IHKplus 08/2022

Fast wie in den "guten alten Zeiten": Interviews mit Geschäftsleuten

Fünf Geschäftsleute sprechen über die Vor- und Nachteile ihres Standortes an der Bonner Straße in Erftstadt-Lechenich.
Interviews: Lothar Schmitz

„Der Verkehr wird viel zu wenig kontrolliert“

Seit 46 Jahren ist Lothar Marschalleck als Einzelhändler in Erftstadt-Lechenich aktiv, 23 Jahre davon war er auch ehrenamtlich als Vorsitzender der Aktionsgemeinschaft Handel und Gewerbe Lechenich e. V. aktiv. Sein Schreib-Shop befindet sich in der Schlossstraße 4, 30 Meter sind es von hier zum Markt und zur Haupteinkaufsmeile Bonner Straße. Marschalleck ist auch Mitglied der IHK-Vollversammlung.
Welche Vorteile bietet Ihnen die Lage in der Lechenicher Altstadt, unweit der Bonner Straße?
Vor rund zwölf Jahren wurde die Bonner Straße in den heutigen Zustand versetzt, mit breiteren Bürgersteigen und weniger Parkplätzen. Sie ist die beste Einkaufsmeile in ganz Erftstadt, die 800 Meter zwischen Bonner Tor und Markt sind sehr beliebt, auch weil es hier noch viel inhabergeführten Einzelhandel gibt, ungefähr 50 Geschäfte insgesamt, in der gesamten Lechenicher Altstadt sind es etwa 150. Die Straße ist für Fußgänger angenehm und zugleich per Pkw gut zu erreichen. Die Straße ist bekannt und wird auch von vielen Menschen aus den umliegenden Dörfern frequentiert.
Vor welchen Herausforderungen stehen Sie an Ihrem Standort?
Im Zuge des Umbaus vor zwölf Jahren war auch die jetzige Umgehungsstraße realisiert worden. Leider erfüllt sie ihre Funktion nur unzureichend. Es fließt trotz der Umgehung eher noch mehr Verkehr durch die Bonner Straße als damals – obwohl hier nur Tempo 30 gilt. Durch den vielen Durchgangsverkehr leidet die Aufenthaltsqualität.
In Lechenich wird derzeit ein Verkehrskonzept diskutiert, das unter anderem den Verkehr in der Altstadt beruhigen und reduzieren will. Unter anderem ist Tempo 20 auf der Bonner Straße im Gespräch. Wie stehen Sie dazu?
Ich glaube, ehrlich gesagt, nicht, dass uns mit der Tempo-20-Regelung geholfen ist. Das wird nicht klappen, denn auch jetzt halten sich leider sehr viele Pkws nicht an Tempo 30. Es wird viel zu wenig kontrolliert, viele nutzen das aus. Auch das wilde Parken ist ein Problem. Auf dem Markt etwa dürfen offiziell 18 Fahrzeuge stehen, oft sind es deutlich mehr. Es braucht also nicht unbedingt neue Konzepte, sondern eine konsequente Durchsetzung der jetzigen Spielregeln.
Wenn Ihnen eine gute Fee einen Wunsch für Ihren Standort erfüllen würde: Was sollte das sein?
Wenn es nach mir ginge, würde der Verkehr am Markt gekappt. Kein Durchgangsverkehr mehr. Nur Busse dürften durchfahren, das könnte man mit absenkbaren Pollern lösen, wie es sie in anderen Städten bereits gibt, zum Beispiel in Maastricht. Davon abgesehen würde ich mir eine breitere Diskussion wünschen, nicht nur mit den ansässigen Geschäftsleuten, sondern auch den Anwohnerinnen und Anwohnern. Es gibt zwar Bürgerveranstaltungen, aber oft melden sich dort nur Interessensvertreter zu Wort. Hier sollten mehr Menschen eingebunden werden, dabei kämen bestimmt viele gute Anregungen auf den Tisch.

