16.09.2026
Marktredwitz-Selb: Unternehmen leiden unter Gewerbesteuer
- Aber: Kommunen mit immer höheren Kostenbelastungen
- Marktredwitz-Selb knapp unter dem Oberfranken-Durchschnitt
- Schwache Konjunktur verschärft den Druck
- Belastungen für Unternehmen steigen immer mehr an
- Kein Zusammenhang zwischen Höhe des Hebesatzes und Steueraufkommen
- Weniger Ausgaben statt mehr Einnahmen
- Gewerbesteuer bleibt eine deutsche Besonderheit
Aber: Kommunen mit immer höheren Kostenbelastungen
“Ein Sprung von 90 Punkten bei einer einzigen Gemeinde trifft die Unternehmen in Bad Alexandersbad hart“, macht Dr. Roman Pausch deutlich, Vizepräsident der IHK für Oberfranken Bayreuth und Vorsitzender des IHK-Gremiums Marktredwitz-Selb. Er mahnt die Kommunen im Gremium zu Zurückhaltung bei weiteren Steuererhöhungen: “Jeder zusätzliche Punkt beim Gewerbesteuerhebesatz schwächt Unternehmen, die ohnehin enorm unter Druck stehen.“
Die aktuelle Realsteuerumfrage der IHK für Oberfranken Bayreuth zeigt, dass im IHK-Gremium Marktredwitz-Selb eine Kommune ihren Gewerbesteuerhebesatz kräftig angehoben hat: Bad Alexandersbad von 220 auf 310 Punkte. Man muss der Kommune aber zugutehalten, dass sie nach Reichenbach (250 Punkte) und Aufseß (260 Punkte) und fünf Kommunen mit 300 Punkten zusammen mit vier weiteren Kommunen den niedrigsten Gewerbesteuerhebesatz aller 196 Kommunen im Einzugsgebiet der IHK für Oberfranken Bayreuth hat. Alle anderen Gemeinden im Gremium ließen ihren Hebesatz unverändert. Am höchsten liegen die Sätze in Selb mit 390 und in Marktredwitz mit 360 Punkten.
Marktredwitz-Selb knapp unter dem Oberfranken-Durchschnitt
Der durchschnittliche Gewerbesteuerhebesatz im IHK-Gremium Marktredwitz-Selb liegt bei 355,9 Punkten, 5,3 Punkte mehr als im Vorjahr und damit der stärkste Anstieg unter allen IHK-Gremien in Oberfranken. Damit liegt er nur noch 3,0 Punkte unter dem Durchschnitt im Einzugsgebiet der IHK für Oberfranken Bayreuth von 358,9 Punkten.
Oberfrankenweit haben 20 der 196 Gemeinden ihre Realsteuern (Gewerbesteuer, Grundsteuer A und B) 2026 erhöht, nur 12 haben gesenkt. 13 Gemeinden planen für 2027 bereits weitere Erhöhungen, in acht weiteren wird darüber diskutiert.
Schwache Konjunktur verschärft den Druck
Der Konjunkturklimaindex im IHK-Gremium Marktredwitz-Selb stieg im Mai 2026 auf 95 Punkte, nach 91 Punkten zur Jahreswende 2025/2026 – als einziges Gremium in Oberfranken mit einer Verbesserung. Dennoch liegt er weiterhin unter der Grenze von 100 Punkten. Erst oberhalb dieser Grenze stehen die Zeichen auf Wirtschaftswachstum – das heißt, die Konjunkturlage bleibt relativ angespannt.
Belastungen für Unternehmen steigen immer mehr an
"Es ist wichtig, dass die Gewerbesteuerhebesätze in 15 der 16 Kommunen stabil geblieben sind, da die Belastungen durch die Steuerpolitik am Standort Deutschland bereits exorbitant hoch sind", macht Pausch deutlich. So drohen den oberfränkischen Unternehmen neue Bürokratie- und Ausgabenbelastungen durch aktuelle steuerpolitische Vorhaben. Hervorzuheben sind hier neue Belastungen durch die geplante Einkommensteuerreform, die insbesondere den Mittelstand betrifft, die aktuellen Pläne zur Einführung der Registrierkassenpflicht und der digitalen Belegbereitstellungspflicht sowie die kürzlich eingeführte EU-Verpackungsverordnung. Pausch: “Wir erwarten von der Politik Entlastung statt neuer Belastungen – das gilt für den Bund genauso wie im Land und für unsere Kommunen."
