Von Claudia Lösler
“Es ist mehr als wahrscheinlich, dass jeder von uns mindestens einmal am Tag eine Verpackung in der Hand hält, die mit einem Stanz- oder Thermowerkzeug von uns hergestellt wurde”, sagt Peter Marbach. Zur Erläuterung: Mit einem Stanzwerkzeug werden Verpackungen, zum Beispiel aus Karton oder Wellpappe, gestanzt. Mit einem Thermoformwerkzeug können zum Beispiel Becher oder Schalen produziert werden.
"Unser größter Kunde im Marbach Werkzeugbau ist Tetra Pak. Der Hauptmarkt für unsere Thermowerkzeuge im Bereich Kunststoffverpackungen sind die USA, gefolgt von China. Denken Sie nur an die Trinkbecher oder die McSundae®-Becher von McDonald’s – davon gehen täglich Millionen über die Ladentheken.“
Seit mehr als 100 Jahren besteht das Familienunternehmen Marbach. 1923 als Drei-Mann-Betrieb gegründet, hat sich der kleine Handwerksbetrieb über drei Generationen hinweg zu einem international tätigen Unternehmen entwickelt. Dabei stand das Unternehmen nie still, sondern hat sich kontinuierlich weiterentwickelt und seine Lösungen immer wieder an neue Anforderungen der Industrie angepasst.
Ein Beispiel dafür ist das digitale Produkt CONNECT|M. Hierbei werden Werkzeuge mit Sensoren ausgestattet, die während der Produktion verschiedene Daten erfassen. Kunden können diese Kennzahlen und Parameter live und in Echtzeit betrachten und so frühzeitig Veränderungen im Prozess erkennen. Dadurch lässt sich im Bedarfsfall direkt in der Produktion reagieren, Ausschuss minimieren und die Effizienz der Abläufe erhöhen. „Viele erfahrene Fachkräfte der Babyboomer-Generation gehen derzeit in den Ruhestand. Deshalb entwickeln wir Lösungen, die Wissen transparenter machen und Mitarbeitende im Produktionsalltag mit datenbasierten Informationen unterstützen“, sagt Peter Marbach.
Wie ein Zufall neue Türen öffnete
Auffällig an der Marbach-Geschichte ist, dass sie selten geradlinig verläuft. Mehrmals ist es ein Zufall, der alles verändert. In den 1930er-Jahren suchte die Heilbronner Werbemittelfabrik Firma Nupnau einen regionalen Lieferanten für Bandstahlschnitte und fand ihn bei Marbach. Der bisherige Lieferant aus Berlin war zu weit entfernt, und durch die damals ausschließlich per Post laufende Kommunikation dauerte der Austausch oft lange, da Antworten mehrfach hin und her geschickt werden mussten. Mit den Bandstahlschnitten wurden unter anderem farbige Buchstaben aus Papier, Karton und Pappe für Schaufensterdekorationen gestanzt. Für Marbach eröffnete sich damit zugleich ein neues Kundenfeld in der papierverarbeitenden und der Werbemittelindustrie. Später entstand durch die Firma Knorr, ebenfalls aus Heilbronn, zusätzlich Bedarf an Werkzeugen für die Produktion von Faltschachteln.
Die bedeutendsten Umbrüche kommen aber aus der Werkstatt selbst. Etwa 1972, als Marbach die erste CO2-Laseranlage für Stanzformen in Europa installiert. Durch einen Vortrag in Großbritannien wurde Karl Marbach junior, also der Vater von Peter Marbach, auf diese Technologie aufmerksam. „Ich frage mich bis heute, wie er den Vortrag ohne Englischkenntnisse verstanden hat, aber dieser Moment markiert definitiv einen Wendepunkt in unserem Unternehmen.“ Schneiden mit Licht statt mit Sägeblatt. Ein damals radikaler Schritt, den viele vielleicht für verrückt hielten, für die Firma Marbach war er der Start einer neuen Ära. Und so fortschrittlich, dass selbst Wettbewerber von Marbach mit den gelaserten Trägerplatten versorgt wurden. Das Familienunternehmen war plötzlich Technologieführer und blieb es.
Ob in Polen, USA, China oder Lateinamerika - Marbach produziert weltweit dort, wo auch die Verpackungen produziert werden.
Wir folgen unseren Kunden.
Peter Marbach
„Das reduziert Transportkosten, verbessert die Qualität und schafft Nähe zu großen globalen Märkten.“ Heute ist Polen der größte Auslandsstandort, direkt gefolgt von den USA.
Krisen, die den Kurs geändert haben
Nicht alles lief glatt in der über 100-jährigen Geschichte der Firma Marbach. 1992, mit der Einführung des Grünen Punkts, brechen plötzlich Aufträge weg. „Reihenweise wurden Aufträge storniert“, erzählt der Geschäftsführer. Und das, als gerade eine Gebäudeerweiterung fertiggestellt war. „Da war es verdammt knapp. Fast hätte es das Ende des Familienunternehmens bedeutet“, erinnert sich Peter Marbach, der in dritter Generation das Unternehmen führt.
Doch wie so oft folgt auch hier eine unerwartete Wendung: Die deutsche Wiedervereinigung öffnete Türen. In Ostdeutschland standen viele Betriebe vor der Stilllegung und Marbach stieg in eine GmbH im Erzgebirge ein. In dieser Zeit kam Peter Marbach in das Unternehmen.
Es gab schon viele Momente, da dachte ich: Never ever übernehme ich die Firma. Warum ich es dann doch gemacht habe, weiß ich nicht mehr.
Peter Marbach
In den folgenden Jahren entstehen bei Marbach zahlreiche Innovationen, viele davon sind heute Marktstandard. So wurden 1994 erste Schneid-Segmente für rotative Vollstahlwerkzeuge hergestellt, kurze Zeit später entsteht der Produktbereich Rotationswerkzeuge für Zigarettenverpackungen.
Im Jahr 1984 begann außerdem die internationale Expansion bei Marbach, welche das Unternehmen zu einer weltweiten Unternehmensgruppe wachsen ließ. Immer, wenn sich die Welt veränderte, veränderte sich Marbach mit - und oft sogar voraus. Aus einem Drei-Mann-Betrieb ist ein Weltunternehmen mit 1.600 Mitarbeitenden geworden. Und die Nachfolge ist bereits geregelt: Seit 2024 ist Sohn Moritz Marbach im Unternehmen tätig und soll langfristig die Familientradition in vierter Generation fortführen.