Kunst- und Biowerkstoffe

Nachhaltige Kleiderbügel aus Odenwälder Gras

Bei Hemden, Hosen oder Pullovern ist das Thema Nachhaltigkeit in den vergangenen Jahren zunehmend ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gerückt. Doch auch Kleiderbügel sind in der Textilbranche gerade mit Blick auf die CO2-Bilanz ein beträchtlicher Faktor. Die Firma Cortec aus Wald-Michelbach produziert Kleiderbügel, die neben recyceltem Kunststoff einen beträchtlichen Teil eines nachwachsenden, regionalen Rohstoffs enthalten: Gras aus dem Odenwald.
Autor: Stephan Köhnlein, 21. November 2023
Auf Logistik-Kleiderbügeln kommen Textilien oft über Tausende Kilometer unbeschadet von den Fabriken in die Läden. Dort sorgen dann sogenannte Shop- oder Ausstattungsbügel dafür, dass die Kleidung ansprechend präsentiert wird. Doch auch wenn die Bügel somit eine tragende Rolle in der Textilbranche einnehmen, führten sie lange ein Schattendasein. Sie galten als Massenprodukt mit geringem Wert, das häufig nach Gebrauch weggeworfen wurde. Doch das ändert sich gerade.  
Das Unternehmen Cortec aus Wald-Michelbach war bei seiner Gründung im Jahr 1961 zunächst auf die Fertigung von Draht- und Metallbügeln für Wäschereien und Kleidungsfirmen spezialisiert. Im Laufe der Zeit verschob sich der Fokus auf Kleiderbügel aus Holz-, Kunst- und Biowerkstoff. Heute ist das Unternehmen nach eigener Aussage europaweit einer der führenden Anbieter von Fashion- und Logistik-Kleiderbügeln. Im laufenden Jahr werden bei Cortec voraussichtlich bis zu 70 Millionen Bügel produziert.

Das Material muss was aushalten können

Wir arbeiten für professionelle Anwender, produzieren also nicht das, was Normalverbraucher als Bügel im Kleiderschrank haben“, erklärt Torsten Schmitt. Seit 17 Jahren arbeitet er bei Cortec, seit gut zehn Jahren in der Rolle des Geschäftsführers. Sein Unternehmen verwendet heute überwiegend Kunststoff als Werkstoff. Die ersten Pilotprojekte mit nachwachsenden Rohstoffen starteten bereits um das Jahr 2009 – unter anderem mit Maisstärke. Die sei jedoch schnell in der Öffentlichkeit in die Kritik geraten, weil sie auch als Nahrungsmittel genutzt werden kann. Zudem seien die Materialeigenschaften nicht optimal gewesen. „Die Bügel haben sich bei über 50 Grad verformt. Und das sind Temperaturen, die in einem Schaufenster im Sommer schon mal erreicht werden können.“
Schließlich sei man auf das Unternehmen Biowert im nahegelegenen Brensbach gestoßen, das Zellulose aus Grasfaser extrahiere. Der Hauptwerkstoff Agriplast enthält 30 bis 75 Prozent dieser Zellulose, der Rest ist recycelter Kunststoff. „Wir haben eine Produktion im Land und können regionale Materialien dafür nutzen“, sagt Torsten Schmitt. „Statt Maiskolben aus Südamerika hierher zu bringen, verwenden wir Gras aus dem Odenwald.“
Die ursprüngliche Überlegung, den Werkstoff für die Bügel zu 100 Prozent auf Biobasis herzustellen, habe man fallengelassen. Zum einen seien die Preise dafür zu hoch gewesen. Hinzu kommt ein weiterer, im ersten Moment etwas kurios anmutender Faktor: Es gibt nicht genug gutes Gras. „Nicht jede Wiese ist geeignet“, erklärt der Geschäftsführer. Vor allem ein hoher Anteil an Unkraut beeinträchtige die Qualität. Abhilfe soll ein vom Bund gefördertes und von der Hochschule Darmstadt begleitetes Projekt schaffen, das das Ziel hat, künftig auch Wiesen mit Unkraut für die Rohstoffgewinnung nutzen zu können.
Zum anderen ist genug Kunststoff vorhanden. „Wir schwimmen doch in einem Meer von Plastik. Das müssen wir auch nutzen“, sagt Torsten Schmitt und fügt an: „Wir können rund 20 Prozent unseres Gesamtbedarfs über alte Kleiderbügel decken.“

