Wirtschaftsspiegel
Nr. 6968260
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Siggi Spiegelburg
Unternehmen & Märkte

„Geht nicht, gibt es nicht“

Hinter der historischen Backsteinfassade am Hafenweg in Münster öffnet sich eine farbenfrohe Textilwelt. Licht fällt durch große Fenster auf Stoffballen, Skizzen und Schnitte. Pink zu Grün, Seide zu Fransen, Rüschen zu klaren Schnitten: Siggi Spiegelburg kombiniert Stoffe und Stile mit einer Leichtigkeit, die elegant und spielerisch zugleich wirkt – und die sich andere oft nicht trauen.
Seit fast 40 Jahren lebt die Münsteranerin ihren Traum und hat es vom Ein-Frau-Schuhgeschäft in der Königsstraße bis zum 18-köpfigen Atelier am Kreativkai gebracht. Die Unternehmerin berichtet, was Verantwortung für sie bedeutet, warum Intuition besser ist als jeder Business-Ratgeber – und warum „langweilig“ bei ihr niemand sein muss.
Siggi Spiegelburg
So beschreibt Siggi Spiegelburg ihren kreativen Prozess: „Ich bin ein sehr visueller Mensch. Die Ideen fliegen mir zu – aus dem Alltag, aus Reisen, aus Begegnungen.“ © Morsey/IHK Nord Westfalen
Wirtschaftsspiegel: Was war der Wendepunkt Ihrer beruflichen Laufbahn und was haben Sie daraus gemacht?
Siggi Spiegelburg: Einen klassischen Wendepunkt gab es bei mir eigentlich nie – es war immer eine Weiterentwicklung. Ich habe schon sehr früh davon geträumt, das zu tun, was ich heute mache: hochwertige Schneiderei, Couture, Einzelstücke wie Abend- oder Hochzeitskleider. Angefangen habe ich aber mit Schuhen, Anfang zwanzig war ich da. Nicht, weil mich jemand überredet hat, sondern weil ich Schuhe immer schon geliebt habe. Ein Freund aus Zürich sagte damals zu mir: Wenn du mit Schuhen anfängst, ist das wie eine Bank. Frauen kaufen immer schöne Schuhe. Und genau so war es.
Wovon waren Sie überzeugt – denken heute aber anders?
Spiegelburg: Früher dachte ich, Verantwortung wird schon übernommen. Heute sehe ich, dass dieses Verantwortungsgefühl bei vielen Menschen gar nicht ausgeprägt ist. Ich merke das im Alltag immer wieder. Verantwortung muss man heute viel stärker einfordern und auch vorleben.
Welche Entscheidung war besonders mutig – und warum war sie notwendig?
Spiegelburg: Der räumliche Wechsel vom Oerschen Hof in der Königsstraße in Münster hin zum Hafen war auf jeden Fall mutig. Früher mussten Kunden in die zweite Etage, alles war mühsam. Jetzt ist alles auf einer Ebene. Der Hafen ist inspirierend, hier ist Bewegung, Wasser, kreative Energie. Das hat viel verändert, auch für mich persönlich.
Was hat Sie beruflich geprägt, obwohl es gar nicht zur Karriereplanung gehörte?
Spiegelburg: Mich prägen Menschen. Ich schaue mir Leute genau an. Coco Chanel ist für mich ein Vorbild – sie hat Dinge gemacht, die zu ihrer Zeit kritisch gesehen wurden, und ist ihren Ideen trotzdem treu geblieben. Auch Geschäftsfrauen auf Messen in Frankreich oder Italien inspirieren mich. Diese Frauen brennen für das, was sie tun. Davon kann man unglaublich viel lernen. Man muss Dinge einfach machen – und auch akzeptieren, wenn etwas nicht funktioniert.
Was können andere von Ihnen lernen, was in keinem Business-Ratgeber steht?
Spiegelburg: Wenn man etwas verkauft oder anbietet, muss man selbst dahinterstehen. Man darf sich nicht überreden lassen, sonst fällt man auf die Nase. Mein Motto ist „Geht nicht, gibt es nicht“. Wenn jemand sagt: Das kann man nicht so nähen, dann sage ich, ich zeige Ihnen, dass es geht. Und man muss bereit sein, viel zu geben. Selbstständigkeit ist kein Acht-Stunden-Job.
Gibt es eine Regel in Ihrer Führungsarbeit, von der Sie nie abweichen?
Spiegelburg: Ich bin sehr harmoniebedürftig. Außerdem verteile ich gerne Verantwortung und wünsche mir Mitdenken auf allen Ebenen. Alle hier sind verantwortlich. Dieses Verantwortungsgefühl ist mir extrem wichtig – im Unternehmen, aber auch gesellschaftlich.