Stefan Kooths, Konjunkturchef am Kiel Institut für Weltwirtschaft und Professor an der BSP Business and Law School, knüpfte direkt an die IHK Ulm-Diagnose an und bestätigte: Ein Aufschwung sei weiterhin nicht in Sicht. Zwar könne die gesamtwirtschaftliche Auslastung leicht steigen, doch liege das vor allem an einem inzwischen stark abgeflachten Wachstumspfad. Selbst geringe Zuwächse reichten daher statistisch für eine „Erholung“ – real sei die Dynamik aber schwach. Prognostiziert werden lediglich rund ein Prozent Wachstum im laufenden Jahr und etwa 1,3 Prozent im Folgejahr. Entscheidend sei die Unterscheidung zwischen Konjunktur und Wachstum: Staatliche Ausgabenprogramme erhöhten kurzfristig die Auslastung, änderten aber nichts an den langfristigen Produktionsmöglichkeiten. „Explosive Finanzpolitik kaschiert die Wachstumsschwäche“, fasste Kooths die Lage zusammen.
Strukturkrise in Industrie und Produktivität
Besonders alarmierend sei der industrielle Strukturbruch. Die Kapazitätsauslastung liege deutlich unter normalen Rezessionswerten; ein Teil der Produktionskapazitäten sei dauerhaft obsolet. Zugleich sinke die gesamtwirtschaftliche Produktivität seit Jahren – ein historisch einmaliger Vorgang. Ursache sei der Verlust hochproduktiver Industriearbeitsplätze bei gleichzeitigem Aufbau weniger produktiver Beschäftigung im Dienstleistungssektor. Auch außenwirtschaftlich fehle Zugkraft: Handelskonflikte, schwache Weltkonjunktur und strukturelle Veränderungen in China belasteten die Exportnation Deutschland dauerhaft.
Kritik an Wirtschafts- und Energiepolitik
Deutliche Kritik übte Kooths an der Wirtschaftspolitik. Staatliche Sondervermögen und Verschuldung verschafften nur vorübergehend Spielräume, erzeugten aber langfristig höhere Zinslasten und Investitionsunsicherheit. Als besonders problematisch bezeichnete der Ökonom die Energie- und Klimapolitik. Gesetzlich festgelegte absolute Energieverbrauchsziele seien ökonomisch widersprüchlich: Energie sei ein zentraler Produktionsfaktor und Grundlage von Kapitalausstattung und Wohlstand. Eine Politik, die den Energieeinsatz pauschal begrenze, wirke zwangsläufig wachstumsdämpfend und schrecke Investitionen ab. Deutschland bleibe grundsätzlich ein wohlhabender Standort mit hoher Energie- und Kapitalproduktivität, betonte Kooths. Doch ohne strukturelle Reformen drohe das langfristige Wachstumspotenzial weiter auf nur noch etwa 0,3 Prozent pro Jahr zu sinken.
Appell an Politik und Wirtschaft
Für die Teilnehmer des IHK-Konjunkturgesprächs wurde damit klar: Die regionale Konjunkturschwäche spiegelt eine nationale Strukturkrise. Kooths Appell lautete, Wachstum wieder zur zentralen Leitgröße der Wirtschaftspolitik zu machen, nicht kurzfristige Nachfrageimpulse. Nur dann könne Deutschland und damit auch die Region Ulm ihre industrielle Basis und Wettbewerbsfähigkeit sichern.