Startups revisited

Startups revisited – das machen unsere Gründer heute

Drei der Unternehmen, die wir 2019 im Rahmen unserer Gründer-Serie vorstellten, hatten den Start mit neuen Lebensmitteln gewagt – ein Bereich, der von Corona besonders betroffen war.
Das Kaffee-ähnliche Getränk aus Dattelkernen, das Mydate auf den Markt brachte, war zwar für den heimischen Gebrauch gedacht. Trotzdem war es letztendlich die Pandemie, die dafür sorgte, dass das ­Geschäft Weihnachten 2020 eingestellt wurde: „Corona bereitete uns erheblichen Probleme in der Lieferkette, vor allem in Tunesien. Es war kaum mehr möglich zu produzieren, auch weil Arbeitskräfte Schwierigkeiten hatten, den Arbeitsplatz zu erreichen“, berichtet Mitgründer Andre Schwarz. Das Ende schmerzt umso mehr als das Geschäft bis Anfang 2020 gut lief und die Erwartungen hoch waren. Einen kompletten Schlussstrich will Schwarz aber nicht ziehen: „Die Idee bleibt be­stehen, wer weiß was die Zukunft bringt.“
Auch die beiden Maxes von Weinfly hatten ein Szenegetränk entwickelt. Weinfly ­sollte dank Taurin, Guarana und Koffein Energie für lange Partynächte liefern und gleichzeitig Wein bei jungen Leuten populärer machen. Die kleinen Flaschen eroberten Supermärkte, Kinos und Clubs – bis der Lockdown kam. Doch die beiden Fellbacher lassen sich nicht entmutigen: auf Instagram, Facebook &Co. findet man weiterhin coole Bilder und flotte Sprüche im firmentypischen Schwarz-Gold.
Die jungen Frauen von Spoontainable, die wir im Juli 2019 mit ihren essbaren Eislöffeln vorstellten, konnten seither sogar Aldi von ihrer Idee überzeugen – leider aber nicht mehr von Stuttgart aus: Im März 2020 zogen sie nach Heidelberg. Laut Pressemeldung reizten das erste eigene Büro und die Möglichkeit, „das dortige Startup-Öko­system ­aufzumischen.“ Zu schade. Schließlich gibt es hier auch eine tolle Startup-Szene!
Endlich eigene Büros, das wissen auch die Mitarbeiter der FinMatch AG zu schätzen. „Mensch, jetzt sind wir ja eine richtige ­Firma“, hätten die sich am Einzugstag gefreut, wie Mitgründer und CEO Martin Hipp erzählt. Der Umzug war nötig, weil das „Portal für Finanzentscheider“, wie es sich selbst nennt, inzwischen auf 40 Mitarbeiter angewachsen ist. FinMatch bringt als unabhängige Plattform mittelständische Unternehmen mit Finanzierungspartnern zusammen. Und das mit Erfolg: 2020 wurden Finanzierungen im Volumen von insgesamt 350 Millionen Euro vermittelt und dabei mit über 300 Banken zusammengearbeitet.
Noch ein weiteres unserer Startups von 2019 entschied sich für die Finanzbranche. Die Comeco GmbH & Co. KG entwickelte eine Finanz-App namens Teo, die Multibanking mit Commerce und zusätzlichen Service­angeboten verbindet. Neueste Weiter­entwicklung ist ein Partnerportal, „mit dessen Hilfe sich Unternehmen selbst an die App andocken und ihre Produkte oder Dienstleistungen der Community vorstellen können“, wie Geschäftsführer Stefan Bisterfeld erklärt.  Inzwischen nutzen eine ganze Reihe von bekannten Marken Teo, zuletzt kam das Shoppingparadies Metzingen dazu.
