Wirtschaftsspiegel
Nr. 7165154
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 Andreas Evertz
Verteidigung verstärken

Flender zeigt Flagge

Getriebe-Champion Flender will im Defence-Geschäft ein paar Gänge hochschalten. Doch geht es der Unternehmensleitung nicht allein um wirtschaftlichen Gewinn: Der CEO appelliert an die gesamte Maschinenbaubranche, mit vereinten Kräften die Sicherheitsarchitektur des Landes zu stärken.
Die Welt hat sich geändert, plötzlich ist Defence en vogue, weil ein gesellschaftlicher Konsens entstanden ist, dass Europa Verteidigungsfähigkeit erlangen muss“, sagt Andreas Evertz, CEO der Flender Gruppe, die ihren Hauptsitz in Bocholt hat. Vor ein paar Jahren noch sei ein Engagement in der Defence-Branche quasi geächtet gewesen. Etliche Banken hätten Finanzierungen kategorisch abgelehnt oder unter Vorbehalt gestellt und somit Investitionen in notwendige Produktionskapazitäten erschwert. „Zudem hatten viele Universitäten die Ablehnung von Defence-Projekten in ihren Statuten verankert“, blickt der Manager zurück. Das Reputationsproblem zog sich durch den gesamten Sektor: „Wer Soldat war, wurde nicht selten blöd angeguckt“, erinnert sich Evertz, der an der Bundeswehr-Uni in Hamburg ein Maschinenbaustudium absolviert und im Anschluss, bis zu seinem Start bei Flender, neun Jahre lang als Offizier gedient hat. Ein Krieg mag irgendwo in der Welt ausbrechen, aber sicher nicht in Europa? Diese oft gehörte Annahme habe sich schon damals als Fehleinschätzung erwiesen, erinnert Evertz an die Jugoslawienkriege am Ende seiner Dienstzeit.
Dennoch sei Rüstung für die meisten Industrieunternehmen ein heikles Thema geblieben. Flender hat nach einem Unternehmenszukauf vor rund 30 Jahren den Einstieg in den Schiffsantriebsbau für Bundeswehr und Nato-Partner zwar nicht verschwiegen. Doch fiel es Evertz Vorgängern noch schwerer, für die „graue Marine“ Farbe zu bekennen: Vorzugsweise wurden Küstenschnellboote ausgestattet. Seit Evertz die Flender Gruppe steuert, werden auch klassische Kriegsschiffe ausgerüstet. Geliefert werden unter anderem hochkomplexe Getriebelösungen für Fregatten oder Versorgungsschiffe, die extrem geräuscharm sein müssen, um Ortung zu vermeiden. Inzwischen zielt das Unternehmen auch auf den Markt für militärische Landfahrzeuge, bietet Kupplungen für sicherheitsrelevante Anwendungen und liefert verschiedene Komponenten als verlängerte Werkbank für zertifizierte Hersteller.

Voraussetzung Verlässlichkeit

Aus seinen Beweggründen für den Ausbau des Geschäftsbereichs macht Evertz kein Geheimnis: „Die geopolitische Zäsur durch den Angriffskrieg auf die Ukraine hat uns dazu geführt, die Anstrengungen zu verstärken“, erklärt Evertz und ergänzt: „Wir wollen unseren Beitrag für die Verteidigungsfähigkeit unseres Landes liefern, die Kompetenzen haben wir.“ An andere Maschinenbauunternehmen appelliert er, ebenfalls Potenziale für den Defence-Sektor zu aktivieren. Aktuell allerdings würden vor allem jene Firmen partizipieren, die der Branche in schweren Zeiten den Rücken gestärkt hätten. „Die sind ja oft schlechter gerankt worden als Unternehmen der Erotikbranche“, weist Evertz auf die vormals limitierten Finanzierungsperspektiven hin. Jetzt, im Aufwind, werden sie zunächst ihre eigenen Supply-Chain-Strukturen nutzen, um die Aufträge abzuarbeiten, ist er sicher. Danach aber seien neue Partner erforderlich, um Kapazitäten auszubauen – aber bitte keine „Eintagsfliegen“! Denn wer nur so lange bleiben wolle, wie die Branche boomt, sei fehl am Platz, warnt Evertz. „In diesem Geschäft zählt das langfristige Commitment“, betont er und verweist auf Verträge zur Ersatzteilversorgung mit einer Laufzeit von 30 Jahren. Wer aber Verlässlichkeit mitbringe, werde kräftig partizipieren: „Das Potenzial ist erheblich, denn wir reden von einer langfristigen industriellen Neuausrichtung“, begründet Evertz. Zur Kompensation des Fachkräftemangels, der auch die Bundeswehr betrifft, sieht er insbesondere im Themenfeld Automatisierung viel Raum für Newcomer. Welche Fachkompetenzen haben wir, und an welcher Stelle können sie den Modernisierungs-Prozess beschleunigen? Dieser Frage sollten Firmen systematisch nachgehen, die in den Defence-Sektor aufbrechen wollen. Genauso verfährt die Flender Gruppe selbst, wenn sie diesen Markt nach neuen Perspektiven sondiert.

Schubkraft durch Synergien

Ist der zügige Aufbau einer stärkeren Sicherheits- und Verteidigungsarchitektur angesichts solcher Herausforderungen in Deutschland überhaupt zu meistern? „Ich glaube, die Fertigungskapazitäten sind vorhanden, wir müssen sie nur verfügbar machen, indem wir unternehmensübergreifend handeln, statt nur ans eigene Auftragsbuch zu denken“, antwortet der Manager. Ohnehin sei auch die Politik im Spiel, weil Defence kein normaler Markt ist, in dem Angebot und Nachfrage allein die Weichen stellen. „Die Nachfrageseite ist fast ausschließlich öffentlich, die Rahmenbedingungen werden politisch gesetzt“, erklärt Evertz. Welche Fähigkeiten sollen in Deutschland bleiben, im Sinne der Souveränität? Welche Unternehmen erhalten welche Art von Förderung? Wie werden Sicherheitszertifizierungen vergeben? Diese Fragen können Politik und Wirtschaft ja nur gemeinsam beantworten, erklärt Evertz.
Evertz
Andreas Evertz, CEO der Flender Gruppe in Bocholt, will das Defence-Geschäft des Unternehmens ausbauen. Der Maschinenbauer liefert unter anderem Getriebelösungen und Komponenten für sicherheitsrelevante Anwendungen. © Morsey/IHK Nord Westfalen
Mit seinem Engagement als Vorsitzender des VDMA-Forums Security & Defence Industry will er eine Brücke bauen zwischen beiden Seiten – und zwar nicht nur für Flender, sondern für den gesamten Maschinenbau, der im Defence-Bereich aktiv ist oder einsteigen will. „Wir wollen auch den Wissenstransfer innerhalb der Branche fördern, denn viele Unternehmen, die relevante Komponenten liefern könnten, wissen nicht, wie sie an diesen Markt herantreten sollen“, beschreibt Evertz ein weiteres Ziel des Forums. Der Vertrieb im Defence-Bereich nämlich sei kein klassisches „Product-Selling“, sondern setze Beziehungsmanagement und Government Relations voraus. So steht Flender selbst in ständigem Austausch mit dem Beschaffungsamt der Bundeswehr (BAAINBw) und den großen Erstausstattern. Eine weitere mögliche Schwelle zum Markteintritt ist die geforderte Qualitätssicherung: „Militärische Beschaffungsstellen verlangen umfassende Dokumentation, Rückverfolgbarkeit jedes einzelnen Bauteils und strenge Abnahmeprüfungen“, weiß Evertz, der den Blick der Newcomer für Fallstricke schärfen will.

Banken denken um

Flender will seinen Wachstumskurs im Defence-Sektor fortführen. „Das Geschäftsfeld wird zu einem Schwerpunkt neben unserem weiterhin bedeutenden Wind- und Industriegeschäft“, sagt Evertz und verweist auf ein wertvolles Wechselspiel: Die hohen Qualitätsstandards, die das Unternehmen im Windenergiesektor etabliert habe, kommen dem Defence-Bereich zugute. Im Gegenzug können Robustheitseigenschaften, die Flender für militärische Anwendungen entwickelt, in die anderen Märkte zurückfließen. Neue Regularien geben diesen Plänen Rückenwind. So habe die EU-Kommission klargestellt, dass Investitionen in Verteidigungsfähigkeit mit dem EU-Taxonomie-Rahmen vereinbar sein können – wenn auch bei vielen regionalen und mittelständischen Banken diese Nachricht noch nicht ganz angekommen sei, wie Evertz berichtet. Bei den Mitarbeitenden jedenfalls erfahren die Wachstumspläne eine hohe Akzeptanz. „Gerade die Jüngeren schätzen den Sinn ihrer Arbeit, wenn sie hören, welchen Beitrag wir zur Sicherheit Deutschlands und Europas leisten“, freut sich der CEO. Das Unternehmen scheint mit seiner ethischen Ausrichtung und Kommunikation also den Nerv getroffen zu haben: „Wir glorifizieren Krieg nicht, sondern reagieren verantwortungsbewusst auf einen gesellschaftlichen Bedarf, der real ist“, sagt Evertz.