IHKplus 02/22

Der Ehrenfelder Boulevard

In der Serie „Große Einkaufsstraßen” werfen wir einen Blick auf wichtige Einkaufsstraßen in der Region und deren aktuelle Entwicklung. Dabei stehen die dortigen Gewerbetreibenden im Mittelpunkt. Aus erster Hand berichten Einzelhändler:innen und Gastronom:innen, wie sie ihre Straße erleben, was sie schätzen, was ihnen Sorgen bereitet und was sich dringend ändern müsste. Den Auftakt macht die Venloer Straße
Sie ist fast so lang wie der Mount Everest hoch ist. Über 8.536 Meter erstreckt sich die Venloer Straße vom Friesenplatz in der Kölner City bis Rommerskirchen. Vor allem das große Teilstück im Kölner Stadtbezirk Ehrenfeld ist – weit über diesen hinaus – als Einkaufs- und Gastronomiemeile bekannt und beliebt.
Nach 60 Jahren mit dem Standort noch zufrieden Auch bei den ansässigen Gewerbetreibenden. Heribert Schamong beispielsweise ist mit und an seinem Firmenstandort sehr zufrieden. Das IHK-Vollversammlungsmitglied ist Geschäftsführer der Kaffeerösterei Schamong GmbH & Co. KG. Sein Vater gründete das Unternehmen 1959; seitdem wird an der Venloer Straße, von den meisten Menschen einfach „Venloer“ genannt, Kaffee geröstet. „Wir sind hier im Veedel verwurzelt und auch nach über 60 Jahren immer noch sehr zufrieden mit dem Standort“, erzählt Schamong. Er schätzt die Nähe zu den Kund:innen, das große Einzugsgebiet und die gute Anbindung per öffentlichem Nahverkehr, Fahrrad, Auto und zu Fuß. „Unser Einzugsgebiet wächst sogar beständig“, freut sich der Unternehmer, „denn hier sind in den vergangenen Jahren viele neue Wohnungen entstanden.“

„Wunderbare Mischung aller Zielgruppen“

Nach Auskunft von Marc Hinterkausen, Inhaber von S.A.L.E.Köln mit mehreren Filialen, darunter eine an der Venloer Straße 322, ist diese die am stärksten frequentierte Einkaufsstraße in den Kölner Vororten. Er schätzt dort die „wunderbare Mischung durch alle Zielgruppen“, dass diese immer jünger würden und offener für das Thema Nachhaltigkeit.
Von einer „guten Adresse“ spricht Ivana Louis. Sie betreibt an der Ecke Venloer Straße/Körnerstraße, also etwas weiter stadteinwärts, gemeinsam mit ihrer Geschäftspartnerin seit gut fünf Jahren einen Unverpacktladen namens „Veedelskrämer“. Der Eingang befindet sich in der Körnerstraße, ihre Firmenadresse lautet jedoch „Venloer Straße 270“. „Das ist hilfreich, denn die Venloer ist weit über Köln hinaus bekannt.“
Michaela Staffel ist von ihrem Standort ebenfalls angetan. Die Anbindung per ÖPNV sei sehr gut, zudem komme viel Laufkundschaft. „Etwas Besonderes ist auch die tolle Nachbarschaft“, ergänzt die „Eisdielerin“, wie die Unternehmerin sich und ihr Eiscafé an der Venloer Straße 402 nennt. „Es gibt eine tolle Zusammenarbeit unter einzelnen Gewerbetreibenden, etwa mit der ‚Bagatelle‘ oder der Gastronomie im Neptunbad“, freut sich Staffel.

