Von Claudia Lösler
Auf die Möglichkeit aufmerksam geworden sind die Azubis im zweiten Lehrjahr durch ihre Ausbilderin. Weil sie in der Berufsschule sehr gute Leistungen zeigen, leitete sie ihnen Informationen zum Programm weiter. Go.for.europe organisiert seit vielen Jahren Auslandspraktika für Auszubildende aus Baden-Württemberg und unterstützt die Aufenthalte mit Mitteln des EU-Programms Erasmus+. Unterkunft, Organisation und ein Großteil der Kosten werden übernommen, je nach Zielland bleibt lediglich ein Eigenanteil. Voraussetzung ist die Zustimmung des Ausbildungsbetriebs und der Berufsschule. Dass ein solcher Aufenthalt kein Selbstläufer ist, verschweigt Johanna Baier nicht.
Man fehlt vier Wochen im Betrieb und in der Schule. Wir mussten nach unserer Rückkehr drei Arbeiten nachschreiben. Das muss man können und wollen
Johanna Baier
Für die Reise standen verschiedene Länder zur Auswahl. Italien, Kroatien, Island oder Malta hätten ihn ebenfalls gereizt, erzählt Felix Drotleff. Am Ende entschied er sich bewusst für Lettland. „Ich wusste, dass ich privat vermutlich nicht ins Baltikum reisen werde. Also habe ich mein Motivationsschreiben für Riga eingereicht. Dass wir beide für Lettland die Zusage erhalten haben, war doppeltes Glück.“
Auch Johanna Baier hatte gute Gründe für ihre Wahl. In Lettland waren Einzelzimmer möglich, zudem fiel der Eigenanteil vergleichsweise gering aus. Gemeinsam mit drei weiteren Auszubildenden aus Baden-Württemberg – vom Bodensee, aus Stuttgart und Ulm – lebten die beiden während ihres Aufenthalts in derselben Unterkunft. Zweimal pro Woche standen nach der Arbeit Englischkurse auf dem Programm. Außerdem besuchte die Gruppe gemeinsam das lettische Parlament. Die übrige Freizeit konnten die Teilnehmer selbst gestalten.
Gemeinsam ging es an die Ostseeküste und in diverse Städte. Während Johanna Baier auch mal für ein Wochenende nach Stockholm flog, nutzte Felix Drotleff die Zeit, um das Land noch genauer kennenzulernen. Dabei machte er interessante Beobachtungen.
Die Menschen sind schon ziemlich verschlossen. Bis auf die Leute bei meiner Arbeit, kam ich nur wenig mit Einheimischen ins Gespräch
Felix Drotleff
Beeindruckt zeigte er sich gleichzeitig vom ausgeprägten Nationalstolz der Letten.
Überrascht war Johanna Baier vor allem von den hohen Lebenshaltungskosten. „Die Lebensmittel waren deutlich teurer als erwartet und dass, obwohl die Menschen dort weniger verdienen als wir in Deutschland.“
Über den Tellerrand hinausgucken
Vor Beginn des Aufenthalts konnten die Teilnehmenden angeben, in welchen Arbeitsbereich sie gerne hineinschnuppern möchten. Felix Drotleff
landete bei AM Craft SIA, einem Start-up, das 3D-gedruckte Bauteile für den Innenbereich von Flugzeugen herstellt. Für den angehenden Groß- und Außenhandelskaufmann eine völlig neue Perspektive. „Es war super spannend, einmal Einblicke in Produktionsprozesse zu bekommen. Wir vertreiben bei Fischer-Zander Produkte, stellen sie aber nicht selbst her.“ Johanna Baier absolvierte ihr Auslandspraktikum beim Onlinehändler GEMEX Trading SIA. Dort betreute sie die Website, verpackte Waren und bereitete Bestellungen für den Versand vor. „Mir hat es richtig gut gefallen. Alle waren sehr hilfsbereit.“
Besonders wertvoll seien jedoch die persönlichen Erfahrungen gewesen. „Man entwickelt sich deutlich weiter und wird viel selbstständiger“, sagt Felix Drotleff. Der Auszubildende wohnt noch bei seinen Eltern und musste bislang nur wenige Aufgaben im Haushalt übernehmen. In Lettland sei er zum ersten Mal komplett auf sich allein gestellt gewesen. Auch für Johanna Baier hatte die Reise einen nachhaltigen Effekt. Obwohl sie bereits allein lebt, bezeichnet sie sich selbst als eher introvertiert. „Ich bin viel selbstbewusster und selbstsicherer geworden“, sagt sie rückblickend.
Sprachliche Hürden gab es kaum. Englisch sei in Lettland allgegenwärtig, berichten beide. Fast alle Menschen sprächen die Sprache fließend. Dadurch fiel die Verständigung leicht, sowohl im Arbeitsalltag als auch in der Freizeit. Dankbar sind die beiden Auszubildenden vor allem ihrem Arbeitgeber. Fischer-Zander, ein Fachgroßhandel für Elektro-, Heizungs-, Sanitär- und Industriebedarf mit Hauptsitz in Erlenbach, unterstützte den Auslandsaufenthalt und ermöglichte ihnen damit Erfahrungen, die weit über fachliche Inhalte hinausgehen.
Ihr Rat an andere Auszubildende: Wer Interesse an einem Auslandspraktikum hat, sollte einfach auf seinen Betrieb zugehen und nachfragen. Die Hürde sei oft kleiner als gedacht. Und die Erfahrungen, die man dabei sammelt, seien unbezahlbar.