Von Claudia Lösler
Mitten in diesem Wandel stehen zwei junge Gründer aus Nürtingen: Lenn Hoffmann (20) und Jonas Nolte (21). Mit ihrem Start-up FarmerOS haben sie den IHK-Preis „Jugend macht Zukunft“ gewonnen und 13.000 Euro Preisgeld erhalten. Doch hinter der Auszeichnung steckt mehr als ein gelungenes Pitchdeck – es ist die Geschichte zweier Freunde, die die Landwirtschaft von innen heraus neu denken.
Wir hatten nie wirklich vor, Gründer zu werden – wir sind da einfach reingerutscht.
Kennengelernt haben sich die beiden bereits in der siebten Klasse. „Wir hatten nie wirklich vor, Gründer zu werden – wir sind da einfach reingerutscht“, sagen sie heute selbst. Noch als Schüler gründeten sie ihr erstes Start-up. Der Ausgangspunkt war eine eine Art Wettbewerb: Lenn Hoffmann sollte die Eier der eigenen Hühner an seine Nachbarn verkaufen und Jonas Nolte sollte eine App entwickeln.
Was klein begann, entwickelte sich zu „Bauer-Lieferant“, einem regionalen Lebensmittellieferdienst. Heute beliefern sie rund 500 Haushalte pro Woche, verkaufen etwa 50.000 Eier pro Jahr, arbeiten bereits mit 15 Höfen in ihrer Umgebung zusammen und erzielen rund 10.000 Euro Umsatz im Monat. Viel wichtiger aber: Sie wurden mit ihrem Start-up Teil des landwirtschaftlichen Alltags und erleben hautnah mit, welche Arbeit tagtäglich auf den Höfen anfällt. „Wir haben gemerkt, dass vor allem die ganzen Verwaltungsprozesse oft noch unglaublich analog und ineffizient sind“, sagt Lenn Hoffmann.
Vom Lieferdienst zur Software-Lösung
Genau hier setzt FarmerOS an. Die Software versteht sich als digitales Betriebssystem für landwirtschaftliche Betriebe. Ihr Ziel: Prozesse automatisieren, Daten vernetzen und den Alltag auf den Höfen spürbar erleichtern.
Bereits heute nutzen erste Betriebe die Lösung – insbesondere für Bestell- und Rechnungsprozesse. Aktuell erweitern die beiden ihre Software um weitere zentrale Funktionen wie Düngeberechnung und digitales Feldermanagement. Schritt für Schritt wächst FarmerOS so zu einer umfassenden Plattform heran.
FarmerOS ist keine weitere App. Es soll das zentrale Betriebssystem für den ganzen Hof werden.
Jonas Nolte
Denn die Vision der Gründer geht weit über einzelne Funktionen hinaus. „FarmerOS ist keine weitere App“, sagt Jonas Nolte. „Es soll das zentrale Betriebssystem für den ganzen Hof werden.“ Buchhaltung, Maschinen, Schlagkartei oder Sensoren – langfristig soll alles miteinander verbunden sein. Daten sollen automatisch fließen, Prozesse im Hintergrund laufen.
Ein entscheidender Erfolgsfaktor ist die Nähe zur Praxis. FarmerOS entsteht in enger Zusammenarbeit mit Landwirten. Auch der Landesbauernverband in Baden-Württemberg e. V. (LBV) mit rund 30.000 Mitgliedshöfen konnte als Partner gewonnen werden und fünf Testhöfe arbeiten bereits aktiv mit der Software. Auch persönlich ist die Verbindung tief: Lenn Hoffmann hat schon früh auf den Höfen seiner Großeltern mitgearbeitet. Die Abläufe, die Herausforderungen – all das kennt er aus eigener Erfahrung.
Wir pitchen unheimlich gerne.
Parallel bewegen sich die beiden sicher in der Start-up-Szene. Sie haben fast fünf Jahre Pitch-Erfahrung und mit dem Young Founders Network ein eigenes Netzwerk in Stuttgart aufgebaut. Diese Routine zeigte sich auch beim Wettbewerb. Mit ihrer Präsentation begeisterten sie die rund 400 Zuschauerinnern und Zuschauer auf dem Zukunftswiesensummit in Ilshofen. „Wir wissen, was wir selbst gerne hören – und genau so bauen wir unsere Pitches auf“, sagt Jonas Nolte. „Wir pitchen unheimlich gerne.“
Unterstützung zur richtigen Zeit
Nebenbei studieren beide BWL an der Hochschule Stuttgart im vierten Semester. „Vieles von dem, was wir lernen, können wir direkt für unsere zwei Unternehmen nutzen“, so Jonas Nolte. Während er sich vor allem um die technische Entwicklung kümmert, übernimmt Lenn Hoffmann die Akquise und das operative Geschäft vor Ort. Deshalb stört es auch gar nicht, dass Jonas Nolte jetzt für ein Semester nach Stockholm geht. „Coden kann ich von überall“, sagt er. Und die Landwirte haben sowieso im Sommer genug auf ihren Feldern zu tun. „Erst im Herbst, wenn das Wetter schlechter wird, lohnt es sich, unsere Software wieder verstärkt auf den Bauernhöfen vorzustellen. Bis dahin haben wir jetzt Zeit, um noch einige unsere Ideen voranzutreiben“, so Lenn Hoffmann.
Das Preisgeld aus dem IHK-Wettbewerb kommt ihnen dabei genau zur richtigen Zeit. „Für uns ist das unglaublich wichtig“, sagen sie. „Wir können endlich unsere Freunde und Freelancer bezahlen, die uns seit Wochen und Monaten beim Programmieren unterstützen.“ Auch offene Rechnungen lassen sich begleichen und neue Entwickler können eingebunden werden.