Titelthema FORUM Dezember

Geschäftsidee mit der Datenbrille

Die wichtigste Säule der Brandenburger Wirtschaft sind die kleinen und mittelständischen Unternehmen. Einige von diesen Firmen überzeugen durch Innovationen und Spezialisierungen. Sie bedienen Nischen, sind inhabergeführt und arbeiten nicht börsennotiert – die so genannten Hidden Champions. In unserer Serie stellen wir Brandenburger Unternehmen vor, auf die das zutrifft.
 
Die nxtBase technologies GmbH aus Potsdam-Babelsberg hat den Innovationspreis des Landes Brandenburg gewonnen. Ihr Produkt ist ein digitaler Hightech-Koffer, der einen mobilen Server und eine Datenbrille enthält. Entwickelt wurde der Koffer in einem gemeinsamen Projekt mit der Universität Potsdam, er ist mittlerweile weltweit patentgeschützt.
Die Innovation war ursprünglich für den Einsatz in der Logistik gedacht. Die Lagerarbeiter sollten beide Hände frei haben, wenn sie ihre Listen abarbeiten. Die Entwicklung wurde bereits 2020 prämiert, sie ist weiterhin gefragt, aber die Erfinder haben sich seitdem komplett neue Anwendungsbereiche erschlossen. Inzwischen wird das digitale Werkzeug auch von Monteuren in unterschiedlichsten Bereichen genutzt. Geschäftsführer Jörg E. Jonas-Kops erläutert die Möglichkeiten an einem Beispiel in der Luftfahrtindustrie. „Die Qualitätschecks dort gehören zu den anspruchsvollsten Aufgaben. 255 Arbeitsschritte umfasst die Prüfung des Türrahmens eines Airbus 320. Klassisch legt der Monteur seinen Plan auf einen Arbeitstisch. Dann dreht er sich zum Türrahmen, prüft mit Schiebelehre, Drehmomentenschlüssel und elektronischem Gerät die Teile und dokumentiert das Ergebnis mit dem Fotoapparat.


4,5 Arbeitsstunden dauert die klassische Prüfung, 2,5 sind es mit dem nxtBase-System. Aber Zeiteinsparung steht bei der Innovation nicht nur im Vordergrund. Mit einer Schrittfür-Schritt-Anleitung sorgt die Software dafür, dass der Monteur nichts vergessen kann. In seiner Datenbrille sieht er immer nur den nächsten Arbeitsgang und das passende Werkzeug. Er bestätigt den Abschluss jedes Prüfschritts mit einer Spracheingabe, fotografiert über sein Set, und die Prüfergebnisse laufen zurück in eine SAP-Datenbank.

Augmented Reality

Augmented Reality heißt die Technologie, bei der reale Bilder mit den Einblendungen aus der Software oder einer Videoübertragung verschmelzen. Das Verfahren bringt in der Industrie noch einen sehr viel größeren Nutzen als in der Lagerwirtschaft, weil dort hoch bezahlte Techniker arbeiten. Es ermöglicht den Herstellern Wartungen weltweit, ohne dass sie den eigenen Monteur vor Ort schicken müssen. Auch für die Einarbeitung von Fachkräften ist Augmented Reality optimal. Immer, wenn Probleme auftauchen, können die Monteure einen Experten zuschalten und seinen Rat einholen.

Gewinn beim Google-Wettbewerb „#If i had glass“

Firmengründer Jörg Jonas-Kops hatte bereits umfangreiche Erfahrungen als Unternehmer gesammelt, bevor er sich mit nxtBase selbstständig machte. Der 59-Jährige ist studierter Dipl. Ökonom, er war selbstständiger Immobilienmakler, Management Consultant bei der SAP, Key Account Manager bei einer großen Bank und Mitgesellschafter eines IT-Unternehmens in der Schweiz, das eine Software zur Bewertung von großen Immobilienbeständen entwickelt hatte. Die Firma Google brachte ihn mit einem Wettbewerb auf die neue Geschäftsidee. Sie hatte 2013 „Google Glasses“ entwickelt. Die ersten Google-Brillen wurden 2013 für 1500 Dollar an jene Kunden verkauft, die sich zuvor durch einen kreativen Nutzungsvorschlag (#If i had glass) dafür qualifiziert hatten. Unter ihnen war Krystyna Jonas-Kops, die Ehefrau des Gründers. Sie hatte sich – weil nur US-Bürger an dem Wettbewerb teilnehmen durften – über eine Tante in Amerika beworben. Die Idee lautete: virtuelle Immobilienbesichtigungen mit dem Makler.
Wahrscheinlich waren wir erfolgreich, weil wir eine wirtschaftliche Nutzung vorgeschlagen hatten. Die meisten anderen wollten eine private Anwendung realisieren.

