Geschlossener Kreislauf

Pappe zu Pappe, Schaum zu Schaum

Kreislaufwirtschaft ist ein entscheidender Hebel, um den CO2-Ausstoß zu senken und das Wirtschaftswachstum vom Verbrauch nicht erneuerbarer Rohstoffe zu entkoppeln. Während Recycling von Papier und Pappe heute fest etabliert ist, gibt es bei Kunststoff Nachholbedarf. Das Unternehmen Wetropa aus Mörfelden geht das Thema mit Schaumstoffverpackungen an, die in einem geschlossenen Kreislauf nahezu vollständig wiederverwertet werden können.
Autor: Stephan Köhnlein, 28. März 2023
Früher war der Hof von Wetropa am Freitagnachmittag leer und aufgeräumt. „Unsere Produktionsabfälle haben wir damals nach Frankfurt in die Müllverbrennung gefahren. Die haben sich sogar noch gefreut, dass sie Zunder von uns bekommen“, erinnert sich der geschäftsführende Gesellschafter Dirk Breitkreuz. Heute lagern auf dem Hof des Unternehmens in Mörfelden die Abfälle aus der Produktion von Schaumstoffverpackungen in Sammelbehältern − getrennt nach Art, Farben und Herstellern. Von dort werden sie zum Standort nach Kassel gebracht und zu Granulat recycliert. Dieses Granulat geht zurück an die Hersteller, die es aufschmelzen und dann wieder aufschäumen.
„Kreislaufwirtschaft steht bei Konsumenten wie der Industrie stark im Fokus und ist gerade für uns als Kunststoffverarbeiter eine sehr wichtige Angelegenheit“, sagt Dirk Breitkreuz. Der studierte Maschinenbauer kam vor 28 Jahren aus der Metallindustrie in das Unternehmen. Damals hatte Wetropa 18 Mitarbeitende, heute sind es rund 150. Seit über 50 Jahren entwickelt und produziert das Unternehmen Spezialverpackungen. Verpackt werden Geräte, die teuer und bruch- oder oberflächenempfindlich sind. Das Spektrum der Kunden reicht von Medizintechnik, Elektronikbauteilen, Solarwechselrichtern bis hin zur Bau- und Kosmetikindustrie.

CO2-Bilanzierung zeigte die Potenziale auf

Um zu sehen, wo Wetropa mit seinem CO2-Ausstoß stand und wo es Möglichkeiten gab, diesen weiter zu reduzieren, ließ das Unternehmen 2019 erstmals seine Emissionen bilanzieren. Unternehmensinterne Dinge konnten relativ schnell und einfach angepackt werden. So deckt eine Fotovoltaikanlage heute 30 Prozent des Energiebedarfs des Unternehmens. LED-Beleuchtung oder ein modernisierter Maschinenpark sorgten dafür, dass der Strombedarf um ein Drittel gesenkt werden konnte.
„Der größte Hebel beim CO2-Ausstoß sind jedoch die verwendeten Materialien“, sagt Dirk Breitkreuz. „Und da waren wir nur mäßig gut aufgestellt.“ Rund 40 Prozent der Materialien seien nicht vollständig wiederverwertbar gewesen. Diese landeten entweder im Downcycling, bei dem ein niederwertigeres Produkt mit geringerem Lebenszyklus entsteht. Oder sie wurden dem sogenannten thermischen Recycling zugeführt. Mit anderen Worten: Sie wurden verbrannt, um aus ihnen zumindest noch Energie zu gewinnen, wenn die Stoffe selbst schon nicht weiterverwendet werden können.
Um die CO2-Bilanz maßgeblich zu verbessern, setzte sich Wetropa zum Ziel, bis zum Jahr 2025 nur noch recyclingfähige Materialien zu verwenden. Dafür überlegte das Unternehmen zunächst gemeinsam mit den Lieferanten, wie man die Materialien wieder in den Kreislauf bringen kann. Wichtigste Voraussetzung hierfür ist, dass die Kunststoffe aus sortenreinen Materialien produziert werden, damit sie in gleicher Qualität und mit möglichst wenig Materialverlust wiederverwertet werden können.
Unter dem Markennamen „Refoam“ werden bei Wetropa heute die Produkte im Portfolio geführt, bei denen ausschließlich unvernetzte PE-Schaumstoffe zum Einsatz kommen. Diese Materialien können nach ihrer Nutzung in einem geschlossenen Kreislaufprozess zu sortenreinem Granulat verarbeitet und erneut der Schaumstoffherstellung zugeführt werden. „Wir wollten sicherstellen, dass aus Schaumstoff wieder Schaumstoff entsteht und keine Parkbank“, erklärt Dirk Breitkreuz. Deshalb geht das Granulat ausschließlich an die schaumstoffverarbeitende Industrie.
Nicht nur bei den Lieferanten, auch bei Wetropa musste sich einiges ändern. Während früher die Schaumstoffabfälle in einen Sack geworfen wurden, mussten jetzt Lagerplätze geschaffen und Sammelbehälter für die sortenreine Trennung der Materialien bereitgestellt werden. Auch die Mitarbeitenden galt es entsprechend zu schulen. Am Anfang habe man immer wieder Sätze gehört wie „Das sieht doch eh alles gleich aus“ oder „Das haben wir schon immer so gemacht““, erinnert sich der Wetropa-Chef. „Der Veränderungsprozess ist nicht einfach gewesen, aber mittlerweile funktioniert es gut.“

