Ein Jahr Brexit

Der Brexit-Effekt auf internationale Branchen

Großbritannien war für viele Branchen bisher ein äußerst attraktiver Absatzmarkt und Handelspartner und es ist schon jetzt deutlich erkennbar, dass der Brexit Spuren hinterlassen und die Marktzugangsbedingungen für Unternehmen erschwert hat. Dennoch weist Großbritannien für viele Branchen erhebliche Standortvorteile auf und zeigt in einigen Bereichen derzeit sogar besonders hohe Absatz- und Investitionschancen. Wie wirkt sich diese zwiespältige Situation zwischen Handelshemmnissen und gleichzeitig guten Marktchancen nun auf einzelne Branchen aus? 

Automobil

Für den Automobilsektor war schon im Frühjahr 2021 erkennbar, dass der Brexit neben der Coronakrise und dem geplanten Verkaufsverbot klassischer Verbrenner für zusätzliche Belastungen sorgt. Damit setzte sich ein Trend fort, der schon mit dem Brexit-Referendum 2016 begonnen hatte. Seither sank der Anteil an neuzugelassenen Fahrzeugen in Großbritannien, ebenso wie der Absatzanteil von dortigen Herstellern. Die Einbrüche führten zu merklich rückläufigen Exportzahlen für Lieferungen nach Europa, damit einher ging ein Rückgang deutscher Kfz-Teile-Lieferungen nach Großbritannien. Besonders schwach ausgeprägt war der Start in das Jahr 2021; hier verzeichnete der Branchenverband SMMT einen PKW-Produktionsrückgang von 27,3 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat. Doch wohin steuert das Vereinigte Königreich in seiner Bedeutung als bisher so wichtiger Akteur der Automobilindustrie? Werden die erschwerten Marktzugangsbedingungen zu Standortveränderungen und einer sinkenden Bedeutung Großbritanniens in der Branche führen?
Branchenexperten sehen den Brexit zwar als Unsicherheitsfaktor, betonen dabei aber auch, dass nicht der Brexit allein, sondern auch anstehende strukturelle Veränderungen mit dem geplanten Verkaufsverbot für Verbrenner ab 2030 zu Buche schlagen. Was dabei zu Verunsicherung führt, wird zugleich langfristig auch als Chance für die Neuausrichtung der Branche und einer somit weiterhin wichtigen Stellung Großbritanniens bewertet. Die Neuausrichtung auf Elektromobile soll die Branche beflügeln und auch die Partnerschaften mit EU-Ländern wieder stärken. So lässt sich aus heutiger Sicht für die Automobilindustrie zusammenfassen, dass die Zollgrenze und die neuen Herausforderungen im Bereich Zertifizierung und Zulassung die Handelsbeziehungen zwar erschweren, Großbritannien aber weiterhin ein wichtiger Standort für die Branche bleibt. Hierfür sorgen neben den attraktiven Förder- und Investitionsbedingungen im Bereich Elektromobilität grundsätzlich vorteilhafte Standortbedingungen wie gut ausgebildetes Personal und starke Forschungskooperationen zwischen Industrie und Universitäten. Durch den sektorspezifischen Anhang für Kraftfahrzeuge, Ausrüstung und Teile davon im Handelsabkommen TCA (Trade and Cooperation Agreement) wird angestrebt, unnötige technische Handelshemmnisse zwischen Großbritannien und der EU zu vermeiden und Rechtsvorschriften anzugleichen.

Maschinenbau

Während der Brexit für den britischen Automobilsektor derzeit „nur“ ein Problem unter vielen darstellt, hat sich der britische Maschinenbau gut von den zurückliegenden schwierigen Corona-Monaten erholt. Bereits im März 2021 konnte das Vorkrisenniveau von Februar 2020 wieder übertroffen werden. Der Brexit scheint bei den Ein- und Ausfuhren bisher kaum zu Beeinträchtigungen geführt zu haben. Die neue Zollgrenze mit dem verbundenen bürokratischen und finanziellen Mehraufwand wird aber als großes Risiko für die Wettbewerbsfähigkeit Großbritanniens gesehen; hier werden die Standortentscheidungen großer Firmen zukunftsweisend sein.
Großbritannien ist ein wichtiger Standort für hiesige Firmen, die längst von den Auswirkungen betroffen sind. So sind Dokumentationsprozesse für Lieferungen nach Großbritannien aufwendig geworden, außerdem kommt es auf dem Weg der Warenbeförderung zu langen Verzögerungen. Für viele Unternehmen stellt sich die Frage, ob das Geschäft mit Großbritannien auf lange Sicht durchführbar und vor allem finanzierbar ist. Gleichzeitig möchten viele am Standort festhalten: Es bestehen gute Beziehungen zu Kunden und Lieferanten. Unternehmen haben in Know-how und Personal vor Ort investiert. Die Prognosen für den Maschinen- und Anlagenbau sind also durchwachsen.  Es wird empfohlen, neue Chancen zu nutzen, die sich etwa aus neuen Handelsverträgen von Großbritannien nach Übersee ergeben könnten. Hoffnung besteht aus Unternehmersicht auch im Blick auf eine mögliche Überarbeitung des Brexit-Vertragstextes, die die Revisionsklausel nach fünf Jahren vorsieht.

Medizintechnik

In besonders wachstumsstarken Branchen wie der Medizintechnik hat der Brexit bisher nicht zu Eintrübungen geführt; durch die derzeit hohe Investitionsbereitschaft des britischen Markts bestehen für deutsche Hersteller besonders gute Absatzchancen. Die Brexit-Folgen werden momentan auch noch abgeschwächt durch geltende Übergangsfristen bei der Produktregistrierung und -kennzeichnung. So gilt etwa für die CE-Kennzeichnung von Medizinprodukten eine Übergangsfrist bis 30. Juni 2023. Die Registrierungspflicht bei der Behörde MHRA ist kürzer gestaltet und für zahlreiche Produktgruppen bereits in Kraft. Laut Prognosen wird die Attraktivität des britischen Marktes für Medizintechnik nicht abnehmen. Um vom guten Investitionsklima zu profitieren, sollten sich Unternehmen auf Neuregelungen vorbereiten.

Chemiesektor

Anders sieht es hingegen im Chemiesektor aus, der zwar gut durch die Coronakrise gekommen ist, aber bereits mit einem deutlichen Umsatzrückgang für 2021 rechnet, was auf die neue Doppelbelastung durch die neuen Zollformalitäten und die Registrierungspflicht nach der UK-REACH-Verordnung zurückzuführen ist. Branchenverbände kritisieren diese Neuregelung scharf, denn sie erfordert für international agierende Unternehmen in Großbritannien und in der EU einen kostspieligen Mehraufwand, da Chemikalien nun sowohl für den europäischen als auch für den britischen Markt registriert werden müssen. Inwieweit deutsche und britische Unternehmen die Registrierungsvorschriften erfolgreich umsetzen und dabei die engen Handelsbeziehungen beibehalten, können, bleibt abzuwarten. Deutschland ist nach den USA der zweitgrößte Handelspartner Großbritanniens.
Ulrike Modery, IHK Region Stuttgart
Diesen Beitrag finden Sie in der  Außenwirtschaft aktuell, die Sie hier als PDF (PDF-Datei · 1309 KB) herunterladen können.