Wirtschaftsspiegel
Nr. 7165068
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Verteidigung verstärken

Verteidigung braucht mehr als Waffen

Die Bundeswehr investiert in Gebäude, Ausrüstung und Infrastruktur. Davon profitieren auch Unternehmen aus Nord-Westfalen: Bolle aus Telgte baut modulare Unterkünfte, Goldbeck realisiert Gebäude für sicherheitsrelevante Organisationen, Setex entwickelt Schutztextilien und WEICON liefert Kleb- und Dichtstoffe für militärische Anwendungen. Die Beispiele zeigen, wie breit die Wertschöpfung rund um Verteidigung und Sicherheit inzwischen ist.

Bolle System- und Modulbau GmbH: Ruckzuck Räume schaffen

Die Bundeswehr will ihre Personalstärke schnell erhöhen. Der Bestand an nutzbaren Kasernengebäuden ist allerdings knapp. An drei Standorten ist das Problem fürs Erste gelöst, weil die Bolle System- und Modulbau GmbH aus Telgte mit Raumzellen anrollt.
„Raumzellen – das sind diese dreidimensionalen Konstrukte, die zumeist nachts per Schwertransport über die Autobahn gezogen werden“, erklärt Geschäftsführer Raphael Bruns. Acht dieser industriell vorgefertigten Gebäude mit Container-Konturen hat das Unternehmen an die Bundeswehr geliefert. Insgesamt 900 Rekruten haben somit eine Unterkunft.
Das Familienunternehmen, das in Telgte ansässig ist, hatte drei von sechs Ausschreibungspaketen im europäischen Wettbewerb für sich entscheiden können. Danach blieb ein knappes halbes Jahr Zeit, um die mobilen Gebäude an den Standorten Augustdorf, Bremerhaven und Bogen bei Straubing zu errichten und auszustatten. „Das hat gut geklappt, weil alle, inklusive Auftraggeber, an einem Strang gezogen haben“, berichtet Bruns. Die Module, erläutert er, sind gemäß Nutzungskonzept vor Ort gruppiert und eingerichtet worden. Eine Raumzelle für zwei Rekruten - über diese Aufgabenstellung mussten Bruns und sein Team dreimal nachdenken. Es war gar nicht so einfach, die Möbelplanung der Bundeswehr in die kleine Wohnwelt zu integrieren. Zwei Jahre lang sollen die Raumzellen an den Standorten bleiben. Dann werden sie abgeholt und einer Zweitverwertung zugeführt. „Das sind temporäre Mietlösungen, um die Zeit zu überbrücken, bis die dauerhaften Gebäude stehen“, erklärt Bruns.
Grundsätzlich könnte Bolle auch permanente Bauten auf den Liegenschaften errichten. Der Geschäftsführer verweist auf die große Erfahrung des Unternehmens, das seit 115 Jahren besteht und seit 25 Jahren im Münsterland Modulgebäude fertigt. Zurzeit errichtet Bolle für die Bundespolizei in Sankt Augustin einen viergeschossigen dauerhaften Bau. „Ich hoffe, dass wir jetzt auch bei der Bundeswehr einen Fuß in der Tür haben“, sagt Bruns. Deren steigender Personalbedarf lässt erahnen: Die Chancen stehen gut.

Goldbeck: Sicherheit systematisch aufbauen

Unterkunftsgebäude, Trainingszentren, Logistikimmobilien, Produktionsstätten: Goldbeck realisiert Immobilien für Menschen, die Verantwortung für die Sicherheit, den Schutz und die Stabilität in Deutschland und Europa übernehmen. Um den spezifischen Anforderungen dieser sicherheitsrelevanten Organisationen gerecht zu werden – darunter beispielsweise Zivil- und Katastrophenschutz, Verteidigung oder der Staat – greift das Unternehmen auf seine Lösungen aus dem Bereich des systematisierten Bauens zurück und entwickelt diese Produkte zielgenau weiter. Am größten Stützpunkt der deutschen Marine in Wilhelmshaven realisiert Goldbeck im Auftrag des Staatlichen Baumanagements Hannover elf neue Unterkunftsgebäude mit rund 1.200 Einzelstuben für die Soldatinnen und Soldaten.
„Mit unseren Gebäudelösungen schaffen wir eine funktionale, wirtschaftliche und langfristig nutzbare Infrastruktur, die die operative Leistungsfähigkeit dieser Organisationen erhöht“, erklärt Christian Terwey, Leiter der Goldbeck-Niederlassung Münster und fügt an: „Unsere systematisierte und serielle Bauweise bildet dafür die Grundlage“. Wesentliche Systemelemente nämlich würden industriell vorgefertig und auf der Baustelle passgenau montiert. Das verkürze die Bauzeit und sorge für gleichbleibende Abläufe, hohe Qualität und Verlässlichkeit. „Davon profitieren sowohl die Stabilität als auch Widerstandsfähigkeit staatlicher und gesellschaftlicher Strukturen“, sagt Terwey.

