Abgeordnetenhauswahl 2026
Positionen der Berliner Wirtschaft
Verantwortung für Berlins Zukunft übernehmen
Berlin, Deutschland und Europa stehen an einem Wendepunkt: Wirtschaftliche, geopolitische und gesellschaftliche Veränderungen sind schneller und tiefgreifender als erwartet. Wachstumsschwäche, Investitionszurückhaltung, Fachkräftemangel und eine angespannte Stimmung prägen die Lage. Zugleich wächst der Druck auf demokratische Institutionen und den Staat.
Jetzt ist die Politik gefordert, spürbar zu handeln: Unternehmen brauchen Luft zum Atmen, einen starken Standort und eine Fachkräftepolitik, die alle Potenziale ausschöpft. Reformbereitschaft muss im Alltag der Betriebe sichtbar werden. Gleichzeitig braucht Berlin eine strategische Perspektive über das Wahljahr hinaus: Wohin entwickelt sich die Stadt als Wirtschafts‑ und Innovationsstandort? Welche Prioritäten gelten für die kommenden Jahre?
Berlin verfügt über wettbewerbsfähige Unternehmen, eine starke Wissenschaft und innovative Technologien. Die Voraussetzungen für nachhaltiges Wachstum sind da. Dabei gilt: Nur ein handlungsfähiger Staat und ein wirtschaftsfreundliches Umfeld ermöglichen Investitionen, Ausbildung und Wachstum. Und umgekehrt: Eine starke Wirtschaft ist die unverzichtbare Grundlage einer handlungsfähigen Demokratie. Wenn das Vertrauen in die Leistungsfähigkeit staatlicher Institutionen schwindet, ist wirtschaftliche Stärke kein Randthema, sondern zentrale Voraussetzung für gesellschaftlichen Zusammenhalt. Zugleich gilt: wir sind aufeinander angewiesen. Nur im Zusammenspiel von verlässlicher Politik, funktionierenden Institutionen und unternehmerischer Verantwortung kann langfristig Wohlstand gesichert werden.
Dieses Positionspapier der IHK Berlin zeigt konkrete Weichenstellungen für die kommende Legislaturperiode, damit Berlin als Wirtschaftsstandort resilient, wettbewerbsfähig und lebenswert bleibt. Die Forderungen sind klar, umsetzbar und praxisnah – ein Angebot für einen echten Neubeginn und gemeinsame Verantwortung für die Zukunft der Stadt.
- Mehr Luft zum Atmen für Unternehmen
- Unternehmen nicht weiter belasten. Damit Unternehmen am Standort Berlin wachsen und investieren können, braucht es eine Politik, die Fesseln löst und entlastet. Steuererhöhungen, neue Steuern oder zusätzliche Abgaben (wie auch eine Ausbildungsplatzumlage) lehnt die Berliner Wirtschaft ab.
- Bürokratie abbauen. Berlin braucht eine Strategie für den Bürokratieabbau, die strukturell verankert ist, z.B. durch einen Bürokratieabbau-Ausschuss im Abgeordnetenhaus und einen Normenkontrollrat. Auf Gesetzes- und Verordnungsebene gilt es, Berichtspflichten, Genehmigungserfordernisse und Standards abzuschaffen oder zu vereinfachen.
- Marktwirtschaft stärken. Aufgabe der Politik ist es, wirtschaftliche Freiheit zu stärken – durch ein klares Bekenntnis zum Schutz von Eigentum und fairem Wettbewerb in der sozialen Marktwirtschaft. Jegliche Vergesellschaftungen sowie allein die Überlegungen dazu schaden dem Standort.
- Verwaltungsreform umsetzen. Die Verwaltungsreform muss verbindlich umgesetzt werden – mit klaren Zuständigkeiten und mutiger Entscheidungskultur. Es kommt darauf an, die begonnenen Reformen konsequent weiterzudenken und auch die Bezirksverfassungen zu reformieren.
- Standort Berlin stärken
- Wohnungsbau beschleunigen. Der Wohnungsbau muss durch den Abbau von Hürden, wie praxisfernen Natur- und Artenschutzauflagen, und durch effizientere Verfahren spürbar beschleunigt werden. Dafür ist auch die Randbebauung des Tempelhofer Feldes notwendig.
- Wissenstransfer organisieren. Der Transfer von wissenschaftlichen Erkenntnissen und Technologie von den Berliner Hochschulen in die Wirtschaft muss strukturell gestärkt werden, damit die Exzellenz der Berliner Hochschulen auch zu Wertschöpfung führt. Dafür sind u.a. Transferleistungen in den Hochschulfinanzierungsverträgen verbindlich zu verankern und messbar zu machen.
- Investitionen ausbauen. Der Berliner Haushalt muss konsequent auf Investitionen ausgerichtet werden. Dafür dürfen Mittel aus dem Sondervermögen für Infrastruktur und Klimaneutralität ausschließlich für Investitionen verwendet werden. Außerdem muss privates Kapital über neue öffentlich-private Partnerschaften mobilisiert werden.
- Wirtschaftsverkehr und Flächen sichern. Der Wirtschaftsverkehr muss durch intelligentes Baustellenmanagement, intelligente Verkehrssteuerung sowie den Weiterbau von A100 und TVO beschleunigt werden. Gewerbe- und Industrieflächen müssen durch eine zentrale Gewerbebauleitstelle gesichert und dem Bedarf entsprechend neu entwickelt werden. Bei der Ausweisung von Wohnflächen dürfen insgesamt keine Gewerbe- und Industrieflächen verlorengehen.
- Berlin international aufstellen. Die Berliner Internationalisierungsstrategie muss unter Einbindung der Wirtschaft weiterentwickelt werden und sich für neue Potenzialmärkte und Komplementärmärkte öffnen. Eine gute internationale Anbindung Berlins ist Voraussetzung für Investitionen in den Standort und die Sichtbarkeit der Stadt.
- Ausbildung stärken und Fachkräfte sichern
- Bildung modernisieren. Berufliche Orientierung muss verbindlicher Kernauftrag aller Schulen sein und die Gleichwertigkeit von beruflicher und akademischer Bildung betonen. Die duale Berufsausbildung gilt es zu modernisieren und attraktiv auszugestalten.
- Fachkräftemangel beseitigen. Um den Fachkräftemangel als zentrales Wachstumshemmnis für die Berliner Wirtschaft zu bekämpfen, müssen Matching zwischen Unternehmen und Bewerbenden durch die Arbeitsagentur optimiert, flexible Arbeitszeitmodelle unterstützt und Betreuungsangebote ausgebaut werden. Der Zugang internationaler Fachkräfte zum Arbeitsmarkt muss durch digitale, zentrale und englischsprachige Fachverfahren erleichtert und beschleunigt werden. Darüber hinaus braucht es Offenheit für neuartige internationale Kooperationen, um dieses Potenzial voll auszuschöpfen.