Krystyna Jonas-Kops

Krystyna und Jörg Jonas-Kops wurden Google-Händler. Sie verkauften immerhin 150 Glasses an Endkunden und verschafften sich damit den Spielraum für neue Ideen.

nxtBase wird Brandenburger

Noch 2013 wurde „Kops & Konsorten“ in Köln gegründet. 2017 erfolgte der Umzug nach Brandenburg. „Ich hatte von einem Freund von der guten Unterstützung für Gründer in Brandenburg erfahren, konnte bei der Wirtschaftsförderung präsentieren und bekam eine Förderung aus dem EFRE-Fonds „Gründung innovativ“ über 100 000 Euro. 2019 wurde die neue Firma nxtBase dann in das Accellerator-Programm des Media Tech Hub Potsdam aufgenommen. Es ist ein Förderprogramm, das bundesweit an zwölf Standorten umgesetzt werden kann – Potsdam ist dabei die einzige Stadt mit einem Hub für Medienunternehmen. Die Gründungsteams am Media Tech Hub werden durch Partner der Universität Potsdam, vom Hasso-Plattner-Institut und von der Filmuniversität ein halbes Jahr gecoacht.

Privat ist der gebürtige Gummersbacher jetzt ein Berliner, mit dem Unternehmen und mit dem Herzen aber ein Brandenburger. So schwärmt er beim Blick aus dem Fenster von der über 100-jährigen Filmtradition Babelsbergs und von den Synergien durch die rund 170 Medientechnologie-Unternehmen in der unmittelbaren Nachbarschaft. Die meisten davon leben vom Film als Unterhaltungsmedium, aber viele sind auch auf der Suche nach neuen mediennahen Geschäftsmodellen, bei denen sie – so wie nxtBase – diese Verfahren für industrielle Anwendungen nutzen.

Neue “Glasses”

Für nxtBase sind Google Glasses heute nicht mehr alleine die Technik der Wahl. Sie sind leicht und fragil – für den Monteursalltag sind robustere Modelle besser. „Bei der Wahl ihrer Brillen sind die Kunden unabhängig. Entscheidend ist unsere Plattform als Schnittstelle zwischen Brille, der SAP-Datenbank und dem Anwender“, erläutert der Geschäftsführer. Rund 30 Brillenmodelle verschiedener Hersteller hat nxtBase getestet. Aktuell bevorzugt das Unternehmen Brillen, die binokular sind, also beide Augen abdecken und die die reale Welt mit formatfüllenden digitalen Elementen überlagern. Der Instrukteur am Firmensitz sieht auf seinem Monitor dasselbe Bild wie der Monteur beim Kunden vor Ort.

Aktives Marketing

Zu den Gründungsaktivitäten von nxtBase gehörte die Präsentation auf zahlreichen Wettbewerben, Messen und Veranstaltungen. Zu Eisenbahn- und Luftfahrtmessen war das Unternehmen bereits in Shanghai, Chicago, Paris und Dubai, sowie natürlich auch auf der ILA in Berlin. Mehrfach konnte ein Gemeinschaftsstand genutzt werden, den das Land Brandenburg mit Unterstützung der jeweiligen IHK-Außenhandelskammern organisiert hat.

Unternehmensreisen mit der Wirtschaftsförderung führten Jonas-Kops in jüngster Zeit real nach Georgien und Polen sowie virtuell nach Brasilien, Indien und Portugal. In der Corona-Krise 2020 konnte er im Unternehmen einen Showroom einrichten, der die gleichzeitige Präsentation von realer und virtueller Welt erlaubt. Auch dafür gab es eine Förderung. Jonas-Kops: „Ich war 2019 Teilnehmer auf 75 Veranstaltungen und habe voriges Jahr über 100-Mal online unsere Präsentation gezeigt.“

Auch die Wettbewerbsteilnahme ist in erster Linie Marketing. nxtBase hat neben dem brandenburgischen Innovationspreis noch weitere Auszeichnungen erworben. „Wir haben damit Aufmerksamkeit erreicht. Die ILB schaut genau hin, wem sie Geld gibt. Als Preisträger haben wir da gute Karten gehabt“, sagt der Firmenchef. „Man muss viele Frösche küssen“, umschreibt er das, was im Marketing-Deutsch „Sales Funnel“ heißt. „Es ist ein langer Vertriebsprozess nötig. Wir haben acht Jahre daran gearbeitet, bekannt zu werden, der Erfolg zeigt sich jetzt.“