„Wir sind hier absolut zufrieden“

Andrea Riese ist Inhaberin von Mode Exclusiv in Lechenich. Ihre Mutter Irmgard Zimmermann eröffnete das Geschäft 1984 am Markt, 2008 wechselte sie in die Bonner Straße 6. Dort übernahm Andrea Riese 2018 die Geschäftsführung, ihre Mutter ist ebenfalls noch im Laden aktiv.
Welche Vorteile bietet Ihnen die Lage an der Bonner Straße?
Das ist die wichtigste Einkaufsstraße in Lechenich. Hier gibt es praktisch keinen Leerstand und keine Schmuddelecke. Dafür aber sehr viele individuelle Läden und auch tolle Gastronomie. Ein bisschen so wie in den „guten alten Zeiten“. Außerdem hat Lechenich wirklich noch so viel Charme und Flair, wie man es sonst nicht mehr so oft findet.
Vor welchen Herausforderungen stehen Sie an Ihrem Standort?
Wir sind hier absolut zufrieden und möchten unser Geschäft an keinem anderen Standort haben. Von manchen Kunden hören wir allenfalls, dass die Parkplatzsituation immer mal wieder angespannt sei.
In Lechenich wird derzeit ein Verkehrskonzept diskutiert, das unter anderem den Verkehr in der Altstadt beruhigen und reduzieren will. Unter anderem ist Tempo 20 auf der Bonner Straße im Gespräch. Wie stehen Sie dazu?
Eine vollständige Verkehrsberuhigung wäre fatal. Man muss schon sagen, dass hier zeitweise viel Verkehr herrscht, andererseits kommen viele unserer Kunden von weiter her, wir haben uns, auch dank Social Media, einen Kundenstamm auch in Düren, Euskirchen oder Bonn erarbeitet. Darauf wollen und können wir nicht verzichten.
Wenn Ihnen eine gute Fee einen Wunsch für Ihren Standort erfüllen würde: Was sollte das sein?
Mein größter Wunsch? Kein Corona und vor allem keine Lockdowns mehr! Das hat mit vielen Menschen etwas gemacht. Viele sind nach wie vor verunsichert, es fehlt immer noch an Leichtigkeit und Freude. Ökonomisch haben wir allerdings trotzdem Glück gehabt. Ein großes Kompliment an unsere Stammkunden: Die haben uns durch diese harte Zeit getragen. Trotzdem: Man spürt, dass manche Menschen immer noch den Bummel durch Geschäfte meiden. Mein Wunsch: dass sie wieder gerne und unbeschwert zu uns und in die anderen Geschäfte hier kommen!

