Von Claudia Lösler
Die Digitalisierung erreicht zunehmend auch die klassischen Kernprozesse des Außenhandels – und verändert damit die Arbeit der Industrie- und Handelskammern (IHKs) grundlegend. Besonders deutlich wird dieser Wandel beim Ursprungszeugnis und beim Carnet ATA. Was jahrzehntelang von Papier, Stempeln und physischen Dokumenten geprägt war, entwickelt sich gerade zu einem vollständig digitalen System, das Unternehmen Zeit, Kosten und Aufwand erspart.
Das Ursprungszeugnis ist dabei eines der wichtigsten Dokumente im internationalen Handel, da es den handelspolitischen Ursprung einer Ware bestätigt und in vielen Ländern Voraussetzung für die Einfuhr oder von Zollregelungen ist. Mit dem volldigitalen Ursprungszeugnis ist Deutschland ein großer Schritt gelungen, denn seit September 2025 können Unternehmen diese öffentliche Urkunde bei der zuständigen IHK komplett online beantragen, prüfen lassen und als rechtsverbindliche Datei nutzen. Damit entfällt der frühere Zwang, Dokumente nach der Bearbeitung auszudrucken und physisch weiterzugeben.
Diese Entwicklung ist ein Meilenstein, weil Ursprungszeugnisse rechtlich als öffentliche Urkunden gelten und ihre Digitalisierung daher besonders hohe Anforderungen erfüllen musste. Das Ergebnis ist eine vollständig digitale Lösung, die mit Verifizierungscode und Seriennummer jederzeit online überprüfbar ist und weltweit akzeptiert wird. Für Unternehmen bedeutet das nicht nur mehr Sicherheit, sondern auch eine erhebliche Vereinfachung ihrer Prozesse, da Medienbrüche vermieden und Dokumente ohne Zeitverlust versendet werden können.
Heilbronn-Franken: Digitalisierung schon weit fortgeschritten
Wie weit dieser Wandel bereits in der Praxis angekommen ist, zeigt sich in der Region Heilbronn-Franken. „Jedes Jahr stellen wir rund 30.000 Ursprungszeugnisse und Bescheinigungen aus. 99 Prozent werden schon elektronisch abgewickelt und von den 99 Prozent sind bereits ein halbes Jahr nach der Einführung 63 Prozent volldigital“, berichtet Giovanni Anello, Berater Außenwirtschaft bei der IHK. Das bedeutet konkret, dass viele Unternehmen aus der Region bereits vollständig papierlos arbeiten „Unsere Unternehmen nehmen das Angebot sehr gut an, und der Erklärungsbedarf ist gering, was die Alltagstauglichkeit der neuen Verfahren unterstreicht“, sagt Anello.
Auch auf politischer Ebene wird diese Entwicklung aufmerksam verfolgt. Beim IHK-Tag in Berlin ließ sich kürzlich Bundeskanzler Friedrich Merz das digitale Ursprungszeugnis persönlich erklären und zeigte sich begeistert.
Das war natürlich großartige Werbung für unser neues Angebot
Giovanni Anello
Solche Signale verdeutlichen, dass die Digitalisierung der Außenhandelsdokumente nicht nur ein technisches Projekt ist, sondern ein wichtiger Baustein für die Wettbewerbsfähigkeit des Wirtschaftsstandorts Deutschland.
Der nächste Schritt: Das Carnet wird digital
Parallel dazu steht bereits die nächste große Neuerung an: das digitale Carnet ATA. Dieses Dokument wird häufig als „Reisepass für Waren“ bezeichnet, da es die vorübergehende Ein-, Aus- und Durchfuhr von Gütern ohne zusätzliche Zollformalitäten ermöglicht. Ab dem 1. Juni beginnt die schrittweise volldigitale Abwicklung, zunächst in der Europäischen Union sowie in der Schweiz, Norwegen und Großbritannien. Bis spätestens Ende 2027 soll das System weltweit eingeführt sein.
Die Vorteile entsprechen denen des digitalen Ursprungszeugnisses und gehen teilweise sogar darüber hinaus. Die Abfertigung wird schneller, da Dokumente elektronisch übermittelt werden und beispielsweise per QR-Code abrufbar sind. Gleichzeitig sinkt das Risiko von Verlusten, da die Dokumente digital gespeichert sind. Darüber hinaus wird die Transparenz erhöht, da der Status eines Carnet jederzeit nachvollziehbar ist.
In der Region Heilbronn-Franken bereitet sich die IHK bereits intensiv auf diese Umstellung vor. „Wir beraten unsere Kundinnen und Kunden, haben es selbst schon getestet und stellen aktuelle Informationen über verschiedene Kanäle zur Verfügung“, sagt Franziska Wahl, Außenwirtschaftsberaterin bei der IHK. Die Kundinnen und Kunden kommen in diesem Fall nicht nur aus der Industrie, sondern auch aus dem Handwerk, aus der Künstlerszene oder sind Privatpersonen.
Das Carnet wird dabei in vielen unterschiedlichen Bereichen eingesetzt. Gerade bei internationalen Großereignissen wie den Olympischen Spielen ermöglicht es, Ausrüstung schnell und unkompliziert über Grenzen zu transportieren. „Auch Bands, die ihre Instrumente ins Ausland mitnehmen möchten, Handwerker mit Berufsausrüstung oder Unternehmen mit Warenmustern melden sich bei uns“, erzählt Ulrike Hörnstein, ebenfalls Beraterin im Bereich Außenwirtschaft.
Für die Region werden jährlich rund 200 Carnets ausgestellt. Sie sind in der Regel ein Jahr gültig und können mehrfach genutzt werden, was sie besonders flexibel macht. Am häufigsten werden sie für Transporte in die Schweiz eingesetzt, gefolgt von Großbritannien, den USA und verschiedenen Ländern in Asien.
Von der Ablage aufs Smartphone
Der praktische Nutzen des neuen volldigitalen Carnets zeigt sich auch im Alltag sehr konkret.
Früher hat sich der LKW-Fahrer das Formular ins Ablagefach gelegt, da konnte es auch mal verloren gehen. Ab sofort ist es auf dem Handy verfügbar, da geht es deutlich seltener verloren
Ulrike Hörnstein
Auch die Zollämter in der Region Heilbronn-Franken blicken der Neueinführung des volldigitalen Carnet gut vorbereitet entgegen. Carsten Götz, Leiter des Zollamts Heilbronn, rechnet mit einem harmonischen Übergang: „Es ist völlig normal, dass sich zu Beginn eines neuen Projekts Abläufe erst einspielen müssen. Das gehört bei einer Umstellung dazu. Letztendlich überwiegen aber ganz klar die Vorteile für alle, im Grunde versprechen wir uns weniger Bürokratie und schnellere, moderne Prozesse.“