Internationales Team

Das Unternehmen ist von sechs Mitarbeitern 2019 auf aktuell 17 gewachsen, alle haben ein abgeschlossenes Studium. Gründer Jonas-Kops arbeitet mit Wissenschaftseinrichtungen zusammen und ermöglicht Praktika für Studierende. Die Vorträge und die Empfehlungen im Business-Netzwerk Linkedin helfen bei der Nachwuchsgewinnung. Er sagt: „Wenn ein Ausländer auf die Karte guckt, liegt Potsdam direkt neben Berlin. Das ist dann für eine Bewerbung attraktiv.“ Und so ist die Belegschaft international, unter anderem mit Mitarbeitern aus Sri Lanka, der Ukraine, Indien, Georgien, Pakistan, der Türkei, der Schweiz und aus Russland. Untereinander sprechen alle Englisch. „Wir haben auch Mitarbeiter über die Blue Card zu uns geholt. Das ist verhältnismäßig unkompliziert, weil IT-Fachleute zu den Mangelberufen gehören“, sagt Jonas-Kops. Die Blue Card ermöglicht Hochqualifizierten die Anstellung in Deutschland und einer Reihe anderer EU-Länder. Sie müssen einen Hochschul- oder vergleichbaren Abschluss haben und ein Jahresbruttogehalt von über 56 000 Euro bekommen.

Nach der coronabedingten Lockerung der Reisebeschränkungen konnten die ausländischen Mitarbeiter auch wieder zu ihren Angehörigen reisen. In der Firma gibt es dann immer ein kleines Fest, wenn sie die feinsten Süßigkeiten aus den Herkunftsländern mitgebracht haben. Die Mitarbeiter sind aber nicht täglich im Büro, schon vor Corona war Homeoffice üblich. Montags und freitags treffen sie sich zum Meeting. Und das war in der Corona-Zeit auch manchmal im Café oder in einem Zoo. „Wir haben keine Anwesenheitspflicht. Für das Unternehmen zählt nicht die Arbeitszeit, sondern das Ergebnis“, erläutert Jonas-Kops, für den selbst jedoch die 80-Stunden-Woche keine Ausnahme ist.

Die Börse als Ziel

Das wird sich ändern. Mit dem Wirtschaftsinformatiker Dr. Sander Lass, der bereits an der Entwicklung des Hightech-Koffers beteiligt war, als neuem CTO und Mitgesellschafter gewinnt die Firma an Struktur. Es ist kein Start-up mehr, wo der Gründer jede Idee sofort umsetzen will. Jonas-Kops blickt in die Zukunft: Er wird das Unternehmen in eine AG umwandeln und an die Börse bringen. Dann sollen auch alle Mitarbeiter beteiligt werden, 24 Prozent der Anteile sind dafür vorgesehen. „Es gibt kein besseres System, um Mitarbeiter zu integrieren und zu halten.“ Und das ist sehr wichtig, denn die Einarbeitung der Spezialisten ist aufwändig – 100 000 Euro pro Person, schätzt Jonas-Kops. Ein wichtiger Schritt zur AG war in diesem Jahr die Aufnahme eines chinesischen Investors in die GmbH. „Wir haben damit eine Due Dilligence bekommen“, sagt der Geschäftsführer. Der Preis für den ersten verkauften Anteil ist eine Grundlage für die Bewertung des Unternehmens für weitere Finanzierungsrunden und vielleicht einen Börsengang.

Straßenbahn mit Multisensorbox

Neben Industrie und Luftfahrt gehört bereits der Schienenfahrzeugbau zu den Anwendern von nxtBase Technologie. Bei den Verkehrsbetrieben in Potsdam setzt nxtBase aber keine „Glasses“ ein, sondern eine Multisensorbox. Diese wird in den Siemens-Combinos eingebaut und misst Temperatur, Schall, Viskosität des Schmiermittels und weitere Parameter der Antriebe. Ziel ist es, Ausfälle mit möglichst großer Wahrscheinlichkeit vorherzusagen, denn eine planmäßige Inspektion ist wesentlich billiger als eine ungeplante Reparatur. Die nxtBase Plattform ist auch hier die Schnittstelle zur Datenbank. Sie filtert alle Störgeräusche heraus, beispielsweise die Verkehrsgeräusche. Jörg Jonas-Kops: „Entscheidend sind nicht die Glasses, sondern die verbesserten Prozesse und unsere Plattform als Schnittstelle. Die Möglichkeiten sind noch längst nicht ausgereizt.“

FORUM/Bolko Bouché

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Jens Jankowsky
Jens Jankowsky
Referent Innovation/Energie
Fachbereich Wirtschaftspolitik