Von Claudia Lösler
Genau hier setzt das berufliche Feststellungsverfahren der IHKs an. Berufliche Kompetenzen, die außerhalb einer klassischen Ausbildung erworben wurden, werden bewertet und bescheinigt. Damit erhalten Menschen ohne Berufsabschluss die Möglichkeit, ihr Können sichtbar und anerkannt zu machen. Das Verfahren gilt bundesweit als wichtiger Baustein gegen den Fachkräftemangel und zur Mitarbeiterbindung. Während es vielerorts noch wenig bekannt ist, setzt die IHK Heilbronn-Franken bundesweit Maßstäbe. Rund 30 Verfahren hat sie in diesem Jahr bereits begleitet. Für Menschen mit umfangreicher Praxiserfahrung eröffnet es neue Chancen auf berufliche Weiterentwicklung, für Unternehmen ist es ein wirkungsvolles Instrument zur Fachkräftesicherung und Mitarbeiterbindung.
Mit 50 nochmal etwas beweisen
Irma Tomilo arbeitet seit mehr als zehn Jahren bei der Firma RECARO Aircraft Seating GmbH & Co.KG in Schwäbisch Hall. Ursprünglich hatte sie Siebdruckerin gelernt, wagte dann jedoch den Wechsel in die Logistik. „Ich war schon immer offen für Neues, habe die Chance einfach genutzt und festgestellt, dass mir die Logistik riesigen Spaß macht. Ich bin viele Jahre drangeblieben und habe mir alles selbst erarbeitet, obwohl ich nie eine Ausbildung in diesem Bereich gemacht habe“, erzählt die 50-Jährige. Mit der Zeit übernahm sie immer mehr Verantwortung. Sie wurde stellvertretende Schichtführerin und erkannte, dass für weitere Entwicklungsschritte vor allem eines fehlte: ein offizieller Nachweis ihrer Qualifikation.
Irgendwann habe ich mich gefragt: Wo stehe ich eigentlich fachlich? Was kann ich wirklich? Und welche Möglichkeiten habe ich noch?
Irma Tomilo
Für einen klassischen Schulweg fühlte sie sich zu alt. Aber warum sollte man sich mit fast 50 nicht noch einmal etwas beweisen? Bei ihren Recherchen stieß sie auf das Validierungsverfahren der IHK Heilbronn-Franken. „Die Beratung war unglaublich aufschlussreich. Mir wurden verschiedene Wege aufgezeigt und ich habe schnell gemerkt, dass das genau die Chance ist, die ich gesucht habe.“ Ihr Chef und sie hatten keinerlei Zweifel, dass sie diesen Weg gemeinsam gehen wollten.
Für den Betrieb und für Irma Tomilo bedeutete der Schritt vor allem viel Zeit zu investieren. Ein ganzes Jahr lang Jahr tauchte Tomilo in alle praktischen Bereiche einer klassischen Logistikausbildung ein, wechselte innerhalb des Betriebs den Arbeitsort und eignete sich zusätzliches Wissen an. Im Unternehmen selbst wurde Personal abgestellt, um Irma Tomilo fachlich weiterzubilden, sie lief mit ihren Kolleginnen und Kollegen mit, außerdem stand Tomilos Vorgesetzter, selbst langjähriger Prüfer bei der IHK, ihr mit Rat und Fachwissen zur Seite.
Mein Chef hat mich bestens vorbereitet. Wir sind gemeinsam Unterlagen durchgegangen, haben Prozesse besprochen und vieles noch einmal vertieft. Das hat mir enorm geholfen.
Der entscheidende Tag kam schließlich in Form einer rund fünfstündigen Feststellung. Zwei Prüfer nahmen die erfahrene Logistikerin an ihrer Arbeitsstelle genau unter die Lupe. „Natürlich war ich angespannt. Auch mit 50 Jahren ist man nervös, wenn zwei Prüfer vor einem stehen und alles hinterfragen. Aber sie sind auf mich eingegangen. Das hat mir Sicherheit gegeben.“ Besonders beeindruckt hat sie, wie praxisnah das Verfahren aufgebaut ist. „Viele Fachbegriffe nutzen wir im Betrieb gar nicht, obwohl wir die Inhalte täglich anwenden. Die Prüfer schauen deshalb genau hin, was man tatsächlich kann. Dafür möchte ich wirklich ein großes Lob aussprechen.“
„Ich kann die Validierung nur weiterempfehlen“
Als am Ende feststand, dass ihre Kompetenzen erfolgreich bestätigt wurden, überwog vor allem Stolz. „Persönlich bin ich über mich hinausgewachsen. Beruflich hat es mir neue Möglichkeiten eröffnet. Ich kann jetzt den nächsten Schritt gehen. Dieser letzte Haken hat einfach noch gefehlt.“
Auch für das Unternehmen selbst war die Validierung Neuland. Irma Tomilo weiß aber, dass ihr Betrieb diesen Weg künftig öfter gehen möchte. Gerade für Beschäftigte, die sich über Jahre hinweg Kompetenzen angeeignet haben, sieht sie enormes Potenzial. “Ich kann die Validierung nur weiterempfehlen. Es ist kein Spaziergang, sondern harte Arbeit", sagt Tomilo. Und weiter:
Am Ende geht es um mehr als nur das gute Gefühl zu wissen, dass man etwas kann. Es geht darum, dass dieses Können auch offiziell anerkannt wird.