„Hier herrscht fast kein Leerstand“

Als Jörg Neuburg 2008 in der Buchhandlung Köhl mit Standorten an der Bonner Straße in Lechenich und im ErftstadtCenter Liblar seine Ausbildung als Buchhändler begann, stand bereits in Aussicht, dass er das Unternehmen eines Tages von Gründer Rolf Köhl übernehmen solle. Am 1. Januar 2022 war es dann tatsächlich so weit, seitdem führt Neuburg die Geschäfte.
Welche Vorteile bietet Ihnen die Lage an der Bonner Straße?
Zufrieden sind wir mit beiden Standorten – in Liblar und in Lechenich. Der Umsatz ist in etwa gleich verteilt. Den Standort Bonner Straße finde ich wirklich uneingeschränkt gut. Hier herrscht fast kein Leerstand – und wenn mal ein Ladenlokal frei wird, ist es in der Regel rasch wieder vermietet. Zudem haben wir hier eine tolle Händlergemeinschaft und eine sehr aktive Kundschaft. Außerdem ist zwei Mal in der Woche, nur 100 Meter von unserer Filiale entfernt, Markt, das ist ebenfalls gut für die Straße.
Vor welchen Herausforderungen stehen Sie an Ihrem Standort?
Corona war natürlich eine Herausforderung, doch wir konnten in beiden Lockdowns einen Türverkauf realisieren, das kam richtig gut an. Und nach Corona rannten uns die Kunden förmlich „die Bude“ ein, das war wie ein zusätzliches Weihnachtsgeschäft. Ansonsten ist der äußerst rege Autoverkehr auf der Bonner Straße natürlich ein Dauerthema. Bei offener Ladentür gibt es einen permanenten Geräuschpegel. Eine Zeitlang half die Umgehungsstraße, doch ich glaube, die Haushalte besitzen heute oft mehr als einen Pkw, die Zahl der Autos auf der Bonner Straße hat trotz Umgehung in den vergangenen Jahren kontinuierlich zugenommen.
In Lechenich wird derzeit ein Verkehrskonzept diskutiert, das unter anderem den Verkehr in der Altstadt beruhigen und reduzieren will. Unter anderem ist Tempo 20 auf der Bonner Straße im Gespräch. Wie stehen Sie dazu?
Ob Tempo 20 oder Tempo 30 – das macht, denke ich, kaum einen Unterschied. Die Frage ist doch: Halten sich die Autofahrerinnen und -fahrer daran? Leider längst nicht immer. Wichtiger wäre, einen Teil des Verkehrs auf der Bonner Straße komplett auszulagern. Dem Markt würde es im Übrigen auch guttun, wenn dort nicht geparkt werden dürfte. Das würde die Aufenthaltsqualität sehr anheben. Parkplätze rundherum gibt es meines Erachtens genug – dafür muss man nicht mit dem Auto durch die Bonner Straße fahren.
Wenn Ihnen eine gute Fee einen Wunsch für Ihren Standort erfüllen würde: Was sollte das sein?
Ich würde mich über mehr Unterstützung aus Politik und Verwaltung wünschen, was Kulturförderung betrifft. Wir organisieren wirklich sehr viele Veranstaltungen, davon profitieren bestimmt auch andere hier in der Innenstadt. Es gibt von der Stadt aber weder irgendeine finanzielle Unterstützung, noch hilft sie uns auf andere Weise. Sie könnte beispielsweise Räume kostenlos zur Verfügung stellen, auch das wäre ein wichtiger Beitrag zur Kulturförderung, was wiederum die Innenstadt noch attraktiver machen würde.

„Sie haben aber noch tolle Geschäfte hier!“

Seit elf Jahren ist Karin Kredelbach mit ihrem Feinkostgeschäft „Vom Feinsten“ in Lechenich präsent, vor sechs Jahren mietete sie einen größeren Laden in der Bonner Straße 24. Dort findet man Essige, Öle, Gewürzmischungen und viele andere Feinkostprodukte.
Welche Vorteile bietet Ihnen die Lage an der Bonner Straße?
Ich finde vor allem gut, dass es hier noch viele individuelle Geschäfte gibt, vor allem für einen kleinen Ort wie diesen. Das macht Lechenich wirklich unverwechselbar. „Sie haben aber noch tolle Geschäfte hier!“, höre ich oft von Kunden, die zum ersten Mal bei uns sind und solch eine Vielfalt von zu Hause nicht mehr kennen. Außerdem ist Lechenich wirklich ein schöner Ort mit einem außergewöhnlichen Stadtbild.
Vor welchen Herausforderungen stehen Sie an Ihrem Standort?
Einige Kunden bemängeln Parkplatzprobleme. Ich selbst sehe das nicht ganz so kritisch, es gibt schon eine ganze Reihe von Parkplätzen in der Nähe. Das Parken ist sogar kostenlos, wo gibt es das noch? Problematisch ist aber, dass das Parken nur für 60 Minuten erlaubt ist. Das bereitet vielen Kunden Stress, denn sie wollen ja auch noch durch andere Läden bummeln oder gemütlich im Café sitzen. Dauernd müssen sie auf die Uhr schauen. Natürlich kann man im Ort auch länger parken, diese Parkplätze liegen aber nicht so zentral. Wenn man mehrere Taschen zu tragen hat, ist das nicht so toll.
In Lechenich wird derzeit ein Verkehrskonzept diskutiert, das unter anderem den Verkehr in der Altstadt beruhigen und reduzieren will. Unter anderem ist Tempo 20 auf der Bonner Straße im Gespräch. Wie stehen Sie dazu?
Ich hoffe nicht, dass hier eines Tages eine reine Fußgängerzone entsteht. Das fände ich äußerst problematisch. Ich habe die Sorge, dass sich die Stadt damit sozusagen selbst „den Hahn zudrehen“ würde. Den Verkehr weiter zu beruhigen, fände ich aber in Ordnung, auch wenn ich skeptisch bin, ob Tempo 20 Probleme löst, wenn viele Autofahrer sich derzeit nicht mal an Tempo 30 halten. Wichtig wäre im Zuge von Veränderungen auf jeden Fall, stärker als bisher an Zonen für die Warenanlieferung zu denken. Wir alle sind hier auf verlässliche Anlieferung angewiesen, die Fahrer haben aber ständig Schwierigkeiten, korrekt halten zu können. Das muss besser werden.
Wenn Ihnen eine gute Fee einen Wunsch für Ihren Standort erfüllen würde: Was sollte das sein?
Was hier fast vollständig fehlt, sind Touristen. Wenn ich einen Wunsch frei hätte, würde die Stadt viel mehr Werbung betreiben, denn Lechenich ist wirklich außergewöhnlich. Ein Ausflug hierher lohnt sich!

