Von Claudia Lösler
Aber wir haben das Beste daraus gemacht.
Hans-Jörg Vollert
Die Geschäftssparte Betonfertigteilwerke ging an den finnischen Branchenführer Elematic Oyj über. Für den Unternehmer war das rückblickend auch ein Befreiungsschlag: „Wir sind wieder fokussiert und haben uns ein bisschen von dem Fett befreit, das wir über die Jahre angesetzt hatten.“ Der Hauptteil der bisherigen Vollert Anlagenbau GmbH, das Geschäft mit Schwerlast-Intralogistik und Rangier- und Verladesystemen, wurde zu 75 Prozent von der tschechischen PKD Holding übernommen. Hans-Jörg Vollert hält weiterhin 25 Prozent der Anteile.
Im Januar dieses Jahres erfolgte die Neufirmierung in die Vollert Heavy Duty Solutions GmbH. Damit konzentriert sich das Traditionsunternehmen wieder konsequent auf das, was es über Generationen hinweg geprägt hat: schwere Lasten von A nach B bewegen. „Wir kehren quasi wieder zu unseren Wurzeln zurück.“ So lag der Fokus des Unternehmens über viele Jahrzehnte in den Komponenten Seil, Rolle und Schiene.
Von der Weinbergseilbahn zur Intralogistik
Am Anfang, 1925, stehen die Wengerter-Brüder, die steilen Hänge und der Großvater von Hans-Jörg Vollert, der eine Lösung für die Mühen des Weinbergs sucht. Er baut Seilbahnen, erst für die eigene Familie, später für ganz Süddeutschland. Das Seil ist der erste technische Schritt.
Mit dem Erfolg kommen neue Aufgaben und die Arbeit verlagert sich von der Steillage in auf den Boden und vom Seil zu Rollen. Bodengeführte Seilzuganlagen transportieren ab den 50er Jahren unter anderem Holz in den Betrieben. Kurze Zeit später entwickelt Vollert Produktionsumlaufanlagen unter anderem für Meissner Porzellan und Villeroy & Boch. Aus den Rollen werden ab den 80er Jahren die erste eigene Rangiermaschine, später Schwerlastkrane – und schließlich entwickelt sich ein breites Portfolio an Fördertechnik, das unter anderem die Metall- und Automobilindustrie prägt.
Während diese technische Entwicklung voranschreitet, bleibt die familiäre Geschichte eng verbunden. „Mein Großvater verstarb 1947 bei einem Zugunglück. Mein Vater war zu dem Zeitpunkt 13 Jahre alt, mein Onkel 19 Jahre. Zusammen mit meiner Großmutter haben sie den Betrieb am Laufen gehalten. Das war schon hart.“ Auch Hans Jörg Vollert verliert seinen Vater früh. Mit 22 Jahren trifft ihn die Verantwortung, aber auch die Entscheidung, dass er das Unternehmen weiterführen möchte. Die Situation zu dem Zeitpunkt ist nicht einfach, denn sein Onkel hält ebenfalls Anteile. 1999 steigt er dennoch in den Betrieb ein – ohne eigenes Kapital, gestützt von einer Existenzgründung mit der L Bank. Im Jahr 2000 übernimmt er das Unternehmen vollständig.
Mit der Übernahme führt der Weg des Unternehmens weit in die Welt hinaus. Alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter erhalten Englischkurse, die Aufträge in Lateinamerika und Asien steigen an und es werden eigene Niederlassungen unter anderem in Brasilien, China und Indien eröffnet. Zugleich spezialisiert sich Vollert auf Aluminium, Stahl und Betonfertigteile im XXL Format.
Bis 2017 kamen rund 80 Prozent der Aufträge außerhalb von der EU
Hans-Jörg Vollert
Zahllose Projekte beweisen die immer wiederkehrende Innovationskraft des Unternehmens: „In Thailand haben wir das größte Betonfertigteilwerk der Welt gebaut, an Flughäfen wie Taipeh, Hongkong, Singapur und Korea vollautomatisierte Hochregallager realisiert und Anlagen entwickelt, in denen Neufahrzeuge und heute sogar Trucks, lager- und transportfähig gestapelt werden können.“ Auf der Schiene präsentiert Vollert den ersten Rangier Robot mit diesel-elektrischem Antrieb und automatisierter Fahrweise. Heute stehen diese Maschinen weltweit im Einsatz. Der größte davon, ein 151 Tonnen-Koloss, ist die schwerste Rangiermaschine Großbritanniens.
Aus der Krise wird ein Neustart
Doch die letzten Jahre haben gezeigt, wie schnell auch ein über viele Jahre und Jahrzehnte gewachsenes Unternehmen in Schieflage geraten kann. In den 2010ern verliert das Unternehmen ein Schiedsgerichtsverfahren – eine hohe finanzielle Belastung. Danach treffen Corona und der Ukraine-Krieg das internationale Geschäft hart. Ein verlustreicher Großauftrag, und die damit verbundene finanzielle Vorleistung seitens der Vollert Anlagenbau GmbH, verschärft 2025 die Lage. Die Liquidität ist aufgebraucht und obwohl die Schulden gering waren, verweigern Banken Bürgschaften, Kunden ziehen sich zurück. „Schon 2020 hatten wir erste Überlegungen zu einer grundlegenden Transformation.“ Fünf Jahre später wurde sie schließlich umgesetzt, allerdings nicht aus freien Stücken. „Die nächsten anderthalb Jahre werden nicht einfach,“, macht Hans-Jörg Vollert deutlich.
Aber das Leben findet immer nach vorne statt.
Hans-Jörg Vollert
Die Auftragseingänge im Januar und Februar waren sehr gut, der Markt habe die Transformation positiv aufgenommen, berichtet der Geschäftsführer. Für ihn steckt enormes Wachstumspotenzial in Indien und in den USA. Er ist sich bewusst: „Was jetzt verlagert wird, kommt nicht mehr zurück.“ Und dennoch hält er an seinem Unternehmenssitz in Weinsberg fest: „Wir waren permanent in Transformation und werden es auch künftig sein. Wichtig ist nur, dass der Standort Deutschland wieder attraktiver wird.“