Von Eva Klaiber
Heute führt die 34-Jährige die B.W. Vertrieb GmbH in Kirchardt, ein Unternehmen, das Lisa Unger aus einer leeren Hülle heraus wiederbeleben musste. 2015 ist sie ins Familienunternehmen eingestiegen und hat Jahr für Jahr mehr Verantwortung übernommen. Der Betrieb selbst besteht seit 40 Jahren und hat sich vom Computer-Anbieter zum bundesweit tätigen Distributor im B2B-Bereich für Elektromobilität entwickelt.
Schon während ihres Marketingstudiums an der Hochschule Pforzheim spürte Lisa Unger, dass ihr Herz für echten Handel, Vertrieb und Kundennähe schlägt. Als ihre Eltern die Jungunternehmerin mit gerade Anfang 20 fragten, ob sie sich eine Unternehmensübernahme vorstellen könne, stand der Betrieb an einem Wendepunkt. Die ursprüngliche B.W. Computer Vertrieb GmbH hatte ihr früheres Kerngeschäft bereits schrittweise zurückgefahren, da sich ihre Eltern zunehmend aus dem operativen Geschäft zurückziehen wollten. Für Lisa Unger war das der bewusste Neustart.
Ihre ersten Geschäftsversuche entstanden durch Messebesuche. Sie vertrieb zunächst Lithium-Ionen-Batterien als Fahrzeug-Starthilfe beispielsweise von Oldtimern. Jedoch war die Skepsis der Branche groß. Was sie aus diesen Anfängen mitgenommen hat, beschreibt sie bis heute als eines ihrer wichtigsten Learnings:
Ein langer Atem ist gut, aber man muss wissen, wann man nachjustieren muss.
Lisa Unger
Die Batterien gibt es immer noch im Sortiment, allerdings nur als Randprodukt. Doch die Erfahrung hat ihr gezeigt, dass mutige Ideen oft Zeit brauchen. Wirklich Fahrt nahm das Geschäft auf, als Lisa Unger beschloss, in den Bereich Elektromobilität einzusteigen. Unter dem Namen B.W. Vertrieb GmbH hat sie sich entschieden, den Fokus auf den Zukunftsmarkt E-Bikes, Elektroroller und Seniorenmobile zu legen. Ohne gewachsenen Kundenstamm, ohne eingespielte Lieferantenstrukturen, aber mit viel unternehmerischem Gestaltungsspielraum.
Es war ein Aufbau auf der grünen Wiese, der vollen Einsatz verlangte.
Lisa Unger
Ihr Ziel ist es, E-Bikes im Einstiegs- und Mittelpreissegment mit solider Ausstattung und verlässlichem Service anzubieten – also E-Mobilität bezahlbar und alltagstauglich zu machen. Was zunächst lokal begann, entwickelte sich schnell überregional: „Manche Kunden reisten teils aus Hamburg an, nur um ein spezielles E-Bike bei uns in Kirchardt zu kaufen.“ Dieser Erfolg zeigte, dass es eine Marktlücke gab.
Neue Zielgruppe: Online-Käufer
Eine zentrale Herausforderung bestand darin, das klassische Distributions- und Großhandelsmodell weiterzuentwickeln und neue Wege zu gehen. Ihre Idee: eine Click-&-Collect-Plattform, die Hersteller, Fachhandel und Endkunden strategisch miteinander vernetzt.
Vor etwas mehr als einem Jahr setzte sie die Idee schließlich um, im September 2025 ist die Plattform live gegangen. Fahrräder können dort online gekauft und beim Fachhändler in der Nähe abgeholt werden – fertig aufgebaut, ohne Kartonchaos, mit Online-Beratung und passenden Ersatzteilen. Ein System, das vor allem Online-Kundinnen und Kunden anspricht, aber gleichzeitig den lokalen Handel stärkt. Und dass es in der Form so noch nicht gibt. „Mein Ziel ist es, dass Kundinnen und Kunden maximal 20 Kilometer bis zum nächsten Fachhändler fahren müssen. Aktuell haben wir deutschlandweit schon 150 Händler, die Teil des Systems sind, 200 müssen noch dazu kommen. Da bin ich optimistisch, dass wir das in diesem Jahr schaffen.“ Das System kombiniert digitale Beratung von der Couch aus, Rahmengrößenberater und einen klar strukturierten Prozess. Alles soll modern und kundennah sein – und vor allem eins: für jeden zugänglich. Mit rund zehn Mitarbeitenden und einem stetig wandelnden Markt sieht sich Lisa Unger dennoch oft vor Unsicherheiten. Gesetzesänderungen, verändertes Kundenverhalten, schwankende Nachfrage – Planungssicherheit gibt es kaum. Trotzdem bleibt sie ihrem Leitsatz treu:
Man sollte sich einfach mal trauen.
Lisa Unger
Vor knapp drei Jahren trat ihre Mutter aus der Geschäftsführung aus. Für Lisa Unger ist das Unternehmen zugleich Familienprojekt und Zukunftswerkstatt. „Ich möchte das Click-&-Collect-System nicht nur stärken, sondern auf neue Ebenen heben: Mehr Händler. Mehr Produkte. Mehr Mobilität.“ Neben Fahrrädern sollen auch Seniorenmobile und E‑Roller in das System integriert werden. Mobilität soll für jeden verfügbar sein – barrierefrei, unkompliziert und lokal. Sie glaubt daran, dass man mit kleinem Budget, aber großem Interesse unglaublich viel erreichen kann und sagt:
Ich wünsche wieder mehr Mut zum Unternehmertum.
Lisa Unger