IHKplus 08/2022

Fast wie in den „guten alten Zeiten"

Die Bonner Straße ist die wichtigste Einkaufsstraße in Lechenich – und ein Aushängeschild für ganz Erftstadt. Hier finden sich noch sehr viele inhabergeführte Geschäfte in einer schönen Altstadt und eine vielseitige Gastronomieszene. Ein Problem ist hingegen der Durchgangsverkehr. Teil 4 unserer Serie zu den großen Einkaufsstraßen im Kölner IHK-Bezirk.
Text: Lothar Schmitz
Zu behaupten, dass es Erftstadt nicht gibt, wäre falsch. Richtig ist vielmehr: Es gibt gleich mehrere Erftstadts. 14, um genau zu sein. Die Stadt Erftstadt wurde nämlich erst 1969 im Rahmen der kommunalen Neugliederung aus 14 Orten gebildet. Namensgeberin ist das Flüsschen Erft. Einen Hauptort gibt es tatsächlich nicht, die Stadtverwaltung befindet sich hauptsächlich in den beiden größten Stadtteilen Erftstadt-Lechenich und Erftstadt-Liblar.
Insofern gibt es auch nicht ein einziges Geschäftszentrum, sondern mehrere, wobei hier ebenfalls Lechenich und Liblar hervorstechen. Beliebt bei Menschen aus Erftstadt, aber auch der Umgebung ist vor allem Lechenich mit seinem historischen Ortskern und der Bonner Straße. Deren Kern – rund 800 Meter zwischen Bonner Tor und Markt – ist noch stark von  inhabergeführtem Einzelhandel geprägt. „Ungefähr 50 Geschäfte; in der gesamten Lechenicher Altstadt sind es etwa 150“, schätzt Lothar Marschalleck, der 30 Meter von der Bonner Straße entfernt, an der Schlossstraße, ein Schreibwarengeschäft betreibt und sich viele Jahre lang als Vorsitzender der Aktionsgemeinschaft Handel und Gewerbe Lechenich e.V. engagierte.

Kein Leerstand, keine Schmuddelecke

Die ansässigen Geschäftsleute schätzen ihre Lage. „Die Kaufkraft ist gut, viele Menschen aus Lechenich und Umgebung kaufen hier ein und gehen hier gerne aus“, sagt etwa Karin Will, Inhaberin des Bistros „Willkommen am Markt“ und Mitinhaberin eines Fischfachgeschäftes an der Bonner Straße. Auch Andrea Riese, Inhaberin eines Modefachgeschäfts gleich am Beginn der Bonner Straße, ist „hier absolut zufrieden“. Es gebe praktisch keinen Leerstand und keine Schmuddelecke. „Ein bisschen so wie in den ‘guten alten Zeiten’“, sagt sie.

Problem Straßenverkehr

Zur Qualität trage auch eine „tolle Händlergemeinschaft und eine sehr aktive Kundschaft“ bei, betont Jörg Neuburg, der Anfang dieses Jahres die Buchhandlung Köhl übernahm. Die Stimmung bei vielen Geschäftsleuten ist also gut. Und doch gibt es ein Thema, das alle, mit denen wir gesprochen haben, umtreibt: der Verkehr.
Trotz Umgehungsstraße habe der Durchgangsverkehr auf der Bonner Straße enorm zugenommen. „Bei offener Ladentür gibt es einen permanenten Geräuschpegel“, berichtet etwa Buchhändler Neuburg. Karin Will sagt: „Uns nervt, wie viele Menschen hier rücksichtslos fahren und falsch parken.“ Sie beobachte täglich Dutzende Verkehrsverstöße. Schreibwarenhändler Marschalleck findet, dass durch den vielen Durchgangsverkehr die Aufenthaltsqualität leide.
Es braucht nicht unbedingt neue Konzepte, sondern eine konsequente Durchsetzung der jetzigen Spielregeln.
Der Verkehr in Lechenich beschäftigt nicht nur die Geschäftsleute. Diskutiert wird derzeit ein Verkehrskonzept, das im März vorgelegt wurde und im Zuge des Masterplans für Erftstadt-Lechenich umgesetzt werden soll. Unter anderem soll der Markt autofrei werden, außerdem soll aus Tempo 30 auf der Bonner Straße Tempo 20 werden. Ob Letzteres die Situation verbessert, wird allerdings bezweifelt. Tempo 20 werde nichts ändern, glaubt etwa Marschalleck, „denn auch jetzt halten sich leider sehr viele Pkws nicht an Tempo 30“. Er ist überzeugt: „Es braucht nicht unbedingt neue Konzepte, sondern eine konsequente Durchsetzung der jetzigen Spielregeln.“ Karin Will ist ebenfalls skeptisch: „Auch die jetzigen Regelungen wären okay, wenn sich alle daran halten würden.“ Ihr Wunsch an Politik und Verwaltung: „Viel konsequentere Kontrollen.“
Manche gehen noch einen Schritt weiter – sie teilen den Wunsch vieler Bürgerinnen und Bürger, den Markt autofrei zu gestalten. „Dem Markt würde es guttun, wenn dort nicht geparkt werden dürfte“, findet etwa Jörg Neuburg, „das würde die Aufenthaltsqualität sehr anheben.“ Parkplätze gebe es rundherum genug. Er geht sogar noch weiter: „Wichtig wäre, einen Teil des Verkehrs auf der Bonner Straße komplett auszulagern.“ Lothar Marschalleck sagt: „Wenn es nach mir ginge, würde der Verkehr am Markt gekappt. Kein Durchgangsverkehr mehr.“
Eine vollständige Verkehrsberuhigung wäre fatal.
Andere Geschäftsleute weisen hingegen darauf hin, dass Lechenich weiterhin offen für Menschen mit Pkws bleiben müsse. „Eine vollständige Verkehrsberuhigung wäre fatal“, sagt etwa Andrea Riese. Viele ihrer Kunden kämen von weiter her. „Darauf wollen und können wir nicht verzichten.“ Karin Kredelbach sieht das ähnlich. „Ich hoffe nicht, dass hier eines Tages eine reine Fußgängerzone entsteht“, betont die Unternehmerin, die an der Bonner Straße ein Feinkostgeschäft führt. Sie habe die Sorge, dass sich die Stadt damit sozusagen selbst „den Hahn zudrehen“ würde.
IHKplus-Serie Einkaufsstraßen – aus dem Blickwinkel der Gewerbetreibenden
In unserer Serie werfen wir einen Blick auf wichtige Einkaufsstraßen im IHK-Bezirk und ihre aktuelle Entwicklung. Dabei stehen die dortigen Gewerbetreibenden im Mittelpunkt. Aus erster Hand berichten Menschen aus Einzelhandel und Gastronomie, wie sie ihre Straße erleben, was sie schätzen, was ihnen Sorgen bereitet und was sich dringend ändern müsste. Bisher vorgestellt haben wir die Venloer Straße in Köln, die Kaiser- und Wilhelmstraße in Gummersbach und die Kölner Straße in Leverkusen-Opladen.