Titel - Ausgabe 03|04

Wege der Ausbildung

Nach dem Schulabschluss beginnt die Lehre im Betrieb – so sieht der klassische Weg in eine Ausbildung aus. Doch oftmals gibt es Zwischenstationen und manchmal Hürden, bis sich Menschen für den Karriereweg der beruflichen Bildung entscheiden. Unternehmen können hier ansetzen und potenzielle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit vielen unterschiedlichen Einstiegsmöglichkeiten und Modellen für eine Ausbildung gewinnen. Gemeinsam legen sie den Grundstein für ein lebenslanges Lernen.
Um sechs Uhr morgens beginnt die Frühschicht bei Lidl. Ein kurzes Briefing mit der Schichtleitung, die Aufgaben des Tages werden verteilt. Dann startet der Arbeitsalltag – auch für die Auszubildende Szandra. Am liebsten übernimmt sie die Backschicht in der Filiale: Ware aufbacken und einräumen, nebenbei betreut sie die zweite Kasse. Obst und Gemüse auffüllen, die Ware kontrollieren und Preisschilder anbringen sind ebenfalls typische Aufgaben in der Filiale – für Auszubildende sowie für jede andere Mitarbeiterin und jeden Mitarbeiter. Einen Tag pro Woche besucht Szandra die Berufsschule, nebenbei lernt sie Deutsch, denn Szandra kommt aus Ungarn. Zunächst jobbte sie ein Jahr als Aushilfe in der Lidl-Filiale Nittenau. Inzwischen absolviert sie dort eine dreijährige Ausbildung zur Kauffrau im Einzelhandel. Der konkrete Ablauf der Ausbildung werde in dieser Zeit explizit an ihre Bedürfnisse angepasst. Das sei für das Unternehmen selbstverständlich. „Wir müssen uns auf jeden Auszubildenden individuell einstellen“, sagt Sebastian Kilger, der den Verkauf für mehrere Lidl-Filialen leitet. „Das heißt für uns, dass wir, sofern möglich, unsere Arbeitsplanung an die von den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern vorgegebenen Bedingungen anpassen.“ Ihre Deutschkurse, die sie zusätzlich zur Ausbildung besuche, habe sie selbst organisiert. Auch hierauf nehme der Betrieb bei der Verteilung der Schichten Rücksicht. Daneben könne sie an internen Weiterbildungsangeboten des Unternehmens teilnehmen. „Alle zwei Wochen erhalten unsere Auszubildenden eine Stunde, um ihre Ausbildungsinhalte zu vertiefen. Für die Prüfungsvorbereitung gibt es sogar in jedem Ausbildungsjahr extra Seminarwochen für die Azubis“, ergänzt Kilger.
Ein Vorteil der praktischen Ausbildung ist ihre Flexibilität.

Ralf Kohl
IHK Regensburg für Oberpfalz / Kelheim

Bedürfnisse erkennen

Im Jahr 2021 begannen 4.376 Auszubildende ihre berufliche Ausbildung in der Region Oberpfalz und Kelheim. Vor allem kaufmännische Berufe, zum Beispiel im Handel, in Banken oder in der Gastronomie, sind bei den Azubis beliebt. 2.397 von ihnen starteten ihre Karriere in diesen Branchen. 1.979 Personen entschieden sich für den Einstieg in einen technischen Beruf, beispielsweise im Bereich Metalltechnik oder Elektrotechnik. All diese Auszubildenden haben unterschiedliche Bedürfnisse. Das weiß auch Ralf Kohl, Bereichsleiter Berufliche Ausbildung bei der IHK. Flexible Ausbildungsmodelle seien daher gefragt. Die Bandbreite reiche von der Ausbildung in Teilzeit bis hin zu einer Umschulung im Reha-Bereich. Diese werde zum Beispiel nötig, wenn Mitarbeiter ihren Beruf nach einer Erkrankung oder einem Unfall nicht mehr wie bisher ausüben könnten. Aber auch das Duale Studium sei weiterhin beliebt. Hier werde die Theorie unmittelbar mit der Praxis im Betrieb verknüpft. Auch dieses Modell gebe es in verschiedenen Ausprägungen – zum Beispiel mit vertiefter Praxis oder in Form eines Verbundstudiums. Bei Letzterem wird eine kaufmännische oder technische Ausbildung mit dem Hochschulstudium verknüpft. Die Ausbildung beginnt jedoch in der Regel ein Jahr zuvor. Die Azubis können daher schon viel Praxiserfahrung sammeln, bevor das erste Studiensemester an der Hochschule beginnt.
Bei uns im Team wurde Flexibilität schon immer großgeschrieben.

