Wirtschaftsspiegel
Nr. 7074058
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Heike Schürkötter, Salvus
Unternehmen & Märkte

„Fokus schlägt Fläche“

Heike Schürkötter wollte anfangs nur übergangsweise im Unternehmen mithelfen. Heute führt sie Salvus. Im Interview mit der Geschäftsführerin des Mineralbrunnens aus Emsdetten geht es um mutige Investitionen, Wachstum mit Grenzen und Unternehmertum, das man nicht aus dem Lehrbuch lernt.
Wirtschaftsspiegel: Was war der Wendepunkt Ihrer Karriere und was haben Sie daraus gemacht?
Heike Schürkötter: Der eigentliche Wendepunkt war ehrlich gesagt gar nicht geplant. Nach der Schule wollte ich eigentlich nur für eine Übergangszeit im Unternehmen mithelfen und dann studieren gehen. Salvus steckte damals jedoch in einer Phase, in der viel im Aufbau war und wenig Ressourcen da waren. Es gab also keine klaren Rollen, keine perfekten Strukturen, sondern einfach viel zu tun.
Ich bin direkt ins operative Arbeiten eingestiegen, habe Rechnungen geschrieben, Angebote erstellt, später Einkaufsgespräche geführt und zunehmend Verantwortung übernommen. Es war kein klassischer Karriereweg mit klaren Stufen, sondern eher ein „Reinwachsen“. Rückblickend war das mein größtes Glück. Ich habe das Unternehmen von Grund auf verstanden, nicht aus dem Lehrbuch, sondern aus der Praxis. Das hat mich bis heute geprägt: eher machen als zögern, Verantwortung annehmen, auch wenn nicht alles perfekt vorbereitet ist.
Welche Entscheidung war besonders mutig und warum war sie notwendig?
Schürkötter: Eine der mutigsten Entscheidungen war unsere große Investition in 2018: ein automatisiertes Hochregallager, neue Produktionsanlagen und die komplette Vernetzung unserer internen Logistik.
Das war kein einzelnes Projekt, sondern ein Gesamtumbau unserer Prozesse mit entsprechendem Risiko. Denn wenn dort etwas nicht funktioniert, steht im Zweifel die gesamte Produktion still. Genau das haben wir in der Anfangsphase auch teilweise gespürt: Dinge liefen nicht so reibungslos, wie wir es uns vorgestellt hatten.
Mutig war daran, dass wir bewusst gesagt haben: Wir gehen diesen Schritt trotzdem. Denn wir wussten auch, dass wir ohne diese Investition an unsere Grenzen stoßen würden. Mehr Wachstum wäre organisatorisch und logistisch gar nicht möglich gewesen. Heute zeigt sich, dass die Entscheidung richtig gewesen ist.
Wovon waren Sie mal überzeugt und denken heute anders?
Schürkötter: Ich war lange überzeugt, dass Wachstum vor allem bedeutet: größer denken, weiter rausgehen, neue Märkte erschließen. Mehr Fläche, mehr Reichweite, mehr Absatzgebiet – das klang für mich nach dem logischen nächsten Schritt. Heute sehe ich das anders. Ich habe gelernt, dass Größe allein kein Wert ist. Nicht jeder Weg passt zu einem Unternehmen, nur weil er nach Wachstum aussieht. Für Salvus liegt die Stärke gerade in der Nähe: in der Region, in der wir verwurzelt sind, in einem Radius von rund 150 Kilometern um unseren Standort.
Diese Nähe spürt man. In kurzen Wegen, in verlässlichen Beziehungen zu Kunden und Partnern, in dem Wissen, dass man Verantwortung für eine Region trägt, die einen kennt – und die man selbst kennt. Das ist für mich keine kleinere Lösung, sondern eine klarere. Ich würde heute sagen: Fokus schlägt Fläche. Und echte Verbundenheit kann wertvoller sein als maximale Reichweite.
Was hat Sie beruflich am meisten geprägt, obwohl es nicht zur Karriereplanung gehörte?
Schürkötter: Ganz klar: das Aufwachsen in einer Unternehmerfamilie. Als Kind war das nicht immer nur positiv. Das Unternehmen war ständig präsent, auch am Wochenende oder beim Abendessen. Mein Vater hat viel gearbeitet, wir sind oft mitgefahren, haben Einblicke in die Abläufe bekommen. Damals hätte man sich vielleicht auch mal mehr „Normalität“ gewünscht.
Heute sehe ich das ganz anders. Diese Zeit hat mir ein Verständnis für Unternehmertum gegeben, das man so nirgendwo lernen kann: Verantwortung zu tragen, Entscheidungen zu treffen, dranzubleiben, auch wenn es schwierig wird.
Dieses „Unternehmertum leben“ war wahrscheinlich prägender als jede Ausbildung oder jedes Seminar. Es hat mir gezeigt, dass es nicht nur um Zahlen geht, sondern um Haltung.
Was können andere von Ihnen lernen, dass in keinem Business-Ratgeber steht?
Schürkötter: Dass nicht alles perfekt geplant sein muss, bevor man loslegt. Viele Entscheidungen entstehen im Prozess. Natürlich braucht man eine Richtung, aber genauso wichtig ist es, flexibel zu bleiben und Dinge unterwegs zu justieren. Ich glaube, man überschätzt oft die Bedeutung von Perfektion und unterschätzt die Kraft des Tuns.
Und etwas, das man schwer lernen kann: echtes Herzblut. Unternehmertum funktioniert aus meiner Sicht nur, wenn man wirklich dahintersteht. Wenn es sich nicht wie „Arbeit“ anfühlt, sondern wie Verantwortung, die man gerne übernimmt. Das ist nichts, was man sich antrainieren kann, aber man merkt sehr schnell, ob es da ist oder nicht.
Gibt es eine Führungsregel, von der Sie nie abweichen?
Schürkötter: Für mich ist eine Sache zentral: Es geht immer um die Sache, nie um persönliche Befindlichkeiten. Das heißt nicht, dass bei uns immer alles harmonisch ist. Im Gegenteil: Wir diskutieren auch intensiv, gerade in der Geschäftsführung mit meinem Bruder. Aber das Ziel ist immer, die beste Lösung zu finden, nicht, Recht zu behalten.
Eine zweite wichtige Regel ist Verlässlichkeit. Gerade in der Führung schauen Mitarbeitende sehr genau hin: Stimmen Worte und Taten überein? Wenn ich etwas zusage, muss ich auch dazu stehen. Und vielleicht noch ein Punkt: Führung heißt für mich nicht, alle Entscheidungen allein zu treffen. Es heißt, Menschen einzubinden, Verantwortung zu teilen und gemeinsam Lösungen zu entwickeln.
Echte Verbundenheit kann wertvoller sein als maximale Reichweite.