Bestehende Warenströme nutzen

Größte Herausforderung beim Recycling ist die Logistik für den Rücknahmeprozess, wie der Geschäftsführer weiter erläutert. Bei großen Unternehmen, bei denen die Bügel zentral oder an wenigen Standorten gesammelt werden, sei das kein Problem. Aber bei Kunden, die 300 bis 400 Shops in Deutschland haben, ergibt das weniger Sinn. „Die können die Bügel zwar an uns zum Recycling schicken, das ist jedoch teurer und auch nicht nachhaltig.“ Deshalb setze Cortec auf Warenströme auf, die schon laufen. Wenn zum Beispiel Kleidung an einen Sammelort zurückläuft, dann kann man dort auch einen Container für Kleiderbügel aufstellen.“ Gleiches gelte für das Gras. Auch hier verwende man nur das, was in der Landwirtschaft etwa für Viehfutter nicht benötigt werde.
Im Vergleich schneiden die Grasfaser-Bügel gleich mehrfach besser ab als Konkurrenten aus anderen Materialien. „Wir haben den Vergleich zwischen Neukunststoff und Agriplast gemacht. Dabei betrug die CO2-Einsparung bis zu 64 Prozent“, sagt Torsten Schmitt. Wenn man recycelten Kunststoff verwende, falle die Differenz natürlich geringer aus. Kunststoffe mit Grasfaseranteil hätten zudem eine höhere Lebensdauer und könnten häufiger recycelt werden.
Bei Metallbügeln benötige man für den Abbau der Rohstoffe und die Produktion ohnehin schon einen sehr hohen Energieaufwand. Und bei Holzbügeln sei zwar CO2 im Holz gespeichert. Oft würden diese aber in Fernost produziert – mit Holz, das größtenteils aus Europa und Nordamerika komme. „Die anfängliche CO2-Aufnahme wird also durch die Transportwege zunichtegemacht“, sagt der Unternehmer. Zudem hätten solche Bügel eine geringere Haltbarkeit. Das bedeutet nicht, dass Holzbügel keine Verwendung in der Branche finden. Cortec produziert selbst Bügel aus FSC-zertifiziertem Holz für Bekleidung, die auf individuellen Bügeldesigns besonders zur Geltung kommen soll. Doch in puncto Langlebigkeit können auch qualitativ hochwertige Holzkleiderbügel nicht mit Bügeln aus biobasiertem Kunststoff mithalten. Und am besten für die Umweltbilanz sei es nun mal, die Bügel möglichst lange zu benutzen.
In die Zukunft blickt Torsten Schmitt optimistisch. Man werde die Produktion weiter automatisieren – mit positiven Folgen für die Klima- und Umweltbilanz. Bis 2030 will das Unternehmen mit seiner relativ energieintensiven Produktion CO2-neutral sein. Schon ab 2024 wird die Hälfte des Strombedarfs aus Windkraft gespeist. Zudem will Cortec über den Kleiderbügel hinausgehen. „Unser Know-how mit nachhaltigen Werkstoffen möchten wir auf andere Produkte ausweiten. Denn der Maschine ist es letztlich egal, ob sie einen Kleiderbügel oder etwa ein Brillenetui formt.“

Ein Beitrag zu mehr Nachhaltigkeit

Mit seinen biobasierten Kleiderbügeln trägt die Firma Cortec unter anderem zur Erreichung der folgenden SDGs bei:
Zukunftsmut: Ideen für mehr Nachhaltigkeit
Von der Chancengleichheit am Arbeitsplatz über ressourcenschonende, umweltfreundliche Produktion, neue Geschäftsideen, die Lösungen für gesellschaftliche Herausforderungen präsentieren, bis hin zu Sponsoring von Sportvereinen, Kultureinrichtungen und mehr: Unternehmerische Verantwortung hat viele Facetten. In dieser Artikelserie stellen wir Ihnen Good-Practices in Sachen ökonomischer, ökologischer und sozialer Nachhaltigkeit aus der Region Rhein-Main-Neckar und darüber hinaus vor, die beweisen, warum wir auch in Zeiten multipler Krisen mehr Optimismus wagen sollten.

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Veronika Heibing
Veronika Heibing
Bereich: Hauptgeschäftsführung
Themen: Unternehmerische Verantwortung, Ehrbare Kaufleute