29.01.2026

Europa muss selbstbewusster werden!

Karl-Theodor zu Guttenberg Gast beim IHK-Gremium Lichtenfels

Die Welt ist im Wandel, und Europa steht vor großen Herausforderungen. Das wurde beim Impulsvortrag von Karl-Theodor zu Guttenberg im Rahmen einer Veranstaltung IHK-Gremium Lichtenfels und Wirtschaftsjunioren Lichtenfels deutlich. Zu Guttenberg, international erfahrener Unternehmer und ehemaliger Bundesminister, diskutiert mit den anwesenden Unternehmerinnen und Unternehmern über die aktuellen geopolitischen Spannungen und die Rolle Europas.

In seiner Begrüßung im Mühlenhof Dinkel (Serkendorf) stellt Wilhelm Wasikowski, Vorsitzender des IHK-Gremiums Lichtenfels, die Frage, ob die Abkühlung der transatlantischen Beziehungen wirklich nur an einer Person liege. Er beantwortet die Frage selbst: In der Zeit nach Donald Trump wird sicher wieder mehr Planbarkeit und Zuverlässigkeit zu erwarten sein, die Beziehungen zu den USA werden aber wohl nie mehr so sein, wie sie früher mal waren. Wasikowski: "Die Zeiten von Jazz, James Dean, Kaugummi und Coca Cola als Synonym für Amerika sind wohl endgültig vorbei."

Nach einigen Tagen an einem Ort, wo die Atemlosigkeit der Welt besonders spürbar war, in Davos, freut sich Guttenberg auf den Austausch mit mittelständischen Unternehmerinnen und Unternehmern in Serkendorf. "Wir dürfen uns nicht kleiner machen, als wir sind“, fordert Guttenberg. "Dort wurden Kräfte und Kräfteverschiebungen sichtbar, die sich über Jahre entwickelt haben, die wir aber oft ignoriert haben." In Deutschland wurde vieles romantisiert. “Tatsächlich hat sich die Welt aber in den letzten Jahrzehnten dramatisch verändert.”

Zu lange zurückgelehnt

Guttenberg: "Wir in Europa haben uns zu sehr zurückgelehnt und geglaubt, unsere guten Beziehungen würden unseren Wohlstand sichern." Einen Wohlstand, den sich die Menschen nach dem zweiten Weltkrieg dank großer Kraftanstrengungen selbst geschaffen hätten. Damals wurde nicht über eine Vier-Tage-Woche oder Work Life-Balance diskutiert, sondern angepackt.

Guttenberg: "Wir haben uns erpressbar gemacht"

Er vergleicht die aktuelle Lage mit einem Schachspiel, bei dem Europa zu oft nur zuschaut, während andere die Figuren bewegen. Besonders die Abhängigkeiten, sicherheitspolitisch von den USA, energiepolitisch von Russland und wirtschaftlich von China sieht er kritisch und fordert mehr Eigenständigkeit. "Wir haben uns zu sehr auf andere verlassen und uns in mancher Hinsicht erpressbar gemacht", so Guttenberg. "Jetzt ist es Zeit, eigene Stärken zu nutzen und mutig voranzugehen."

Sich auf nationale Stärke und Renationalisierung zu berufen, sei ein Irrweg. "Global kann man so nichts gewinnen", betont Guttenberg. Er macht aber auch deutlich, dass ein Europa der 27, das nur auf Einstimmigkeit setze, auf Dauer nicht handlungsfähig sei. Es brauche flexible Koalitionen von Ländern, die gemeinsam vorangehen. Beispiele wie der Euro zeigen, dass solche Modelle funktionieren können.

Zu Guttenberg berichtet von seinen Eindrücken vom Weltwirtschaftsforum in Davos: "Die Kräfteverschiebungen sind spürbar. Wir müssen uns als Europäer neu aufstellen, sonst werden wir zum Spielball der Großmächte", warnt Guttenberg. "Die USA und China teilen die Welt in Einflusssphären auf, während Europa Gefahr läuft, marginalisiert zu werden, wenn es nicht selbst Konsequenzen zieht." Dazu komme Russland, dessen Einflusssphäre auf brachialer Gewalt ruhe.

Wirtschaft brauche bessere Rahmenbedingungen

Er betont, dass Innovation und Zusammenarbeit – gerade im Mittelstand – entscheidend sind. "Wir haben in Oberfranken und ganz Deutschland viele sogenannte Hidden Champions. Darauf können wir stolz sein. Aber wir müssen auch bereit sein, Risiken einzugehen und neue Wege zu beschreiten.“ Er mahnt bessere Rahmenbedingungen an: "Junge Unternehmen und Talente wandern ab, wenn die keine Perspektiven in Deutschland sehen."

Guttenberg: "Wir neigen dazu, unser Schicksal zu beklagen, statt es aktiv zu gestalten." Das öffne denjenigen Tür und Tor, die Europas Schwäche ausnutzen wollen, etwa für Donald Trump, der für diese Entwicklung stehe. Es sei wichtig, dass die IHK weiter intensiv für die Interessen der Unternehmen kämpfe. Aber auch jede Unternehmerin, jeder Unternehmer selbst sei gefordert.

Unternehmen teilen Sorge um die Zukunftsfähigkeit Europas

In der anschließenden Diskussion wird deutlich: Viele Unternehmerinnen und Unternehmer teilen die Sorge um die Zukunftsfähigkeit Europas. Sie wünschen sich mehr Ehrlichkeit und Mut von der Politik – und fordern, dass die Wirtschaft stärker eingebunden wird. Guttenberg macht deutlich, dass viele ihre Möglichkeiten unterschätzen, Einfluss zu nehmen: "Es liegt an uns, eine positive Grundhaltung zu vermitteln." Das Interesse an Investoren am Standort Deutschland sei trotz hausgemachter Probleme groß, nicht zuletzt dank dem einhelligen AAA-Rating der großen Rating-Agenturen und der hohen Rechtssicherheit.

Zu Guttenberg schließt mit einem Appell: "Es liegt an uns allen, die Zukunft zu gestalten. Wir haben die Kraft und die Ideen. Jetzt müssen wir sie auch nutzen."

IHK-Vizepräsident Wilhelm Wasikowski dankt Karl-Theodor zu Guttenberg für seine klaren Worte und allen Teilnehmenden für die engagierte Diskussion.