Weil die Bundesregierung die Verteidigungsfähigkeit des Landes zügig verbessern will, steigt die Zahl der Aufträge in der Defence-Industrie drastisch an. Die Branche ruft nach neuen Zulieferern.
Im Turbogang soll die Truppe ein „Update“ erhalten. Die Ausgaben für Verteidigung und Sicherheit sind im Wesentlichen von der Schuldenbremse nicht betroffen, daher ist das Budget fulminant: Laut CDU/CSU-Bundestagsfraktion sollen bis 2029 rund 600 Milliarden Euro für die Verteidigung ausgegeben werden, darunter allein 450 Milliarden aus der kreditfinanzierten „Sondererlaubnis für Rüstungsinvestitionen“. Zum Vergleich: Im Haushaltsjahr 2021 lag der Verteidigungsetat noch bei 46,93 Milliarden Euro (Quelle: Bundesministerium der Verteidigung). Zudem hat der Gesetzgeber den rechtlichen Rahmen für Beschaffungsmaßnahmen und Bauvorhaben der Bundeswehr geändert. Vereinfachte Verfahren und schnellere Vergaben sollen den Hochlauf der Verteidigungsindustrie fördern und ihren Zulieferern das Leben leichter machen. Weitere Reformen sollen folgen.
„Wir müssen nur auf die sicherheitspolitische Lage blicken“, erläutert IHK-Hauptgeschäftsführer Dr. Fritz Jaeckel den Hintergrund. Viel sei zu tun, um unseren Frieden zu sichern. „Spionage, Sabotage, Cyberattacken, Liefer- und Energieengpässe haben seit dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine erheblich zugenommen“, unterstreicht er. Markus Lübbering, Referent Industrie bei der IHK Nord Westfalen und Ansprechpartner für die Sicherheits- und Verteidigungsindustrie, verweist auf die Unterstützungsangebote der IHK für Unternehmen, die sich gegen diese Risiken weiter wappnen wollen. Doch hat die veränderte Sicherheitslage noch einen weiteren Aspekt: Die Defence-Branche boomt und bietet neue Chancen. „Warum nicht teilhaben?“, fragt Lübbering. Die IHK, fügt er an, helfe mit Beratung und Netzwerkarbeit bei der Markterschließung.
Lübbering rät jedem Management zu einer Bestandsaufnahme des Dual-Use-Potenzials. Stecken im Portfolio Produkte, die auch militärischen Zwecken dienen könnten und gut anzupassen sind an die geforderten Standards? Ist das Know-how für den Markt vielleicht schon an Bord? Liefert die Kundschaft ohnehin in den Defence-Sektor? Doch reicht der Bedarf über Werft und Waffenschmiede weit hinaus, bis tief hinein in den zivilen Bereich. „Vielen ist nicht bewusst, dass die Bundeswehr alles braucht – von der IT-Infrastruktur bis zur Grünanlagenpflege, von der Kaserne bis zur Kita-Einrichtung“, sagt Lübbering. Er hat zwei Tipps parat. Erstens: Eintauchen in E-Vergabe-Plattform des Bundes, denn sie bietet Übersicht zu allen Auftragsbekanntmachungen. Zweitens: Anklopfen bei den Bundeswehr-Dienstleistungszentren des Bundesamtes für Infrastruktur, Umweltschutz und Dienstleistungen der Bundeswehr (BAIUDBw). Für die Ausstattung der Bundeswehr mit Wehrtechnik indes ist das Bundesamt für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr (BAAINBw) zuständig. Allerdings habe auch jede Teilstreitkraft bereits auf der untersten Ebene die Möglichkeit, sich Technologien vorführen zu lassen, erklärt Patrick Kammann, der als Offizier der Luftwaffe das
Patrick Kammann, Co-Leiter des DefenseTech-Inkubator.NRW
Verteidigungsministerium in einem der Afghanistan-Einsatzreferate unterstützt hat und zurzeit Co-Leiter des DefenseTech-Inkubator.NRW ist. Dort erlebt er, dass die Bereitschaft der Bundeswehr zur Kooperation mit externen Unternehmen immer größer wird. „Das zeigt auch die Einrichtung neuer Schnittstellen wie der Cyber Innovation Hub in Berlin und das Innovationszentrum in Erding“, sagt Kammann. Gleichzeitig seien die Vergabeverfahren immer noch verbesserungswürdig. Auch in der zweiten Ausgabe des Bundeswehrplanungsbeschaffungsbeschleunigungsgesetzes kann Kammann noch Langsamkeit entdecken. Gleichwohl betonen er und Lübbering unisono: In der allgemein schwierigen Wirtschaftslage könne es sich lohnen, die Chancen für Geschäfte mit der Bundeswehr zu sondieren. Lübbering empfiehlt, systematisch vorzugehen und sogar ein internes Projekt aufzusetzen. Ohnehin sei ein Einstieg in diesen Markt im Sprint nicht möglich. Doch biete er langfristige Perspektiven – denn lang ist auch die Einkaufsliste des Bundesverteidigungsministeriums. „Ob Personal, Liegenschaften oder Budget – die Bundeswehr, die ich erlebt habe, war 15 Jahre lang im Abbau“, schildert Kammann die Ursache der Defizite.
Die Bundeswehr, die ich erlebt habe, war 15 Jahre lang im Abbau.
