IHKplus 04/2022

Mitten in Gummersbach

Die Kaiserstraße und Wilhelmstraße bildeten viele Jahre das Zentrum von Einzelhandel und Gastronomie in Gummersbach. Mit der Entwicklung
des ehemaligen Steinmüller-Geländes hat sich die City-Fläche quasi verdoppelt. Wie steht es aktuell um die Fußgängerzone? Teil 2 einer Serie zu den großen Einkaufsstraßen im Kölner IHK-Bezirk.
Text: Lothar Schmitz
Es kommt nicht häufig vor, dass sich die Fläche einer Innenstadt verdoppelt. In Gummersbach ist das geschehen. Mehr als ein Jahrhundert lang beeinflusste und prägte das Unternehmen Steinmüller die Entwicklung und die Struktur der Stadt im Oberbergischen Kreis. 2002 war es damit vorbei.  In den folgenden Jahren stand der Name Steinmüller nicht mehr nur für eine reiche Industrietradition, sondern auch für eine der größten innerstädtischen Brachen in NRW.
Rund 125.000 Quadratmeter mitten in Gummersbach harrten plötzlich einer neuen Nutzung – eine Fläche so groß wie die Gummersbacher City gleich nebenan. Der oberbergischen Kreisstadt stand ein einzigartiger Umbau bevor. Heute, 20 Jahre später, ist dieser Umbau weitgehend abgeschlossen.  Nun prägen unter anderem der Campus Gummersbach der TH Köln, die Schwalbe-Arena, die Halle 32, das SEVEN-Kinocenter – und das Einkaufszentrum Forum Gummersbach das Bild im hinzugewonnenen Teil der Innenstadt.
Die 51.000-Einwohner-Stadt hat beträchtliche Einzelhandels- und Gastronomieflächen hinzugewonnen. Welche Auswirkungen hat das auf die Gewerbetreibenden an Gummersbachs wichtigsten Einkaufsstraßen – der Kaiser- und der Wilhelmstraße? „IHKplus“ hat mit einigen von ihnen gesprochen.
Kristina Oberlinger beobachtet die Entwicklung seit fast 30 Jahren. 1993 begann sie bei der Bücherstube Osberghaus an der Kaiserstraße, die 2006 von der Mayerschen Buchhandlung übernommen wurde, die inzwischen ihrerseits zu Thalia gehört. Oberlinger blieb. „Als das Forum eröffnet wurde, gab es zunächst schon eine Verschiebung der Kundenströme“, erzählt die stellvertretende Filialleiterin, „aber das hat sich bald wieder eingependelt.“ Insgesamt sei die Attraktivität Gummersbachs gestiegen. „Die Entwicklung des ehemaligen Steinmüller-Geländes hat der Innenstadt insgesamt Vorteile gebracht“, ist die Buchhändlerin überzeugt, „wir alle profitieren davon“.

„Die Menschen kommen gerne nach Gummersbach“

Christoph Bois sieht das genauso. „Ich glaube, dass das Forum und die Entwicklung auf dem Steinmüller-Gelände insgesamt die Stadt nach vorn gebracht haben“, sagt der Gastronom. Er betreibt unter anderem das Restaurant „32 SÜD“ in der Halle 32 und zählt zu den Pionieren auf dem ehemaligen Steinmüller-Gelände. Dort sei viel Tolles entstanden, ein regelrechter Magnet, der viele Menschen anziehe. „Die Stadt lebt nicht so sehr von einzelnen tollen Läden oder Restaurants, sondern von der Gesamtattraktivität des gewachsenen Angebots“, findet der Unternehmer, der sich auch in der Beratenden Versammlung der IHK-Geschäftsstelle Oberberg engagiert und vor zwei Jahren die IG Gastronomie mit ins Leben rief.
Corona habe seiner Branche zwischenzeitlich enorm geschadet, zudem sei die Situation des Einzelhandels durch Corona und den Onlineboom schwieriger geworden. „Aber nach meiner Beobachtung kommen die Menschen, die Shopping als Erlebnis sehen, gerne nach Gummersbach, und zwar sowohl ins Forum als auch in die Fußgängerzonen“, sagt Bois. „Davon profitieren wir alle.“