Kein Zusammenhang zwischen Höhe des Hebesatzes und Steueraufkommen
"Es zeigt sich, dass kein belegbarer systematischer Zusammenhang besteht zwischen der Höhe des Hebesatzes und dem tatsächlichen Steueraufkommen, auch nicht mit zeitlicher Verzögerung", macht Andreas Wandner deutlich, Leiter des Referats Steuern, Finanzen und Handelsregister bei der IHK für Oberfranken Bayreuth. Und er macht deutlich: "Wirtschaftliches Wachstum erhöht die Einnahmen nachhaltiger als ein höherer Gewerbesteuerhebesatz."
Immer wieder sei zu hören, dass Unternehmen von einer Gewerbesteuererhöhung kaum betroffen seien. "Für Kapitalgesellschaften wie einer GmbH gelte dies allerdings nicht, diese sind vollumfänglich von einer Erhöhung betroffen", so Wandner. Jedes dritte beitragspflichtige Mitgliedsunternehmen der IHK ist eine Kapitalgesellschaft. Ab einem Gewerbesteuerhebesatz von über 400 Punkten sind auch Personengesellschaften potenziell von Gewerbesteuererhöhungen betroffen. “Dazu kommt, dass über die Hinzurechnung von Zinsen, Lizenzen, Mieten oder Pacht die Gewerbesteuer Betriebe auch dann treffen kann, wenn kaum Ertrag da ist, also Unternehmen, die Verluste einfahren“, macht Pausch deutlich.
Weniger Ausgaben statt mehr Einnahmen
Bevor Kommunen an der Steuerschraube drehen, müssen sie – so wie Unternehmen es auch tun müssen ‑ zunächst alle Einsparpotenziale auf der Ausgabenseite ausschöpfen.
"Zwischen dem, was unsere Kommunen leisten sollen, und dem, was sie etwa vom Bund dafür bekommen, liegen Welten. Immer mehr Pflichtaufgaben bei immer schlechterer finanzieller Ausstattung – das funktioniert nicht“, kritisiert Pausch Das Spektrum reiche vom Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung für Grundschulkinder, über das Deutschland-Ticket, die kommunale Wärmeplanung, Sozial-, Kinder- und Eingliederungshilfe oder die Schuldigitalisierung. “Alles wichtige Aufgaben, nur zahlt am Ende nicht der, der sie bestellt hat“, so Pausch. “Nicht wirklich überraschend, dass die deutschen Kommunen 2025 das größte Finanzierungsdefizit ihrer Geschichte hatten.“
Gewerbesteuer bleibt eine deutsche Besonderheit
Im europäischen Vergleich fällt die Gewerbesteuer aus dem Rahmen ‑ die meisten Nachbarländer kennen eine vergleichbare Abgabe gar nicht. "Deutschland liegt bei der Unternehmensbesteuerung bereits an der Weltspitze", macht Wandner deutlich. Deutschlands durchschnittliche steuerliche Gesamtbelastung für Unternehmen liegt derzeit bei rund 30 Prozent, der EU-Schnitt bei 21,1 Prozent.
“Eine Grenzregion wie Oberfranken und vor allem den Landkreis Wunsiedel trifft diese höhere Steuerbelastung doppelt“, sagt Pausch. “Jede weitere Erhöhung schwächt unsere Wettbewerbsfähigkeit im Vergleich zum benachbarten Tschechien.“
Alle Ergebnisse der Realsteuerumfrage 2026 finden Sie im oberfränkischen Wirtschaftsatlas, entwickelt von den drei Wirtschaftskammern: www.bayreuth.ihk.de/wirtschaftsatlas