Ein echtes Problem: Der Verkehr

Allerdings gibt es nicht nur Licht-, sondern auch Schattenseiten. Vicente di Nardo, Inhaber des Geschäftes „HOPPLA“ an der Venloer Straße 359 und stellvertretender Vorsitzender der IG Ehrenfeld, findet zum Beispiel, dass das „einst gesunde Verhältnis von Handel und Gastronomie“ zu Lasten des Handels kippe. Sowohl inhabergeführte Läden als auch Filialen würden schließen, dafür nehme die Gastronomie stark zu. Außerdem sei die Zahl der Parkplätze stark zurückgegangen, was wiederum dazu führe, dass die ausgewiesenen Ladezonen immer wieder von privaten Pkws zugestellt würden. „Das wird nicht genügend kontrolliert“, beklagt der Unternehmer.
Der Verkehr scheint in der Tat das Hauptproblem zu sein, von den Umsatzrückgängen durch die Corona-Pandemie einmal abgesehen. Im Gespräch mit „IHKplus“ berichten mehrere Geschäftsleute von täglichen brenzligen Situationen und vielen Unfällen. Schmale Bürgersteige, schmale Radwege, wenig Parkplätze, Lieferverkehr, der in zweiter Reihe parkt – und dazu die Funktion der Venloer Straße als eine der wichtigsten Aus- und Einfallstraßen. „Der Durchgangsverkehr ist wirklich eine Belastung“, sagt etwa Tobias Mintert, Inhaber der Cocktailbar „BAR ZWEI“ an der Venloer Straße 437. Er beschreibt die jetzige Situation als „unübersichtlich und im Grunde schlecht für alle Beteiligten“. „Man kommt als Fußgängerin manchmal minutenlang nicht auf die andere Straßenseite“, beklagt etwa Ivana Louis, „nicht nur wegen der vielen Autos, sondern auch wegen teils rücksichtslos rasender Radfahrer.“ Den Radweg auf dem Bürgersteig findet auch Michaela Staffel unzureichend. Er sei extrem gefährlich, vor allem im Sommerhalbjahr, wenn sich vor ihrer Eisdiele täglich Schlangen bilden würden.

Tempo 20 und nur noch eine Fahrtrichtung

Entsprechend gespannt sind die Geschäftsleute deshalb, wie sich die Pläne der Stadt Köln für die Venloer Straße auswirken werden. Die möchte auf der Venloer nämlich für die Dauer von einem Jahr einen verkehrsberuhigten Geschäftsbereich mit Tempo 20 zwischen Fuchsstraße und Ehrenfeldgürtel einrichten. Als zweite Stufe soll eine zusätzliche Einbahnstraßenführung umgesetzt werden. Zugleich sollen einige Bereiche so umgestaltet werden, dass die Aufenthaltsqualität steigt. Die Pläne könnten im Juni Realität werden.
Tobias Mintert freut sich. „Diese Entwicklung ist längst überfällig“, sagt der Gastronom und Anwohner. Die Einbahnstraßenregelung müsse aber mutig und zeitnah auf den hinteren Teil der Venloer Straße vom Gürtel bis mindestens zur Leyendecker Straße aus geweitet und in ein größeres Verkehrskonzept für Ehrenfeld eingebettet werden. „Dadurch würde Platz für die Fahrradfahrer:innen auf einer Radspur auf der Straße geschaffen“, argumentiert Mintert, „und die dadurch breiteren Bürgersteige könnten dafür sorgen, dass die Venloer Boulevardcharakter bekommt, und das wäre großartig.“
Michaela Staffel und Ivana Louis gehören ebenfalls zu denjenigen, die einen solchen Umbau befürworten. „Die Aufenthaltsqualität wird definitiv steigen, das begrüße ich als Händlerin ebenso wie als Anwohnerin“, so Louis. Auch Marc Hinterkausen sieht mehr Chancen als Risiken: „Ich finde das sehr positiv, da es die Verkehrssituation deutlich entspannen wird und den Radfahrer:innen die benötigte Fläche gefahrloser bereitstellt.“ Vincente di Nardo schränkt die positive Sicht ein wenig ein: „Ich finde die Pläne in Ordnung, wenn nicht weitere Parkplätze wegfallen.“
Zukunft der Innenstädte

Die Corona-Pandemie hat auch die negative Entwicklung der Innenstädte in der Kölner Region forciert. In vielen Orten – nicht nur in Köln – stehen Ladenlokale leer, Einkaufsstraßen verlieren an Attraktivität, und Shopping als alleiniger Grund, in die City zu fahren, zieht nicht mehr. „Am Beispiel Kölns sehen wir, dass wie in allen anderen Innenstädten jetzt gehandelt werden muss“, sagte IHK-Hauptgeschäftsführer Dr. Uwe Vetterlein bei der Vorstellung der IHK-Jahresthemen 2022 Anfang Januar. Eines der drei Themen: die Zukunft der Innenstädte.

Zudem plant die Vollversammlung der IHK Köln eine Resolution zur innerstädtischen Mobilität in der Region Köln. Darin fordern die Unternehmer:innen im Sinne einer Mobilitätsvielfalt unter anderem Ausbau und Modernisierung des ÖPNVs sowie der Radverkehrsinfrastruktur, eine Verbesserung der Citylogistik und des Verkehrsflusses sowie eine höhere Aufenthaltsqualität für Fußgänger:innen.