Viel städtisches Engagement

Schräg gegenüber der Mayerschen hat die Augenwelt Optik und Akustik GmbH u. Co. KG ihren Sitz. Geschäftsführer Hansjörg Mecke ist in Gummersbach aufgewachsen und kennt die Entwicklung in der Stadt gut. An der Kaiserstraße war er mit seinem Geschäft schon aktiv, als dort noch Pkws fuhren. „Die Einrichtung der Fußgängerzone kurz vor der Jahrtausendwende brachte erhebliche Veränderungen, ebenso wie Jahre später die Entscheidung für die Errichtung eines großen Einkaufszentrums“, erinnert sich Mecke. „Ich habe damals übrigens gegen das Forum protestiert.“
Seine Befürchtungen, dass es der Kaiserstraße Kunden abzieht, hätten sich dann zum Glück nicht bewahrheitet. „Die Stadt hat es mit viel Engagement geschafft, das zu verhindern“, findet Mecke, der sich als Vorsitzender des Vereins GMerleben auch ehrenamtlich für die Innenstadtentwicklung einsetzt. Es sei gutgegangen, solange Karstadt im Bergischen Hof war, sagt der Unternehmer, so hätte es je einen Anker am nördlichen und südlichen Rand der Innenstadt gegeben – und damit viel Frequenz in den verbindenden Fußgängerzonen. Durch das Ende von Karstadt sei die Attraktivität der Innenstadt aber zwischenzeitlich gesunken. Dem werde jedoch in gemeinsamer Arbeit, etwa durch ein neues Einzelhandelskonzept, entgegengewirkt. „Dennoch zieht Gummersbach viel Kaufkraft an“, sagt Mecke, „das ist ungewöhnlich für eine Stadt dieser Größe.“

Stetig steigende Umsätze

Auf der anderen Straßenseite, direkt neben der Mayerschen, bildet das Café Hecker einen Anziehungspunkt für Passant:innen. Es bietet 130 Innen- und 150 Außenplätze. Was Betriebsleiter Philip Hecker, der seit 2018 zusätzlich Giovannis Gelateria betreibt, an der Lage besonders schätzt, ist der Raum. „Die Kaiserstraße ist hier 18 Meter breit, rund zweieinhalb Mal breiter als die Hohe Straße in Köln“, schwärmt er. „Das ist gut fürs Geschäft – wenn nicht gerade Corona ist – und gut für die Atmosphäre in der Fußgängerzone.“
Im Laufe der Jahre habe es immer wieder Befürchtungen gegeben, das Forum könne die Situation beeinträchtigen. “Ich finde jedoch, das Gegenteil ist der Fall“, betont Hecker. „Durch das Einkaufszentrum, aber vor allem auch die Entwicklung mit Schwalbe-Arena, Kinocenter und Halle 32, kommen mehr Leute – unsere Umsätze sind, von Corona einmal abgesehen, stetig gestiegen.“

“Wir sind hier sehr zufrieden”

Während die bisherigen Gesprächspartner:innen schon lange in Gummersbach aktiv sind oder sogar von dort stammen, hat Torsten Müller erst vor acht Jahren an der Alten Rathausstraße, zwischen Kaiser- und Wilhelmstraße, ein Modegeschäft übernommen und weiterentwickelt. Es heißt „Herr Müller“. Der Inhaber stammt aus Untereschbach – und „hatte Gummersbach, als ich das Angebot erhielt, unternehmerisch gar nicht auf dem Schirm“, erzählt er.
Acht Jahre später sagt er: „Wir sind hier sehr zufrieden, es macht Spaß.“ Müller schätzt die Lage, es sei ein guter Ort, zentral, gut zu Fuß zu erreichen, mit tollen Geschäften und Gastronomiebetrieben drumherum. Das Forum habe ihn nicht abgeschreckt. „Ich persönlich mag keine Einkaufszentren und hätte dort auch keinen Laden eröffnet“, gibt er zu, „aber es trägt insgesamt zur Belebung der Innenstadt bei.“ Wünsche hat der Unternehmer trotzdem. Einer davon: „Es wäre toll, wenn es der Stadt gelänge, noch mehr Fachgeschäfte anzusiedeln.“
Zukunft der Innenstädte – unsere Serie über Einkaufsstraßen

Die Corona-Pandemie hat Auswirkungen auf die Entwicklung der Innenstädte. Ladenlokale stehen leer, Einkaufsstraßen verlieren an Attraktivität, und Shopping als alleiniger Grund, in die City zu fahren, zieht nicht mehr. Die Innenstädte benötigen einen neuen Nutzungsmix. Die IHK Köln wird dazu mit den Städten gemeinsam an einem Zielbild für attraktive Zentren arbeiten, das ist eines der Jahresziele 2022.

In einer neuen Serie wirft „IHKplus“ einen Blick auf wichtige Einkaufsstraßen in der Region. Dabei stehen die dortigen Gewerbetreibenden im Mittelpunkt. Sie berichten, wie sie ihre Straße erleben, was sie schätzen und was sich ändern müsste. Alle Teile der Serie sowie Interviews mit Geschäftsleuten finden Sie auf  IHKplus.