„Ich wohne und arbeite gerne hier“

Karin Will ist gelernte Hotelfachfrau und Sommelière. In Lechenich ist sie gleich zweifach aktiv: seit 2018 mit dem Bistro „Willkommen am Markt“ und seit 2021 – zusammen mit Milica Vukicevic – einem Fischfachgeschäft an der Bonner Straße 14. Davor betrieb sie in der Altstadt bereits ein Restaurant. Die Unternehmerin lebt auch in Lechenich.
Welche Vorteile bietet Ihnen die Lage an der Bonner Straße?
Ich wohne und arbeite gerne hier in der Lechenicher Altstadt. Mir gefallen die Menschen hier. Zudem ist die Kaufkraft gut, viele Menschen aus Lechenich und Umgebung kaufen hier ein und gehen hier gerne aus. Schön ist zudem, dass es so viele inhabergeführte Geschäfte und solch ein breites Angebot gibt. Das schweißt irgendwie zusammen und macht uns stark.
Vor welchen Herausforderungen stehen Sie an Ihrem Standort?
Ganz ehrlich: Uns nervt, wie viele Menschen hier rücksichtlos fahren und falsch parken. Der Markt ist zwar verkehrsberuhigt, aber das interessiert offenbar längst nicht jeden. Wir beobachten tagtäglich Dutzende Verkehrsverstöße, das ist enorm ärgerlich. Am liebsten wäre mir, auf dem Markt dürfte gar nicht geparkt werden, dann fiele auch der teils hektische und laute Parksuchverkehr weg und die Menschen, vor allem die Kinder, könnten sich freier bewegen.
In Lechenich wird derzeit ein Verkehrskonzept diskutiert, das unter anderem den Verkehr in der Altstadt beruhigen und reduzieren will. Unter anderem ist Tempo 20 auf der Bonner Straße im Gespräch. Wie stehen Sie dazu?
Ich begrüße die Pläne – wenn sie denn umgesetzt werden! Wie schon gesagt: Auch die jetzigen Regelungen wären okay, wenn sich alle daran halten würden. Hier wäre einiges besser, wenn bloß wirklich ernsthaft kontrolliert und Verstöße konsequent geahndet würden.
Wenn Ihnen eine gute Fee einen Wunsch für Ihren Standort erfüllen würde: Was sollte das sein?“
An die Politik? Viel konsequentere Kontrollen. Doch mein eigentlicher Wunsch richtet sich an alle Menschen: Geht netter miteinander um! Nach über zwei Jahren Corona scheinen viele irgendwie einen netten, rücksichtsvollen Umgang miteinander verlernt zu haben. Viele sind rücksichtsloser geworden. Das gefällt mir nicht.