Von Claudia Lösler
Adolf Würth aus Künzelsau möchte nach über 20 Jahren in der Verkaufsbranche raus aus seinem festen Arbeitsverhältnis. Im Juli 1945 gründet er eine eigene Großhandelsfirma für Schrauben und Muttern – die heutige Adolf Würth GmbH & Co. KG. Niemand ahnt damals, dass hier der Ursprung eines Weltkonzerns liegt, der heute über 86.000 Mitarbeitende weltweit beschäftigt, in 80 Ländern mit über 2.800 Niederlassungen vertreten ist und zu dem über 400 Gesellschaften gehören. Hierzulande gehört Würth zu einem der größten Arbeitgeber in der Wirtschaftsregion Heilbronn-Franken und seit mehr als 80 Jahren ist die Region Hohenlohe das Zuhause von Würth.
Bild: Adolf und Reinhold Würth
Es ist vor allem Prof. Dr. h. c. mult. Reinhold Würth, der Sohn des Gründers und heute Ehrenvorsitzender des Stiftungsaufsichtsrats der Würth-Gruppe, der das Unternehmen zu dem gemacht hat, was es heute ist: führend in der Entwicklung, der Herstellung und dem Vertrieb von Montage- und Befestigungsmaterial. Mit und durch Reinhold Würth hat sich das Unternehmen über all die Jahrzehnte immer wieder transformiert, neue Bereiche und Potenziale für sich entdeckt und sich dem Bedarf des Marktes angepasst.
Vergangenes Jahr feierte Reinhold Würth seinen 90. Geburtstag und zog sich endgültig in die zweite Reihe zurück. Den Vorsitz des Stiftungsaufsichtsrats übergab er an seinen Enkel Benjamin Würth, der den Wachstumskurs des Familienunternehmens fortführt. 2025 hat der Konzern einen Rekordumsatz von mehr als 20 Milliarden Euro erzielt.
Ein Unternehmer wie kein zweiter
Mit gerade einmal 14 Jahren nimmt Adolf Würth seinen Sohn aus der Schule, um ihn im eigenen Unternehmen einzubinden. Er ist neben Albert Berner, dem heutigen Geschäftsführer der weltweit agierenden Berner Group aus Künzelsau, der zweite Mitarbeiter und der erste Lehrling. Reinhold Würth durchläuft wie sein Vater eine Ausbildung als Verkäufer, lernt schon früh zu verhandeln und Aufträge zu gewinnen.
Das war eine beinharte Lehre und dafür bin ich heute noch dankbar.
Reinhold Würth
Nur wenige Jahre später, 1954, stirbt Adolf Würth an Herzversagen und Reinhold Würth übernimmt mit 19 Jahren gemeinsam mit seiner Mutter Alma die Verantwortung. Die Großhandelsfirma profitiert vom allgemeinen Wirtschaftsaufschwung durch den Wiederaufbau. Überall werden Schrauben und Befestigungssysteme benötigt und Würth liefert sie. „Ich selbst – im 90. Lebensjahr – überblicke die ganze Periode und weiß, wie in den ersten Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg das ganze Land von einer hoch optimistischen Aufbruchstimmung geprägt war: Es wurde gearbeitet, ja geschuftet, um die zerstörten Städte wieder aufzubauen, Straßen und Autobahnen wurden konzipiert und jeder Mann und jede Frau war dankbar für die neu erlangte demokratische Freiheit“, erinnert sich Reinhold Würth in seinem Essay im Geschäftsbericht 2024.
In den 60er Jahren beginnt die Internationalisierung des Unternehmens. 1962 wird die erste Auslandsgesellschaft in den Niederlanden gegründet, kurz darauf folgten die Schweiz und Österreich – der Startschuss für eine Expansionsreise, die bis heute anhält. Schon 1969 wagte das Unternehmen den Sprung über den Atlantik in die USA und nach Südafrika.
In den folgenden Jahrzehnten entsteht aus der Schraubengroßhandlung ein globales, diversifiziertes Unternehmen. Handwerkzeug für den professionellen Einsatz oder Werkstattwägen werden selbst entwickelt, der Direktvertrieb perfektioniert und die Produktpalette der Würth-Gruppe wächst auf heute über drei Millionen Produkte an. Parallel dazu expandiert Würth in angrenzende Geschäftsfelder wie Elektrogroßhandel, Elektronik oder Finanzdienstleistungen.
Um die Jahrtausendwende erreicht die Vision von Reinhold Würth einen ihrer emotionalsten Höhepunkte: Das Unternehmen knackt die Umsatzmarke von fünf Milliarden Euro – ein Ziel, das er selbst Jahre zuvor mutig formuliert hatte. „Vision 2000” wird Realität. Parallel zum wirtschaftlichen Wachstum entwickelte sich eine weitere Leidenschaft: die Kunst. Mit dem Erwerb seines ersten Gemäldes von Emil Nolde 1972 legte Reinhold Würth den Grundstein für eine der größten privaten Kunstsammlungen Europas, heute mit über 20.000 Werken.
Ich würd schon lügen, wenn ich sagen würde, dass ich nicht ein bisschen stolz bin auf das, was schon erreicht wurde.
Reinhold Würth
so der Kunstmäzen im SWR-Interview. Auch hier übergibt er 2025 die Verantwortung an die nächste Generation. Seine Enkelin Maria Würth wird Geschäftsbereichsleiterin für den Bereich Kunst und Kultur.
Die nächste Generation
Es ist die Generation der Enkelin und Enkel, die das Vermächtnis von Reinhold Würth weiterführen sollen. Neben Benjamin und Maria Würth hat auch Sebastian Würth, der dritte Enkel, Verantwortung übernommen und ist seit 2025 mit an Bord. Er überwacht als Vorsitzender des Beirats die Unternehmensstrategie. In ihrem Grußwort zum 90. Geburtstag blicken sie voller Dankbarkeit auf ihren Großvater: „Wir sind sehr dankbar, dass du uns auf deiner Reise von klein auf mitgenommen hast. Deine Neugier und dein Streben nach Wandel haben uns gelehrt, Stillstand nicht zu akzeptieren. Es ist wichtig, uns an unsere Wurzeln zu erinnern und gleichzeitig den Blick nach vorne zu richten.“