Zeitsprung

Vom Bücherrevisor zum Rundumangebot

Geschäftsführer Holger Fuhrmann über die  HWS Holding Verwaltungs GmbH & Co. KG
Anfang des 20. Jahrhunderts wurden ­viele Unternehmen so groß und so international, dass es schwierig wurde, die Rechte aller Beteiligten zu schützen. Für den ­Gläubigerschutz wurde deshalb 1924 der vereidigte Buchprüfer in die Gewerbe­ordnung aufgenommen. Buch ist dabei ganz wörtlich zu verstehen, denn die ­Geschäftszahlen wurden in dicke ­Kladden eingetragen.

Einer der ersten Wirtschaftsprüfer Deutschlands

Schon ein Jahr zuvor, nämlich 1923, hatte unser Gründer Albert Haussmann die ­Sozietät Loeckle und Haussmann in Stuttgart eröffnet. „Bücherrevisor“ nannte er sich damals noch. Nachdem er 1932 das ­Examen abgelegt hatte, war er einer der ersten Wirtschaftsprüfer Deutschlands.
Kladde aus den 1920er Jahren
Vor 100 Jahren funktionierte die Buchführung noch mit Kladden. Heute ist selbstverständlich alles digital. © HWS
Das Inventar der jungen Firma bestand aus zwei Schreibmaschinen und zwei Kurbelrechenmaschinen. Unterstützt wurden Loeckle und Haussmann von zwei Sekretärinnen und zwei Lehrlingen. Deren Job bestand unter anderem darin, die Abschlüsse, die die Chefs erarbeiteten und mit Bleistift aufschrieben, „auszutinten“. Nicht selten waren das 70 bis 80 Seiten. Auch das ­Kopieren war eine große Mühe: Die Prüfungsberichte wurden auf Wachsmatritze geschrieben, die dann maximal vier- bis sechsmal abgezogen werden konnte.
Doch egal wie groß, die Chemie und das Vertrauen müssen stimmen!
Nach dem Krieg verließ Loeckle das ­Unternehmen. An seine Stelle trat Haussmanns Schwiegersohn Eugen Welz. Als 1962 noch Ulrich Seeger hinzukam, war „HWS“ komplett. Mehr Buchstaben sind nicht mehr dazu gekommen, wohl aber sehr viel mehr Partner.
Seeger war es auch, der in den 70er Jahren die Mandantenbuchhaltung einführte – gegen den Widerstand seiner Partner, die die Vermischung mit der Wirtschafts­prüfung fürchteten. Um dem aus dem Weg zu gehen, wurde für jeden Bereich ein ­eigenes Büro eingerichtet. In den 1970ern begann auch die Digitalisierung, und mit Herbert Merkle und Jürgen Pfizenmayer ­kamen zwei weitere Partner hinzu. Aus den vier Mitarbeitern waren 70 geworden.

Verlockendes Kaufangebot von einem der “Big Four”

2007 stand ein großer Generationenwechsel an. Ganz ungewöhnlich: alle ­Gesellschafter traten gleichzeitig in den ­Ruhestand. Kurz stand im Raum, ein lukratives Angebot eines der „Big Four“ anzunehmen. Doch die Geschäftsleitung setzte auf die jungen Nachwuchskräfte, die heute noch in der Partnerschaft sind.

Seit dem Umbruch 2007 ist es noch einmal rasant weitergegangen. Heute gibt es 20 Standorte und 30 Partner, die alle gleichwertig sind. 650 Leute arbeiten für HWS. Bei der Mitarbeitergewinnung hilft uns, dass wir unsere Standorte so gut sichtbar platziert haben. Hier in Korb zum Beispiel direkt an der B14 oder in Grunbach an der B29. Das ist die beste Werbung, weil unser beleuchtetes Firmenschild immer da ist – Tag und Nacht. Das schafft keine Anzeige und auch kein Social Media.

Wohnbüros halten die Fluktuation gering

Besonders freue ich mich, dass die Fluktuation bei HWS so gering ist. Dafür tun wir auch einiges. So haben wir in den letzten Jahren alle neuen Niederlassungen als freundliche Wohnbüros konzipiert. Das zahlt sich jetzt aus, denn nach dem Corona-Einschnitt sind die Büros wieder voll. Das finde ich auch wichtig, denn der persön­liche Austauch ist doch nicht zu ersetzen.

Vom Mittelständler für den Mittelstand

Auch zu den Kunden ist der persönliche Kontakt meiner Meinung nach unersetzlich. Wir betreuen internationale Firmen, zum Beispiel in Mexiko und Indien, aber unser Fokus ist auf den schwäbischen ­Mittelstand gerichtet. Doch egal wie groß, die Chemie und das Vertrauen müssen stimmen! Dann übernehmen wir die ­komplette unternehmerische Begleitung, von den Steuern über die Finanzen bis zur Nachfolge- oder Übernahmeberatung. ­Sogar Streitschlichtung bieten wir an.
Wie es weitergeht? Seit dem Generationswechsel 2007 hat sich die Welt fundamental geändert - Stichwort iPhone - und die Zeitsprünge werden immer kürzer. ChatGPT sehen wir zum Beispiel als große Chance, weil sich die Kunden schon vorab informieren können, bevor sie zu uns kommen. Aber verzichtbar werden wir dadurch nicht werden: ein so breites interdisziplinäres Netzwerk von Notaren über Anwälte, Banken bis zu Unternehmensberatungen, dazu mit regionaler Mittelstandskompetenz – das gibt es nur im realen Leben.
 aufgezeichnet von Dr. Annja Maga für Magazin Wirtschaft 9-10.2023, Rubrik Menschen und Ideen