IHKplus 02/2022

„Die Prozesse dauern immer noch viel zu lange“

Kay Simon hat sich mit seiner Firma IPP auf die Vermittlung von Pflegekräften für Kliniken und Pflegeheime in Deutschland spezialisiert. Jüngst kamen Mitarbeiter:innen für die Gastronomie hinzu. Die begehrten Beschäftigten sucht und findet Simon vor allem in EU-Drittstaaten.

Nicht erst die Corona-Pandemie hat gezeigt, wie dramatisch der Fachkräftemangel in Deutschland ist. Wie steuern Sie mit Ihrer Firma gegen?

Ich bin die meiste Zeit unterwegs, um mich vor Ort um die Akquise zu kümmern. Unser Fokus liegt seit 2016 auf Osteuropa mit Bosnien, Serbien, Nordmazedonien, Kosovo. Seit 2019 kamen auch immer mehr indische Mitarbeiter:innen hinzu, die zum Beispiel in den Vereinigten Arabischen Emiraten oder Italien leben, bzw. seit Mitte 2021 auch aus Indien direkt. Im Idealfall sind bei unseren Recruitingevents auch die künftigen Arbeitgeber vor Ort.

Sie sind seit gut zehn Jahren im Vermittlungsgeschäft aktiv – was bringt aus Ihrer Sicht das vor zwei Jahren in Kraft getretene Fachkräfteeinwanderungsgesetz?

Es hilft, aber es ist aus meiner Sicht kein Game Changer. Zum Teil hat es Prozesse rund um Anerkennung von Berufsabschlüssen und Beantragung von Visa beschleunigt. Nicht jedes Bundesland hat aber nach dem Vorbild von NRW eine Zentralstelle Fachkräfteeinwanderung eingerichtet. Oftmals kümmern sich Ausländerbehörden eher nebenbei um das Thema und dann ist dieser Prozess manchmal schwierig. Grundsätzlich müsste die Vermittlung viel schneller gehen.

In Ihrer Branche sind auch viele schwarze Schafe unterwegs, die Bewerber:innen mit Versprechen, etwa mit Blick auf mögliche Gehälter, locken, die sie gar nicht einhalten können. Welche Folgen hat das für Sie?

Bewerber:innen springen plötzlich ab, weil sie glauben, anderswo bessere Konditionen zu bekommen. Der ein oder andere hat sich aber auch schon erneut bei uns gemeldet, nachdem er hinter die Kulisse geschaut hat. Das verzögert jedoch den Prozess. Wir steuern gegen, indem wir uns Ende 2021 mit dem Gütesiegel „Faire Anwerbung Pflege Deutschland“ haben zertifizieren lassen. Dieses Siegel steht für Information, Transparenz und Fairness in der Anwerbung von Pflegekräften aus Drittstaaten. Kliniken, die mit zertifizierten Personalvermittler:innen zusammenarbeiten, bekommen einen finanziellen Zuschuss vom Bundesgesundheitsministerium von bis zu 6.000 Euro je Fachkraft.

Meist sind es Frauen, die Sie an die Klinken vermitteln. Das hat Sie auf eine innovative Idee gebracht.

Wie kaum eine andere Branche leidet die Gastronomie durch Lockdowns und Regeln wie jüngst 2Gplus unter dem Wegbleiben der Gäste. Viele Mitarbeiter:innen haben sich deshalb umorientiert. Da anderswo oftmals bessere Arbeitszeiten und -bedingungen locken, werden sie kaum zurückkehren, sodass Restaurants aufgeben oder Öffnungszeiten reduzieren müssen. Wir haben deshalb erfolgreich begonnen, die Ehepartner der Pflegekräfte an Restaurants und Hotels zu vermitteln. Sprachlich liegen die Hürden in dieser Branche niedriger als in einer Klinik und über das Familienvisum sind die behördlichen Prozesse weniger aufwändig.

Bislang hat man ja die Spitzen in der Gastronomie meist mit Saisonkräften aus dem Ausland abgedeckt. Reicht das künftig noch? Laut Statistischem Bundesamt arbeiten inzwischen 23,4 Prozent weniger Menschen in der Gastronomie als vor der Pandemie.

Das wird auf gar keinen Fall mehr reichen. Dafür ist die Lage viel zu dramatisch. Wir gehen deshalb aktiv auf die Bundesagentur für Arbeit zu. Stellt sie wie wir einen Mangel fest, könnte sie beschleunigte Anwerbeprozesse vorantreiben.

Kontakt

Jasna Rezo-Flanze
Leiterin Fachkräftesicherung