Dr. Michael Werner Davids
Davids Biotechnologie GmbH

Ausbildungsinhalte anpassen

Doch auch abseits verschiedener Ausbildungsmodelle sei Flexibilität in den Betrieben unverzichtbar. „Es ist die Aufgabe, einer guten Ausbilderin oder eines guten Ausbilders, den Ablauf einer Ausbildung an den Betrieb und die individuellen Bedürfnisse anzupassen“, bestätigt Kohl. Natürlich gebe die Ausbildungsordnung einen Rahmenplan und eine zeitliche Gliederung der Ausbildung vor. Doch ein Vorteil der praktischen Ausbildung sei ihre Flexibilität. Betriebe könnten Inhalte so vermitteln, wie der Alltag es gerade erfordert und zulässt oder wie die Auszubildenden es sich wünschen. Dafür seien regelmäßige Gespräche mit den Auszubildenden entscheidend. „In diesen Gesprächen können die Arbeitgeber und Führungskräfte Wünsche und Interessen erfragen, aber auch einen Ausblick geben auf den weiteren Verlauf der Ausbildung“, ergänzt Kohl.

Regelmäßige Gespräche

Auch bei Lidl habe ein intensiver Austausch zwischen der Auszubildenden und dem Betrieb stattgefunden. Manuela Windl, Filialleiterin bei der Lidl Vertriebs GmbH & Co. KG, erinnert sich: „Szandra war selbst motiviert, eine Ausbildung zu absolvieren. Sie war wissbegierig, wollte mehr lernen und auch ihre Deutschkenntnisse verbessern. Daher suchte sie das Gespräch mit uns.“ Mit Erfolg: Inzwischen ist sie im dritten Ausbildungsjahr. Ihre Vorkenntnisse in der Filiale bringen viele Vorteile mit sich. Normalerweise schreibe der betriebliche Rahmenplan vor, dass die Auszubildenden zunächst die Abläufe in den Filialen kennenlernen. „Szandra ist keine typische Auszubildende. Sie kannte die Abläufe bereits“, betont Windl. „Wir hatten dadurch die ersten Inhalte des Rahmenplans schneller bearbeitet und konnten uns für die weiteren Bereiche mehr Zeit nehmen.“ „Flexibilität ist für uns sehr wichtig“, ergänzt Kilger. „Wir befinden uns in einem Arbeitnehmermarkt. Um am Markt bestehen zu können, müssen wir auf die Bedürfnisse der Auszubildenden eingehen.“ Allein die Kontaktaufnahme sei aufgrund der Corona-Pandemie schwieriger geworden. Für den Ausbildungsstart im September sei die Bewerbungsphase bereits in vollem Gange. Einige Verträge seien sogar schon unterzeichnet. „Pro Filiale möchten wir für das Ausbildungsjahr 2022 wieder mindestens eine Auszubildende oder einen Auszubildenden einstellen“, so Kilger. Nach zwei Jahren legen die Auszubildenden bereits die Prüfung zum Verkäufer ab, nach dem dritten Jahr folge der Abschluss zur Einzelhandelskauffrau oder zum Einzelhandelskaufmann. „Die Ausbildungszeiträume überschneiden sich meist. Auf diese Weise können die Auszubildenden in jeder Filiale voneinander lernen.“