Patrick Kammann, Co-Leiter des Inkubators 1stMOVER Management Consulting GmbH
Viel Geld, wenig Zeit
„Wir starten von sehr weit unten“, bestätigt Götz Witzel, der auf eine zwölfjährige Offizierslaufbahn zurückblickt – inklusive Blauhelmeinsatz in Somalia 1993 und Tätigkeit als bevollmächtigter Vertreter der Feldjägertruppe für Rüstungsbeschaffung. Heute ist er Offizier der Reserve beim Kommando für Zivil-Militärische Zusammenarbeit und Senior-Advisor bei der WIMCOM GmbH in Höhr-Grenzhausen – einer führenden Beratungsagentur im Militärgeschäft und Spezialist für passgenaue Matches von Truppe und Technologieunternehmen. Witzels Schilderungen lassen erahnen, wie groß der Verlust an Verteidigungsfähigkeit ist, den das Land seit dem Mauerfall erfahren hat. Demnach war er bei Eintritt in die Bundeswehr einer von 495.000 Soldaten, heute sind circa 185.000 im Dienst. Der Bestand von 3200 Kampfpanzern Leopard 2 sei auf aktuell 320 geschrumpft. „Die Heeresflugabwehrtruppe, die sich um angreifende Drohnen kümmern würde, wurde komplett abgeschafft, jetzt muss man sie mit enormen Anstrengungen wieder aufbauen“, sagt der Rüstungsexperte. Für die Bundeswehr, erklärt Witzel, werde in den kommenden Jahren eine Vollausstattung geordert und zudem eine Reserve gebildet. „Wer in eine militärische Auseinandersetzung involviert ist, kann nicht zwei Jahre warten, bis der Ersatzpanzer gebaut worden ist“, erklärt er. Doppelt besetzt werden sollten Witzel zufolge auch die Lieferketten: „Sonst stünde ja alles still, wenn ein Unternehmen ausfällt“, begründet er. Um den Faktor 7 wird sich nach seiner Einschätzung das Beschaffungsvolumen bis 2029 erhöhen. „Die Investitionssummen sind so exorbitant hoch, dass die Systemhäuser, also die großen Rüstungsunternehmen, in hoher Zahl neue Zulieferer brauchen“, ist Witzel sicher. An diesem Punkt setzt die Arbeit von WIMCON und vergleichbaren Dienstleistern an. Sie begleiten den Markteintritt von Firmen, die keine Erfahrung im Military-Business haben oder, mangels finanzieller Kraft, eine gute Idee nicht zur Marktreife bringen können. Die Bundeswehr nämlich kauft in der Regel keine Prototypen. Wer sich direkt an sie wendet, sollte etwas Serienreifes und Skalierbares im Gepäck haben. Agenturen wie WIMCOM können helfen: Sie kümmern sich um Kooperationspartner und Geschäftsanbahnung innerhalb ihres Netzwerks. Zudem weiß Witzel, welche der mehr als 100 beschaffungsrelevanten Einrichtungen der Bundeswehr jeweils am besten zum Projekt passt. „Die ganze Beschaffungsarithmetik muss sich aber weiter ändern“, mahnt der Ex-Offizier. Er zitiert den Vizepräsidenten des BAAINBw, Ralph Herzog: Früher habe man viel Zeit und wenig Geld gehabt, heute sei es umgekehrt.
„Allerdings gibt es trotz der immensen Summen, die für den militärischen und infrastrukturellen Aufwuchs bereitgestellt werden, wegen der komplexen Rahmenbedingungen kaum ‚Quick Wins‘ für neue Player“, betont Jan Furtwängler, Abteilungsdirektor Sicherheits- und Verteidigungsindustrie bei der National-Bank AG in Essen. Etablierte Player in der Zulieferkette haben sich aktuell Herausforderungen im Bereich der Materialbeschaffung, der Personalaufstockung und sich zeitlich hinziehender konkreter Auftragsvergaben zu stellen. Oft seien in den mittelständischen Unternehmen Sprunginvestitionen und erhöhte Vorfinanzierungen im Working Capital wegen historisch hoher Auftragsbestände notwendig. An dieser Stelle kommen Kreditgeber wie die National-Bank ins Spiel. Dieses Haus arbeitet seit jeher mit Unternehmen der Verteidigungsindustrie zusammen. „In diesem Finanzierungsgeschäft legen wir den Schwerpunkt auf die Mittelständler im Zuliefererbereich“, erklärt Furtwängler, der genau weiß, was diesen Firmen hilft: beispielsweise langfristige Darlehen für Immobilien-Erweiterungen und Maschinen, zudem Kreditlinien für die Vorfinanzierung des Materials, aber auch die Stellung von Bankbürgschaften zur Deckung von Anzahlungen, Gewährleistungen und Vertragserfüllungen. Auch öffentliche Fördermittel können in die Finanzierungskonzepte einfließen. „Wir prüfen grundsätzlich, welche Programme passen, beantragen das Darlehen für unsere Kunden und sind gut vernetzt mit den Förderbanken“, sagt Furtwängler und verweist unter anderem auf die NRW.BANK. „Wir sind davon überzeugt, dass es der Anstrengung aller bedarf – also auch der Finanzwirtschaft – unser Land wieder verteidigungsfähig zu machen“, unterstreicht er die Bedeutung, die das Geschäftsfeld für die National-Bank hat, um dann noch anzufügen: „Ohne Sicherheit ist alles nichts.“
Unterstützung durch die IHK Nord Westfalen
Die IHK unterstützt Unternehmen insbesondere bei:
Einstieg in die Sicherheits- und Verteidigungsindustrie (zum Beispiel als Zulieferer der Bundeswehr oder der Rüstungsindustrie)
Krisenvorsorge und Resilienzmanagement für Unternehmen
Ausfuhr- und Rüstungsexportkontrolle
Cyber- und IT-Sicherheit zum Schutz vor Cyberangriffen und Wirtschaftsspionage
IHK-Netzwerk „Sicherheits- und Verteidigungsindustrie Nord-Westfalen“
Webinare und Fachveranstaltungen
Unternehmerreisen
(Grenzüberschreitende) Netzwerkveranstaltungen zum Erfahrungsaustausch