Setex Textilveredelung: Textilien mit hohem Schutzfaktor

Die Setex Textilveredlung entwickelt für die Bundeswehr Produkte, die einiges „draufhaben“. Es geht um spezielle Beschichtungen und Ausrüstungen, die Mensch und Maschine Sicherheit geben.
Im Gelände nicht wahrgenommen zu werden, ist eine hohe Kunst. Die Bundeswehr greift zu diesem Zweck auf Produkte der Setex-Gruppe zurück. Das Unternehmen mit Sitz unter anderem in Rheine und Bocholt hat sich seit der Gründung 1990 zu einem der größten europäischen Textilhersteller entwickelt und gehört laut einer 2021 publizierten Studie der Universität Trier zu den Hidden Champions in NRW. „Wir liefern der Bundeswehr Schutztextilien für alle Truppenteile“, berichtet Georg Klein-Hitpaß, Geschäftsführer der Setex Textilveredelung GmbH. So werden unter anderem Tarnanzüge gefertigt, beispielsweise für den Einsatz in Waldgebiet, Wüste oder Winterlandschaft. Klein-Hitpaß erläutert, worauf es bei diesen Textilien ankommt: Demnach tragen die Grundflächen funktionsgebende Beschichtungen, die Widerstandskraft verleihen – etwa gegen Feuer und Wasser. Doch zugleich müssen sie sehr leicht und elastisch sein.
Bei den Tarnanzügen beginnt die Herausforderung der Vereinbarkeit der Funktionen bereits mit der Farbgebung. „Aramid zum Beispiel ist eine hitzebeständige und extrem reißfeste Faser, die sich aber eigentlich nicht färben lässt“, erklärt der Textilveredlungs-Ingenieur, warum unterschiedliche Fasertypen eingesetzt werden. Auf die Mischung komme es also an. Ebenfalls komplex ist die Entwicklung der textilen Stoffe zum Schutz von Unterständen und Zelten, Panzern und Drohnen. „Es geht darum, dass Funktionschemikalien die satellitengestützte Ortung solcher Objekte verhindern sollen“, erklärt Klein-Hitpaß, der verständlicherweise aus den chemischen und physikalischen Komponenten ein Geheimnis macht. Nur so viel lässt er durchblicken: „Die Anforderungen sind nicht ohne“. Die Setex Textilveredlung Bocholt ist in verschiedenen Produktbereichen als Textilausrüster für die Bundeswehr zugelassen. Die hohe Fertigungstiefe, die das Unternehmen in den vergangenen Jahrzehnten aufgebaut hat, sorgte für Schnelligkeit und Liefersicherheit, sagt Klein-Hitpaß. Weil aber beim Ausbau der Defence-Branche noch mehr Eile geboten sei, appelliert er an andere Unternehmen: „Partnerschaften suchen und umsetzen, wir brauchen schnelle, auch regionale Lösungen!“

WEICON GmbH: Stoff, der alles zusammenhält

Auf den Zusammenhalt kommt es an: Das gilt auch für die Bauteile von Maschinen und Ausrüstungsgegenständen, die bei der Bundeswehr im Einsatz sind. WEICON liefert die notwendigen Produkte – etwa Kleb- und Dichtstoffe, technische Sprays und Montagepasten.
„Geklebt wird überall, natürlich auch bei den Rüstungsunternehmen“, weiß Ralph Weidling, geschäftsführender Gesellschafter der WEICON GmbH. Die international tätige Firma, die ihren Hauptsitz in Münster hat, liefert sowohl direkt an die Bundeswehr, zum Beispiel an die Dienstleistungszentren, als auch an Systemhäuser und Handelspartner. Seit Jahrzehnten schon halten diese Verbindungen, zumal WEICON wichtige Zertifizierungen aus seinem Windenergie-Geschäft mitbringt. Entsprechend groß ist das Produktportfolio, das WEICON für die Bundeswehr parat stellt.
Vertriebsleiter Patrick Neuhaus nennt Beispiele. So sorgt der Sekundenkleber VH 250 Black dafür, dass die Gummidichtungen an den Türen von Landfahrzeugen die Stellung halten. Aus dem Maschinenbau nicht wegzudenken sind Kleber zur Schraubensicherung. Sie verhindern, dass sich Bauteile lösen, etwa durch Erschütterungen. Unter anderem in einem Flugabwehrsystem übernimmt ein Kleber aus dem Hause WEICON diese Funktion. Die Liste der WEICON-Artikel, die der Truppe zugutekommen, reicht von der Montagepaste für Notstromaggregate bis zum Klebstoff für Brillen. Grundsätzlich muss WEICON vorab prüfen, ob ein Produkt den Belastungen im militärischen Umfeld standhält – mit Thermogrammen, Kataplasma-Test und anderen Verfahren. „Das kostet richtig Geld“, räumt Weidling ein. Doch bleibe unterm Strich ein Plus – auch deshalb, weil sein Unternehmen, das am Standort Münster rund 260 Mitarbeitende beschäftigt, die meisten der Prüfungen im eigenen Labor vornehmen kann. Auf sechs Defence-Messen war der WEICON-Stand in diesem Jahr zu sehen. Für das nächste sind schon fünf Teilnahmen gebucht. „Der Markt ist eher verschlossen, aber hochinteressant“, erklärt Weidling.