Ausbildung in Teilzeit

Das Ausbildungssystem in Deutschland sei schon immer sehr flexibel gewesen, bestätigt Kohl. Daran habe sich in den vergangenen Jahren nichts geändert. Vor allem das Modell Teilzeitausbildung sei noch einmal angepasst und erweitert worden. Zuvor war eine Ausbildung in Teilzeit nur für diejenigen zugelassen, die zum Beispiel ein Kind betreuen oder Angehörige pflegen mussten. Seit der Reform des Berufsausbildungsgesetzes im Jahr 2020 wird dieses Modell prinzipiell allen Auszubildenden ermöglicht. „Eine berufliche Ausbildung lässt sich dadurch zum Beispiel mit einem Sprachkurs oder einer Weiterbildung kombinieren“, erklärt Ralf Kohl. „Auch Profisportlerinnen und -sportler nutzen dieses Angebot, um neben ihrer Karriere im Sport eine Ausbildung zu absolvieren.“ Auch die Firma Davids Biotechnologie GmbH in Regensburg bildet seit 2006 regelmäßig aus und ermöglicht ihren Auszubildenden bei Bedarf ein Teilzeitmodell. Ein Team von zehn Personen ist in dem Biotechnologieunternehmen auf die Produktion und Entwicklung von Antikörpern spezialisiert. „Bei uns im Team wurde Flexibilität schon immer großgeschrieben“, sagt Geschäftsführer Dr. Michael Werner Davids. Jede und jeder im Unternehmen könne einen Großteil der Aufgaben übernehmen, wodurch der Betrieb einfacher auf Teilzeitarbeitswünsche eingehen könne. „Eine unserer Teilzeit-Auszubildenden arbeitete zuvor ein paar Jahre als Laborhilfe bei uns. Sie verfügt bereits über jede Menge Wissen, aber ein Abschluss fehlte“, erzählt Davids. Nach ihrer Elternzeit habe sie sich daher gemeinsam mit dem Betrieb entschieden, die Ausbildung zur Chemielaborantin zu absolvieren. Ein bis zwei Tage pro Woche verbringt sie nun im Betrieb. An bis zu zwei weiteren Tagen lernt sie in der Berufsschule. Beide Anteile ergeben eine 30-Stunden-Woche. Auch eine weitere Teilzeitmitarbeiterin bei Davids Biotechnologie hat ihre Chance auf einen Abschluss genutzt. Zuvor sammelte sie bereits einige Jahre praktische und theoretische Fähigkeiten als Büroangestellte. In ihrer Elternzeit hat sie nun die Prüfung zur Kauffrau für Büromanagement bei der IHK ablegt. Sie konnte dabei von einer besonderen Regelung profitieren: Wer schon einige Jahre Berufserfahrung mitbringt, kann auch ohne Ausbildung zur Abschlussprüfung zugelassen werden. Sind für einen Beruf beispielsweise drei Jahre Ausbildungszeit vorgeschrieben, müssen die Prüfungsbewerberinnen und -bewerber mindestens das Eineinhalbfache an Berufserfahrung mitbringen. Sie können dann im Anschluss die Prüfung ablegen.

Von der Hochschule in die Gastronomie

Das verschlungene Karrierewege von Vorteil sein können, bestätigt auch Claudia Meier. Gemeinsam mit ihrem Mann leitet sie den Landgasthof Meier in Hilzhofen. Eine ihrer Auszubildenden studierte zuvor. Doch die akademische Laufbahn passte nicht. Daher brach sie kurze Zeit später ab und arbeitete anschließend als Aushilfskraft im Landgasthof. „Sie war noch unentschlossen, arbeitete aber sehr fleißig und war vielseitig interessiert. Deswegen bot ich ihr eine Stelle als Auszubildende an“, erzählt Meier. Der Beginn einer Erfolgsgeschichte, denn die Auszubildende bewies Talent. „Unsere Auszubildende war schon immer sehr kontaktfreudig, organisiert und war zudem eine gute Schülerin.“ Die Ausbildung konnte deshalb problemlos auf zwei Jahre verkürzt werden. Arbeitszeiten am Abend und frühmorgens, Schichten am Wochenende und an Feiertagen machen es in der Hotellerie und in der Gastronomie oft schwer, Auszubildende zu finden. Auch Meier kennt die Herausforderungen: „Wer sich für unsere Branche entscheidet, muss Leidenschaft für den Beruf mitbringen.“ Nachhaltigkeit, Lebensmittel aus ökologischem Anbau und artgerechter Tierhaltung spielen beim Landgasthof Meier schon immer eine wichtige Rolle. Im hauseigenen Garten baut der Familienbetrieb selbst Gemüse, Obst und frische Kräuter an. 2021 wurde der Landgasthof Meier dafür vom Guide Michelin mit dem „Grünen Stern“ ausgezeichnet. Eine Leidenschaft für die Philosophie des Hauses sei auch bei der Auszubildenden zu spüren. „Interesse an den Produkten, Spaß am Kochen und ein gewisses künstlerisches Talent – all das brachte unsere Auszubildende mit“, bestätigt Meier. Daher war nach der Ausbildung zur Hotelfachfrau längst nicht Schluss. Inzwischen wechselte sie in die Küche, wo sie eine Umschulung zur Köchin absolviert. Aufgrund ihrer Vorerfahrung konnte sie direkt im zweiten Ausbildungsjahr einsteigen. „Einen Tag in der Woche besucht sie nun die Berufsschule. Die restlichen Arbeitstage verbringt sie bei uns in der Küche“, so Meier. Das sei für den täglichen Betrieb des Landgasthofs eine wichtige Unterstützung.
Sie war noch unentschlossen, arbeitete aber sehr fleißig und war vielseitig interessiert. Deswegen bot ich ihr eine Stelle als Auszubildende an.

