Wissenschaft

"Nie zuvor gab es eine Generation, die so sehr die Gegenwart prägen konnte"

Der Fernsehjournalist und Physiker Ranga Yogeshwar („Quarks & Co.“) tritt für ein breites Verständnis wissenschaftlicher Themen und für die höhere Wertschätzung der MINT-Fächer ein. Im Sommer sprach er bei der Eröffnung des Stuttgarter Wissenschaftsfestivals und stattete auch dem energieeffizienten IHK-Haus einen Besuch ab. Anlass für uns, ihn nach der Bedeutung der Wissenschaft für unsere Gesellschaft zu fragen.

Herr Yogeshwar, Anlass Ihres Besuches ist das Wissenschaftsfestival der Stadt Stuttgart. Warum sind Sie dabei und warum sind solche Veranstaltungen wichtig?

Das Wissenschaftsfestival hier in Stuttgart ist aus drei Gründen wichtig. Der erste: Wissenschaft ist Treiber der Veränderung in unserer Welt. In Deutschland waren wir in der Vergangenheit Gestalter des Fortschritts, und das wollen wir immer noch bleiben. Der zweite Aspekt ist, dass wir in der jetzigen Zeit angesichts der großen Herausforderung der Nachhaltigkeit merken, dass sich noch viel verändern muss: Im Hinblick auf den Klimawandel, auf Ressourcen und vieles mehr. Darauf zu reagieren ist zu einem großen Teil Aufgabe der Wissenschaft und Technik.  Wir müssen uns fragen, wie wir eine zukünftige Technik so gestalten können, dass sie uns hilft, besser mit diesem Planeten umzugehen. Und der dritte Aspekt: Wir leben in einer Welt des globalen Wettbewerbs und merken, dass andere Länder uns davonschwimmen. Laut OECD wird China im Jahr 2030 einen Anteil von 37 Prozent an den Wissenschaftlern und Technikern weltweit haben, Indien 27 Prozent. Wir sind bei nicht einmal zwei Prozent. Das bedeutet, wir müssen junge Menschen stärker für Wissenschaft und Technik begeistern, weil das die Voraussetzung für die Zukunft eines Landes wie Deutschland ist.

Haben Sie den Eindruck, dass das Interesse und das Verständnis für Naturwissenschaften durch Themen wie Klimawandel, Corona, KI und Energiepolitik in den vergangenen Jahren gestiegen ist?

Dass Wissenschaft eine ganz wichtige Rolle spielt, haben wir gerade im Kontext von Corona gemerkt. Das war die erste große Pandemie in Europa, bei der die Wissenschaft viele Schlüssel geliefert hat. Nicht nur in der schnellen Erkenntnis, zu wissen, was das für ein Virus ist und wie es sich ausbreitet, sondern – und das ist sensationell - auch in der Tatsache, dass wir in kürzester Zeit in der Lage waren, einen wirksamen Impfstoff zu entwickeln. Und das auch noch mit unverschämtem Glück hier in Deutschland. Auch die Technik spielt eine ganz wesentliche Rolle: Stellen Sie sich einen Lockdown vor wie wir ihn alle erlebt haben – aber ohne Internet, ohne die Möglichkeit mit anderen zu kommunizieren. Das war bei vorausgegangen Pandemien so – etwa in die Pest-Pandemie in London vor 350 Jahren. Da wurden Menschen in ein Haus eingesperrt ohne jede Möglichkeit zu kommunizieren. Umgekehrt merken wir aber auch, dass wir in der Vermittlung besser werden müssen. Es gibt einen substanziellen Anteil von Menschen, die der Wissenschaft nicht mehr glauben, sie manchmal sogar ablehnen - Stichwort Impfgegner, Klimaleugner. In einem industrialisierten Land, in einem Wissenschaftsland wie wir es sind, ist es schwer, diese Leute mitzunehmen. Wenn wir nicht erleben wollen, wie unsere Gesellschaft zerbricht, müssen viel mehr an der Kommunikation tun, uns erklären, offen sein, auch ins Gespräch kommen mit Menschen die vielleicht auf den ersten Blick skeptisch sind. Wissenschaftsvermittlung ist nicht das, was in der Schule passiert: Der Lehrer weiß es und muss es den Schülern beibringen. Wissensvermittlung ist heute immer mehr auch ein dialogisches Format, in dem man auch die Argumente des anderen hört und gemeinsam zu einer besseren Lösung kommt.

Um Probleme wie Klimawandel, Artenschwund, Pandemien etc. anzugehen, braucht man Naturwissenschaftler und Ingenieure. Die Studierendenzahlen in diesen Fächern nehmen aber kaum zu. Was können wir tun?

Diese Frage höre ich seit 30 Jahren, der Rückgang in den MINT-Fächern ist in Deutschland ein Dauerthema. Es gibt inzwischen sehr viele Initiativen, die versuchen, etwas dagegen zu unternehmen. Das Wissenschaftsfestival Stuttgart ist ein schönes Beispiel. Nächste Woche findet die Ideen-Expo in Hannover statt, dort waren beim letzten Mal 400.000 junge Menschen in einer Woche! Was wir aber noch viel stärker versuchen müssen zu vermitteln, ist die Chance, die darin liegt, wenn junge Menschen Wissenschaft aktiv angehen. Dadurch haben sie einen Anteil an der Gestaltung nicht nur der Zukunft, sondern, weil heute alles so schnell geht, schon der Gegenwart. Und das ist eine enorme Freiheit. Nie zuvor gab es eine Generation, die so die Gegenwart prägen konnte wie heute.