Positiv klingt es auch bei Boris Mayer. Das beginnt schon bei der Telefonschleife: ­„No­thing but the best“ singt da Frank ­Sinatra. Tatsächlich spezialisierte sich ­Mayer auf Immobilien im hochpreisigen Segment als er sich vor zwei Jahren als Franchisenehmer des Maklers Dahler & Company Immobilien selbständig ­machte. „Unsere Prognosen ­haben sich übererfüllt“, berichtet er stolz, „das freut die Bank, mich und den Franchisegeber“. Fünf Mitarbeiter arbeiten inzwischen in der Remise der Villa Gemmingen im Stuttgarter Süden. Auch Corona konnte dem Erfolg nichts anhaben: „Wir hatten schon vorher 360-Grad-Rundgänge unserer Objekte erstellt, da hatten wir die Nase vorn“, freut sich Mayer.
Mit einer Dienstleistung ganz anderer Art stellten wir im März 2019 die VVL GmbH vor: der Automatisierung von Scan-­Prozessen. Doch VVL gibt es nicht mehr. Gründer Lutz Volckart nennt eine ganze Reihe von Gründen dafür: Hoher Logistikaufwand bei großen Stückzahlen, mangelnde Risikobereitschaft deutscher Unter­nehmen im Bereich AR- und VR-Marketing, aber auch die Abgrenzung zur Fotografie und zu Billiganbietern bis hin zu Schnittstellenverlusten hätten dafür gesorgt, dass das Geschäft – obwohl durchgehend wirtschaftlich – auf Dauer als „nicht zukunftsfähig eingestuft wurde“, erzählt er. Jedoch hat sich der 43-Jährige dabei eine Menge Knowhow erworben, das er für eine neue Firma nutzen wird: „Sie soll Unternehmen enablen, die Scantechnologie selber zu nutzen. Dabei werde ich sie anleiten und beraten.“  
Wolfgang Heinrich am Strand mit einer seiner Uhren am Handgelenk
Unter der Überschrift „Heimat am Handgelenk“ stellten wir im Juni 2019 Tastemaker vor, eine Uhrenmarke mit Stuttgart-Touch. 2020 etablierte ­Gründer Wolfgang Heinrich eine zweite Marke, diesmal  für mechanische Uhren: „Heinrich.Watch“. Zur Finanzierung sammelte er 70.000 Euro per Crowd­founding ein. Nun sind die bestellten „high-quality, vintage inspired tool watches  Made in Germany“ ausgeliefert. Weitere werden über die Homepage verkauft. „Das Feedback ist viel globaler als mit Taste­maker“, freut sich der 45-Jährige. „Es gibt eine große Community und Foren auf ­Social-Media-Plattformen. Das hilft sehr“. Weil er nebenher noch einen Vollzeitjob hat, denkt er darüber nach Tastemaker allmählich auslaufen zu lassen: „Das wird sonst zu viel.“
Kleiner Junge mit Reinigungsgerät
Mit einem Produkt zum Anfassen ist auch Andreas Hölle an den Start ­gegangen und klingt zwei Jahre später noch sehr zufrieden. Seine Dampftec GmbH verkauft selbst entwickelte Reinigungs­geräte. „Dank Corona spielen Hygiene und Sauberkeit eine noch viel größere Rolle“, hat er festgestellt. Besonders die gewerbliche Nachfrage habe stark zugelegt – fast alles über Empfehlungen. Bewährt hat sich auch die Entscheidung, Luftreiniger ins Sortiment aufzunehmen. Zunächst waren sie eigentlich für Allergiker gedacht. Hölle passte sie an die Coronaanforderungen an und gewann damit ein weiteres Produkt, das die Firma gedeihen lässt  
Traurig dagegen ist die Nachricht, die von der JobSelektor GmbH in Leinfelden-­Echterdingen kommt: Gründerin Manuela Schwarz ist letztes Jahr plötzlich verstorben. Jedoch hat ihr Mann Volker Schwarz den Personaldienstleister übernommen. Innerhalb der Marke „Ep Medical Care“ hat JobSelektor sich inzwischen auf die Vermittlung von medizinischen Fachpflegekräften aus Drittstaaten spezialisiert, insbesondere von den Philippinen.
Dr. Annja Maga, Redaktion Magazin Wirtschaft für Magazin Wirtschaft 10.2021