Claudia Meier
Landgasthof Meier

Führungskräfte von morgen

In den Filialen von Lidl stehen den Auszubildenden nach dem Abschluss ebenfalls viele weitere Wege offen. „Wir sehen unsere Auszubildenden als Führungskräfte von morgen. Bei uns kann prinzipiell jede und jeder so weit kommen, wie sie oder er möchte“, betont Kilger. Das komme aber natürlich auf die individuelle Situation an. Wer eine dreijährige Ausbildung zur Einzelhandelskauffrau oder zum Einzelhandelskaufmann absolviert habe, könne zum Beispiel direkt im Anschluss eine Stelle als Vertretungskraft oder Schichtleitung übernehmen. Auch zur klassischen akademischen Laufbahn biete die Lidl Vertriebs GmbH & Co. KG gute Alternativen. Wer Abitur habe, könne beispielsweise eine Ausbildung im Abiturientenprogramm beginnen. „Die berufliche Ausbildung in der Filiale wird dabei auf eineinhalb Jahre verkürzt. Zusätzlich absolvieren die Auszubildenden eine Fortbildung zum Handelsfachwirt“, erklärt Kilger. Eine Kombination, die gute Zukunftsperspektiven verspricht. Nach dem Abschluss könnten die Auszubildenden oftmals direkt als stellvertretende Filialleitung oder als Filialleitung bei Lidl einsteigen.
Wir sehen unsere Auszubildenden als Führungskräfte von morgen.

Sebastian Kilger
Lidl Vertriebs GmbH & Co. KG

Weiterbildung und Zukunftsaussichten

„Eine Ausbildung bietet heute vielfältige Perspektiven“, betont Kohl. Oftmals herrsche jedoch noch ein verstaubtes Bild in den Köpfen der Menschen. In den vergangenen 20 Jahren habe sich viel geändert. Inzwischen gebe es deutlich mehr Weiterbildungsmöglichkeiten. Eine berufliche Ausbildung in Kombination mit einer Weiterbildung könne sich durchaus mit der akademischen Laufbahn messen. Eine berufliche Weiterbildung zum Fachwirt beispielsweise ist nach dem Deutschen Qualifikationsrahmen (DQR) einem Bachelor-Abschluss an den Hochschulen gleichgesetzt. Absolventinnen und Absolventen besitzen damit sogar eine allgemeine Hochschulzugangsberechtigung und könnten nach der Ausbildung an Fachhochschulen und Universitäten in Bayern studieren. Wer eine Weiterbildung zum Betriebswirt oder zum Technischen Betriebswirt absolviert, wird im Deutschen Qualifikationsrahmen auf demselben Niveau wie Absolventinnen und Absolventen eines Masterstudiums eingestuft. Hier sei noch viel Aufklärungsarbeit und individuelle Beratung nötig – bei Schülerinnen und Schülern sowie bei den Eltern, ist sich Kohl sicher: „Eine Ausbildung ist nur der Einstieg ins Berufsleben.“ Vom ersten Tag an könnten die Auszubildenden von der Praxiserfahrung profitieren, ihr erstes eigenes Geld verdienen und Kontakte zu Arbeitgebern knüpfen. „Die große Vielfalt an Weiterbildungen macht es später möglich, neue Schwerpunkte zu setzen“, ergänzt Kohl. Das fördere auch das Prinzip des lebenslangen Lernens, das heute für beruflichen Erfolg unverzichtbar sei: „Der Werdegang kann nach und nach angepasst werden. So können Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter letztendlich in einem Job landen, der ihnen wirklich Spaß macht.“
- von Iris Jilke