Kunststoffe haben Vorteile beim Recycling

Während Kreislaufwirtschaft bei Papier und Pappe heute etabliert ist, gibt es in der Kunststoffindustrie nach Einschätzung von Dirk Breitkreuz noch Nachholbedarf. Dabei hat die Wiederverwertung von Kunststoff sogar Vorteile gegenüber Papier und Pappe. Man benötige kein energieaufwendiges chemisches Recycling mit viel Wasser. Das Zerkleinern und Granulieren seien relativ einfache mechanische Prozesse. Zudem könne sortenreiner Kunststoff ohne größere Qualitätsverluste rund fünfmal öfter in den Kreislauf zurückgebracht werden als Papier und Pappe.
Eine Herausforderung für die kommenden Jahre sieht der Unternehmer im Aufbau eines weltweiten Netzes von Entsorgungssystemen. Denn logistisch und unter Umweltaspekten ist es nicht sinnvoll, Verpackungsmaterial für ein nach Indien verschicktes Gerät wieder zurück nach Deutschland zu bringen. Praktisch könnten Verpackungsmaterialien überall in den Kreislauf zurückgeführt werden. Voraussetzung sei eine entsprechende Kennzeichnung. „Da ist noch viel Unwissenheit auf dem Markt“, sagt er. „Andere Länder sind da schon weiter als Deutschland.“
Wetropa hat inzwischen den Anteil der nicht-recyclingfähigen Abfälle auf 20 Prozent reduziert – und das ist erst der Anfang. Bei den „Nicht-Refoam“-Artikeln im Portfolio gehe der Vertrieb gezielt auf die Kunden zu und sucht mit ihnen nach Lösungen. Von der Industrie wünscht sich Dirk Breitkreuz, dass sie schon bei der Entwicklung einer Verpackung darauf achtet, dass das richtige Material verwendet und so verarbeitet wird, dass keine Fremdstoffe hineingelangen.

„Es muss auch wehtun, damit sich etwas ändert“

Kunststoff, da ist sich Dirk Breitkreuz sicher, wird auch in Zukunft ein sehr wichtiges Material für viele Bereiche unseres Lebens bleiben. Damit die notwendigen Veränderungsprozesse in der Kunststoffindustrie schneller umgesetzt werden, wünscht er sich auch mehr Anreize von der Politik. „Lagerplätze, neue Maschinen, Schulungen – das kostet alles Geld. Man muss immer erst investieren, um dann etwas Besseres zu bekommen.“
Wichtig seien vor allem mehr Planungssicherheit für weitere Investitionen und die Ausrichtung im Unternehmen. So würden beispielsweise der Green Deal oder die Plastiksteuer in der EU unterschiedlich umgesetzt. „Das sorgt für sehr viel Unsicherheit bei unseren Kunden und Lieferanten“, sagt Breitkreuz. „Die Industrie benötigt nicht unbedingt Subventionen, sondern eine klare Linie der Politik in Deutschland und Europa, die es uns ermöglicht das Unternehmen nach den neuen Richtlinien auszurichten.“
Wetropa hat viel investiert, um nachhaltiger zu werden, und eine Strategie entwickelt, um die CO2-Emissionen Schritt für Schritt weiter zu reduzieren. Wo das Unternehmen CO2-Ausstoß nicht vermeiden kann, setzt es auf Klimaschutzprojekte als Ausgleich. „Das war anfangs richtig schmerzhaft, weil wir so viel kompensieren mussten“, sagt Dirk Breitkreuz. „Aber es muss auch weh tun, damit sich etwas ändert. Wenn ein Unternehmen jedes Jahr eine Zahlung leistet, von der es keinen unmittelbaren Nutzen hat, treibt das die Motivation, dranzubleiben und sich kontinuierlich zu verbessern.“

Ein Beitrag zu mehr Nachhaltigkeit

Mit der nachhaltigeren Gestaltung seiner Schaumstoffverpackungen reduziert Wetropa Ressourcenverbrauch, Abfall sowie CO2-Emissionen und trägt damit insbesondere zu folgenden SDGs bei:
Zukunftsmut: Ideen für mehr Nachhaltigkeit
Von der Chancengleichheit am Arbeitsplatz über ressourcenschonende, umweltfreundliche Produktion, neue Geschäftsideen, die Lösungen für gesellschaftliche Herausforderungen präsentieren, bis hin zu Sponsoring von Sportvereinen, Kultureinrichtungen und mehr: Unternehmerische Verantwortung hat viele Facetten. In dieser Artikelserie stellen wir Ihnen Good-Practices in Sachen ökonomischer, ökologischer und sozialer Nachhaltigkeit aus der Region Rhein-Main-Neckar und darüber hinaus vor, die beweisen, warum wir auch in Zeiten multipler Krisen mehr Optimismus wagen sollten.

Was macht verantwortungsvolle Teilhabe im Wirtschaftsleben aus?
Im Jahr 2020 haben rund 20 Unternehmerinnen und Unternehmer dazu ein neues Leitbild für verantwortungsbewusste, vertrauenswürdige Geschäftsleute erarbeitet. Dieses Leitbild stellen wir Unternehmen in deutscher und englischer Sprache kostenfrei zum Download bereit.

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Matthias Voigt
Matthias Voigt
Bereich: Kommunikation und Marketing
Themen: IHK-Magazin, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit