit und Wirksamkeit“, räumt Knoche ein. Dafür brauche man manchmal einen langen Atem, und man müsse darauf achten, dass das Verhältnis zum Brot-und-Butter-Geschäft stimme. Aber „wir denken in Generationen, damit sind wir immer gut gefahren“. 
Wir denken in Generationen, damit sind wir immer gut gefahren

Klett-Geschäftsführer Tilo Knoche über den Verlag


Auch Knoche ist optimistisch für Stuttgart als Verlagsstadt: „Das ist ein toller Standort mit toller Infrastruktur, guter Wirtschaft, hohem Bildungsniveau, forderndem Qualitätsanspruch und großer Affinität zur Bildung!“ Auch für den Nachwuchs ist gesorgt: Die Hochschule der Medien bietet mit dem Studiengang Mediapublishing einen von nur drei Verlagsstudiengängen in Deutschland. 
Unser kleiner Rundgang durch die Szene zeigt: Der Weltgeist druckt immer noch schwäbisch. Und die Zeichen stehen gut, dass es so bleiben wird.
Dr. Annja Maga, Titelthema für Magazin Wirtschaft 1-2.2023