24. Mai 2022

Konjunkturumfrage: IHK-Klimaindex unter 100 Punkten

Die Konjunktur im Bezirk der Industrie- und Handelskammer (IHK) Kassel-Marburg trübt sich im Frühsommer 2022 deutlich ein. Zu diesem Ergebnis kommt die aktuelle IHK-Konjunkturumfrage.
Der IHK-Klimaindex, der gewichtete Faktor aus gegenwärtiger und zukünftiger Lagebeurteilung, fällt auf 94,4 Punkte (Jahresanfang: 114,5 Punkte, Vorjahr: 105,6 Punkte) und damit deutlich unter die wichtige Marke von 100 Punkten. Als größtes Risiko für die wirtschaftliche Entwicklung nennen 83,5 Prozent der befragten IHK-Mitglieder nicht mehr wie in den Umfragen zuvor den Fachkräftemangel, sondern steigende Rohstoff- und Energiepreise. Mit 57,4 Prozent folgt der Fachkräftemangel nunmehr auf Platz zwei, in den wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen sehen 57,0 Prozent ein Risiko für ihr Unternehmen in den nächsten zwölf Monaten. Einen Lichtblick stellt die Situation im Gastgewerbe dar: Die Branche schaut mit Zuversicht auf die kommenden Monate. Neben einem Corona-Nachholeffekt könnte hier der Ausblick auf die documenta fifteen eine wesentliche Rolle für die positive Stimmung spielen. Die Konjunkturumfrage fand vom 19. April bis 5. Mai 2022 statt.
Die Gründe für die Konjunktureintrübung liegen auf der Hand: Der Krieg in der Ukraine, der zu deutlich steigenden Energiepreisen führt, sich ausweitende Lieferengpässe sowie die weiter zunehmende Inflation hinterlassen neben anderen Faktoren wie dem weiterhin bestehenden Fachkräftemangel Spuren. Die Beurteilung der gegenwärtigen Lage unterscheidet sich dabei deutlich von den zukünftigen Geschäftserwartungen der Unternehmen in Nordhessen und der Region Marburg. Während die Unternehmen die gegenwärtige Lage noch weitgehend als befriedigend beurteilen, schätzen sie die nächsten zwölf Monate deutlich negativer ein: 38,9 Prozent der heimischen Betriebe gehen von einer schlechteren Entwicklung aus.
Auch und vor allem für Branchen wie Verkehr und Logistik sind steigende Energiekosten eine große Herausforderung: „Die Kraftstoffkosten für den Logistiksektor sind zu einem extremen Belastungsfaktor geworden. Insbesondere mittelständisch geprägte Betriebe kommen zunehmend an ihre Grenzen“, kommentiert IHK-Präsidiumsmitglied Ellen Kördel-Heinemann, Geschäftsführerin der Spedition Heinrich Kördel GmbH in Guxhagen. „Die im Entlastungspaket enthaltene Senkung der Energiesteuer auf Diesel und Benzin ist ein erster richtiger Schritt, aber ohne weitere Entlastungen wie zum Beispiel die Einführung des Gewerbediesels wird es sehr schwer.“
Insgesamt geht die Investitionsneigung leicht zurück, wenngleich die Situation sich hier angesichts des herausfordernden Umfeldes als recht stabil erweist. 29,6 Prozent (Vorbericht: 35,3 Prozent, Vorjahr: 24,9 Prozent) gehen sogar von einer zunehmenden Investitionstätigkeit aus, 42,2 Prozent (Vorbericht: 45,4 Prozent, Vorjahr: 48,6 Prozent) von einer etwa gleichbleibenden Investitionstätigkeit. 28,2 Prozent (Vorbericht: 19,3 Prozent, Vorjahr: 26,5 Prozent) erwarten abnehmende Investitionen. Das ergibt im Saldo ein Plus von 1,4 Punkten (Vorbericht: + 16,0 Punkte). Die Hauptmotive für die Investitionen sind Ersatzbedarf, Rationalisierungen und Kapazitätsausweitungen. Investitionen in den Umweltschutz nehmen bei Mehrfachnennungen 27,2 Prozent (Jahresanfang 24,1 Prozent) der Unternehmen vor. Die Beschäftigungspläne der Unternehmen bleiben aktuell weitestgehend stabil: Bei 61,1 Prozent soll die Zahl der Beschäftigten gleichbleiben. 14,5 Prozent wollen in den kommenden zwölf Monaten Arbeitsplätze reduzieren. 24,4 Prozent planen, zusätzliches Personal einzustellen.
Auch der Export leidet unter den globalen Rahmenbedingungen. In Asien sorgen strikte Corona-Maßnahmen wie die Schließung des wichtigen Handelshafens Shanghai für weitere Probleme in den angespannten Lieferketten. Aktuell geht jedes dritte Unternehmen von einem rückläufigen Exportvolumen aus, so zum Beispiel die Kahl & Schlichterle Maschinen- und Getränkeindustrie GmbH: „Unsere Auslandsnachfrage ist noch weitestgehend intakt“, so Esther Kahl, Geschäftsführerin des in Burgwald ansässigen Unternehmens. Sie unterstreicht: „Gründe hierfür sind unter anderem, dass die Getränkeindustrie weniger konjunkturabhängig ist als andere Industriezweige. Dennoch hat die gesamtwirtschaftliche Entwicklung auch Auswirkung auf unsere Aktivitäten. Wir sind zum Beispiel mit längeren Lieferzeiten für Bauteile, Problemen bei der globalen Transportlogistik und steigenden Kosten für Beschaffung und Energie konfrontiert. Von dem Krieg in der Ukraine ist unser Unternehmen derzeit direkt betroffen, da wir eine bereits angezahlte Maschine mit hohem Auftragswert für eine russische Brauerei nicht ausliefern können und auf die Restzahlung warten.“
IHK-Hauptgeschäftsführer Dr. Arnd Klein-Zirbes betont mit Blick auf die zahlreichen Krisen, die sich derzeit überlagern, es sei wichtig, dass die Politik die Belastungen für die Unternehmen jetzt so gering wie möglich hält: „Als äußerst schwierig könnte sich herausstellen, dass sich an die Corona-Krise, deren Ende noch nicht definitiv zu konstatieren ist, keine Erholungsphase anschließt. Wirtschaft und Politik sind nun – nicht zuletzt mit Blick auf den Transformationsprozess hin zur Klimaneutralität – besonders gefordert. Nun heißt es, alle beeinflussbaren Rahmenbedingungen so stabil wie möglich zu halten. Dazu zählt eine Verminderung der Abhängigkeit von Russland ebenso wie der beschleunigte Ausbau von Wind- und Sonnenenergie.“ Um eine größere Unabhängigkeit von Russland und China zu erreichen, sei es erforderlich, dass die EU und die Bundesregierung leistungsfähige Kooperationen mit anderen Ländern anstreben, unterhalten und stärken.
Der gesamte Konjunkturbericht mit detaillierten Brancheninformationen ist unter www.ihk.de/kassel-marburg/konjunktur zu finden.