Wirtschaftsspiegel
Nr. 7185424
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Sirma Bruder
Unternehmen & Märkte

Zwölf Jahre Flüchtlingsheim. Heute Chefin.

Als Sirma Bruder neun Jahre alt war, kam sie mit ihrer kurdischen Familie nach Deutschland. Zwölf Jahre lang lebte sie in einer Flüchtlingsunterkunft, mit ihren vier Geschwistern und ihren Eltern in einem Zimmer. Heute führt die 44-Jährige zwei Unternehmen in Gelsenkirchen. Im Interview erzählt sie, was sie geprägt hat, wie sie sich in einer Männerdomäne behauptet und weshalb sie jungen Menschen Chancen gibt, die andere längst abgeschrieben haben.
Wirtschaftsspiegel: Was war der Wendepunkt Ihrer beruflichen Laufbahn? Und was haben Sie daraus gemacht?
Sirma Bruder: Der Wendepunkt war die Erkenntnis, dass mein größtes Kapital nicht ein Unternehmen, ein Standort oder ein Netzwerk ist, sondern ich selbst: meine Erfahrung, meine Werte und die Fähigkeit, immer wieder neu zu beginnen.
Also habe ich 2024 Gastrophönix gegründet. Dabei halfen mir über 20 Jahre Berufserfahrung. Ich bin ausgebildete Fachfrau für Systemgastronomie und leitete schon 23 Filialen einer Franchise-Kette in der Gastronomiebranche. Später übernahm ich Führungspositionen in Hotellerie und Gastronomie im Ausland. Danach absolvierte ich eine zweite Ausbildung zur Industriekauffrau und bildete mich in Buchhaltung und Finanzen weiter. Schließlich führte mich mein Weg in die Großküchentechnik. Heute ist diese Mischung meine Stärke: Ich kenne die Gastronomie aus der Praxis und verstehe zugleich die kaufmännische Seite. Ich weiß, wie eine Küche funktionieren muss, und verstehe, was wirtschaftlich dahintersteht.
Welche Entscheidung war besonders mutig? Und warum war sie notwendig?
Bruder: Nach der Scheidung von meinem Mann musste ich beruflich neu anfangen. Gleichzeitig stand ich vor großen beruflichen und persönlichen Herausforderungen. Es gab Momente, in denen ich hätte aufgeben können. Doch ich sagte mir: Ich weiß, was ich kann. Für mich gibt es keine Probleme, nur Lösungen.
Wovon waren Sie mal überzeugt und denken heute anders?
Bruder: Früher glaubte ich, eine gute Führungskraft müsse auf alles eine Antwort haben. Heute weiß ich: Sie muss nicht alles selbst wissen oder entscheiden. Sie muss zuhören, Verantwortung abgeben und Menschen dort einsetzen, wo ihre Stärken liegen. Die richtigen Fragen sind oft wichtiger als schnelle Antworten.
Gerade in der Ausbildung zeigt sich, was passiert, wenn man Menschen etwas zutraut: Ich habe immer wieder Leute ausgebildet, denen wegen schlechter Schulnoten wenig zugetraut wurde. Einige kamen mit Fünfen und Sechsen im Zeugnis zu mir und bestanden später ihre Abschlussprüfung mit 95 oder 96 Prozent.
Das kommt nicht von allein. Ich habe mit meinen Azubis vor Klausuren gelernt, sie auf Prüfungen vorbereitet und den Kontakt zu den Berufsschulen gehalten. Ich wollte wissen, wo ihre Stärken und Schwächen liegen.
Was hat Sie beruflich am meisten geprägt, obwohl es nicht zur Karriereplanung gehörte?
Bruder: Ich bin Kurdin. Mit sieben Jahren kam ich mit meiner Familie aus der Türkei in die Schweiz, mit neun nach Deutschland. Zwölf Jahre lebten wir in einer Flüchtlingsunterkunft, mit meinen vier Geschwistern und meinen Eltern in einem Zimmer. In der Unterkunft gab es Inder, Afrikaner, Albaner und Menschen aus dem ehemaligen Jugoslawien. Wir teilten Küche und Gemeinschaftsräume. So lernte ich als Kind unterschiedliche Menschen, Kulturen und Essgewohnheiten kennen.
Was damals Teil einer schwierigen Lebenssituation war, hilft mir heute beruflich. Ich arbeite mit Kunden aus Griechenland, Iran, Vietnam und Indien und betreue internationale Projekte. Ich verstehe, was Menschen kochen, wie sie arbeiten und welche Anforderungen ihre Küche erfüllen muss. Gerade in einer Branche, in der Frauen selten sind, ist dieses Wissen mein stärkstes Argument. Wenn ich bei einem Termin mit mehreren Männern am Tisch sitze und am Ende den Auftrag bekomme, liegt das daran, dass ich die Gastronomie kenne und genau verstehe, was der Kunde braucht. Ich weiß, wie jeder Handgriff sitzen muss und wo etwas stehen sollte, damit die Arbeit reibungslos läuft. Diese Verbindung aus Praxis und kulturellem Verständnis ist mein Erfolgsgeheimnis.
Was können andere von Ihnen lernen, das in keinem Businessratgeber steht?
Bruder: Dass nicht jeder Auftrag ein guter Auftrag ist. Ich habe gelernt, sehr genau auf Menschen zu achten. Wenn ein Projekt fachlich passt, aber menschlich nicht, sage ich auch Nein.
Für mich entsteht Erfolg nicht durch Perfektion, sondern durch Verlässlichkeit. Kunden merken, ob jemand zuhört, Verantwortung übernimmt und da ist, wenn es schwierig wird. Genau daraus wächst Vertrauen.
Viele meiner Kunden begleiten mich seit Jahren. Manche rufen einfach an und fragen, wie es mir geht. Auf Reisen habe ich ehemalige Kunden besucht, die mich bei sich aufgenommen und mir ihre Betriebe gezeigt haben. Solche Beziehungen kann man nicht planen und nicht beschleunigen. Vertrauen muss man sich erarbeiten. Jeden Tag neu.
Gibt es eine Regel in Ihrer Führungsarbeit, von der Sie nie abweichen?
Bruder: Ich schreibe niemanden vorschnell ab. Für mich verdient jeder Mensch Respekt. Unabhängig davon, ob jemand Auszubildende, Servicekraft oder Geschäftsführerin ist. Dazu gehört Klarheit: Wertschätzung heißt nicht, Konflikten aus dem Weg zu gehen.
Wer selbst erlebt hat, wie wichtig eine Chance sein kann, weiß, was es bedeutet, anderen eine zu geben. Vor einiger Zeit traf ich eine frühere Schulfreundin wieder. Sie arbeitete seit 16 Jahren als Verkäuferin in einer Bäckerei, hatte aber keinen Berufsabschluss. Ich riet ihr, mit ihrem Arbeitgeber über eine externe Prüfung zu sprechen, um ihren Berufsabschluss nachzuholen. Sie wusste gar nicht, dass das möglich ist. Sie machte die Prüfung, bestand und schrieb mir später, dass sie nun eine Filiale übernehmen könne. Solche Entwicklungen sind für mich unbezahlbar. Führung beginnt damit, Menschen etwas zuzutrauen. Manchmal, bevor sie selbst daran glauben.