Hidden Champions

Blühende Dach-Landschaften

Hornklee, Scharfer Mauerpfeffer, Stockrosen oder gar Ginsterbüsche: Wer sich auf das Dach der Zinco GmbH führen lässt, wähnt sich in einem Garten, aber nicht mitten im Nürtinger Gewerbegebiet. Und Geschäftsführer Dieter Schenk genießt den Aha-Effekt: „Hier zeigen wir einen kleinen Ausschnitt davon, was mit unseren Dachbegrünungssystemen so möglich ist“, sagt der 56-Jährige. Und das ist so einiges.
Will man auf seinem Flachdach Artischocken anbauen oder einfach nur das Garagendach mit ein wenig Hauswurz, Sedum und Silbermoos verschönern, geht es um einen artenreichen Dachgarten oder um einen Golfplatz auf der Tiefgarage – für nahezu jede Anwendung haben die Spezialisten aus Nürtingen etwas anzubieten. „Wenn die Statik stimmt, können Sie auf Ihrem Dach auch einen Wald pflanzen“, so Schenk. Manche Referenzprojekte sind spektakulär. So war Zinco am „Copenhill“ beteiligt, dem Bau einer Skipiste auf dem Dach einer Müllverbrennungsanlage in Kopenhagen. Ebenso an der „High Line“, der Umgestaltung einer ehemaligen Hochbahntrasse in New York zu einem mehr als zwei Kilometer langen begehbaren Park in luftiger Höhe. Und als das Dach der Nationalbibliothek in Athen mit stattlichen Olivenbäumen bepflanzt wurde, war Technik aus Nürtingen ebenfalls dabei. 
Wenn die Statik stimmt,
können Sie auf Ihrem Dach
auch einen Wald pflanzen
Dabei stellt das Ingenieurunternehmen selbst gar nichts her. „Unsere 100 Mitarbeiter arbeiten in Entwicklung und Vertrieb“, erklärt Schenk. Die selbstentwickelten Dachaufbausysteme werden bei Zulieferern in Auftrag gegeben und über Speditionslager an den Baustoffgroßhandel geliefert. Endabnehmer sind Architekten, die die Dächer ihrer Kunden von Handwerksbetrieben herrichten und von Landschaftsgärtnern bepflanzen lassen. Aus Nürtingen kommt das Knowhow. Damit Kräuter, Stauden, Büsche und sogar Bäume wachsen, muss das Dach die grüne Last nicht nur tragen können, sondern auch gut gegen Nässe und vordringende Wurzeln abgedichtet sein. Je nach Begrünungsart ist auch Bewässerung vonnöten, sonst vertrocknet der Bewuchs oder legt für die heißen Monate eine Ruhepause ein. Dann aber ist es mit dem vielgepriesenen Kühlungseffekt für das Stadtklima nicht weit her.
Auf der ganzen Welt nehmen schwere Überschwemmungen zu. Ein wichtiger Grund ist, dass Regenwasser immer schlechter im Boden versickert, weil der Anteil bebauter und versiegelter Fläche wächst. Als Gegenmittel hat Zinco ein „Retentionsdach“ entwickelt, das noch mehr Wasser zurückhält, als das Erdsubstrat und die Pflanzen auf dem Gründach ohnehin schon speichern. „Möglich sind bis zu 100 Liter pro Quadratmeter zusätzlich, was für die Statik meist kein Problem darstellt“, sagt Schenk. Das Prinzip: Unter dem Substrat, in dem die Pflanzen wurzeln, wird ein Hohlraum geschaffen und durch Kunststoffstreben, so genannte Spacer, abgestützt. Regnet es stark, saugt sich zunächst das Substrat voll, bis es kein Wasser mehr aufnehmen kann. Überschüssiges Regenwasser sickert in den Hohlraum, wird dort gespeichert und über eine Drosselung kontrolliert wieder in die Regenrinne abgelassen. Der Abfluss streckt sich so über einen größeren Zeitraum, katastrophale Hochwasserpegel werden unwahrscheinlicher.
Der Artenschutz
ist nicht das schwächste
Argument für grüne Dächer
Eine andere Entwicklung betrifft die Unterkonstruktion von Solaranlagen. Gründächer werden gerne mit Photovoltaik kombiniert, weil sie starke Hitze dämpfen und so die Leistung der Anlagen erhöhen. Schwierig daran ist, dass die Solarmodule meist im Beton festgeschraubt werden – dadurch entstehen Lücken in der Abdichtung und die Gefahr von Nässeschäden wächst. Die Nürtinger lösen dass Problem dadurch, dass sich die Alu-Rahmen, auf denen die Solarpaneele ruhen, „durchdringungsfrei“ wie Bügel im Aufbau verankern lassen und das Substrat als Gegengewicht dient.
Seit über das Insektensterben diskutiert wird und die Biodiversität auf der politische Tagesordnung nach vorne gerückt ist, hat die Nachfrage nach Dachbegrünungen stark zugenommen, bestätigt der Zinco-Chef. Was diese für die Artenvielfalt in den Städten leisten können, kann man seit dem vergangenen Jahr auf dem 50 Jahre alten Dach eines Karlsruher Clubhauses sehen. Mit Futterpflanzen für Wildbienen, mit Holzstapeln und Sandfeldern für deren Vermehrung wurde dort das Feld für seltene Arten reich bestellt. „Das ist eben auch ein Argument für grüne Dächer“, sagt Schenk. „Und nicht das schwächste.“