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„Entwicklung braucht Ehrlichkeit – nicht nur Anerkennung.“
Dr. Anna Weber führt BabyOne gemeinsam mit ihrem Bruder Dr. Jan-Willem Weischer – und hat das Familienunternehmen grundlegend verändert. Aus dem spezialisierten Filialisten für Baby- und Kleinkindausstattung wurde ein Omnichannel-Händler. Aus ihrer Konzernkarriere eine bewusste Rückkehr. Im Gespräch berichtet Dr. Anna Weber von radikalen Entscheidungen, ehrlichem Feedback und einem Führungsprinzip, das für sie nicht verhandelbar ist: Selbstverantwortung.
Wirtschaftsspiegel: Was war der Wendepunkt Ihrer beruflichen Laufbahn – und was haben Sie daraus gemacht?
Anna Weber: Der Wendepunkt meiner beruflichen Laufbahn war die Geburt unseres ersten Kindes. Diese Phase hat meinen Blick auf Arbeit, Verantwortung und persönliche Ziele grundlegend verändert. Ich habe begonnen, mich intensiv zu fragen, was ich langfristig wirklich möchte und wie Beruf und Familie für mich zusammenpassen sollen. Dadurch ist auch das Familienunternehmen wieder stärker in meinen Fokus gerückt, nachdem ich zuvor viele Jahre in einem Konzern tätig war. Aus diesen Überlegungen – und aus zahlreichen Gesprächen innerhalb meiner Familie – ist schließlich eine bewusste Entscheidung entstanden: Nach der Geburt unseres zweiten Kindes bin ich in das Familienunternehmen eingestiegen und habe damit meinen beruflichen Weg neu ausgerichtet.
Dr. Anna Weber, Geschäftsführerin der BabyOne Online GmbH, im Fachmarkt: Unter ihrer Führung entwickelte sich das Familienunternehmen vom stationären Händler zum Omnichannel-Anbieter.
Wirtschaftsspiegel: Welche Entscheidung war besonders mutig – und warum war sie notwendig?
Weber: Mein Bruder und ich haben drei Monate vor dem Ausbruch der Corona-Pandemie die Geschäftsführung unseres Familienunternehmens von unseren Eltern übernommen. Damals waren auf einen Schlag mehr als 90 Prozent aller Umsätze weg, da unsere mehr als 100 stationären Filialen schließen mussten. Seitdem ist unser Weg gepflastert von mutigen, radikalen Entscheidungen. Wir haben den Ausbau unseres E-Commerce konsequent vorangetrieben und haben unsere Marketingkompetenz insbesondere in den Bereichen Social Media und SEA/SEO stark ausgebaut. Wir haben uns transformiert von einem rein stationären Händler hin zu einem Omnichannel-Unternehmen. Das war für uns der einzige Weg, um auf die absolut geänderten Kundenbedürfnisse eingehen zu können.
- Dr. Anna Weber
- Name: Dr. Anna Weber
- Tätigkeit: Co-CEO und geschäftsführende Gesellschafterin der Baby- und Kleinkind-Fachmarktkette BabyOne
- Verantwortungsbereiche: Retail, Marketing, E-Commerce und Personal/People & HR
- Weitere Rollen: Co-Founder der Marke ELSA & EMIL für junge und werdende Eltern
- Ausbildung: Diplom-Kauffrau (BWL) Universität zu Köln, Promotion (Dr. rer. pol.) an der FernUniversität in Hagen, Studienaufenthalt an der Universität Bocconi, Mailand
- hat im September 2023 den Unternehmerinnenpreis Nord-Westfalen des Business-Netzwerks Frauen u(U)nternehmen erhalten
Wirtschaftsspiegel: Wovon waren Sie überzeugt – und denken heute anders?
Weber: Früher war ich überzeugt, dass Leidenschaft ansteckend ist und man mit genügend Enthusiasmus alle Mitarbeitenden für ein gemeinsames Ziel begeistern kann. Heute sehe ich das differenzierter. Nicht jeder Mensch definiert sich über den Beruf, und das ist vollkommen in Ordnung. Manche kommen gerne zur Arbeit, leisten zuverlässig ihren Beitrag und leben ihre Leidenschaft außerhalb des Jobs in Familie, Hobbys oder anderen Projekten. Ebenso verfolgen nicht alle die gleichen Ziele. Ich sehe meine Aufgabe als Führungskraft darin, diese unterschiedlichen Motive zu respektieren und Rahmenbedingungen zu schaffen, in denen Leistung, Verlässlichkeit und gegenseitiger Respekt möglich sind. Auch dann, wenn Begeisterung nicht bei allen gleich aussieht.
Wirtschaftsspiegel: Was hat Sie beruflich geprägt, obwohl es gar nicht zur Karriereplanung gehörte?
Dr. Anna Weber übernahm kurz vor der Corona-Pandemie Verantwortung im Familienunternehmen und prägte dessen strategische Neuausrichtung.
Wirtschaftsspiegel: Was können andere von Ihnen lernen, das in keinem Businessratgeber steht?
Weber: Entwicklung braucht Ehrlichkeit, nicht nur Anerkennung. Weiterentwicklung entsteht nicht durch reines „Sugar Coating“ oder durch wohlmeinendes Lob. Menschen wachsen vor allem in herausfordernden Situationen, in denen sie Verantwortung übernehmen und ihre Komfortzone verlassen müssen. Ebenso wichtig ist ehrliches, konstruktives Feedback, das klar benennt, wo Stärken liegen und wo Entwicklungspotenziale sind. In meiner Führungsarbeit bedeutet das, Vertrauen mit Klarheit zu verbinden: Ich mute Menschen etwas zu, begleite sie eng und spreche Dinge offen an.
Wirtschaftsspiegel: Gibt es eine Regel in Ihrer Führungsarbeit, von der Sie nie abweichen?
Weber: Selbstverantwortung ist für mich unverhandelbar. Ich bin fest davon überzeugt, dass Karriere nicht einfach „passiert“. Beförderungen entstehen nicht zufällig, sondern durch Sichtbarkeit, Klarheit und eigenes Handeln. Jeder Mensch trägt selbst die Verantwortung dafür, zu definieren, was er oder sie erreichen möchte und was wirklich wichtig ist. Man darf sich nicht ausschließlich auf andere verlassen. Wer sich entwickelt, setzt sich eigene Ziele, plant bewusst und arbeitet aktiv daran, die eigenen Meilensteine zu erreichen.
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