Ein Mann im grauen Anzug steht vor einem graugrünen Hintergrund und schaut in die Kamera.
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Unternehmensnachfolge

„250.000 Betriebe stehen auf der Kippe“

Nach aktuellen Zahlen der DIHK findet die Mehrheit der Unternehmen, in denen ein Generationenwechsel ansteht, keinen Nachfolger.
Laut dem Report Unternehmensnachfolge 2025 der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK) wollten in Deutschland noch nie so viele Unternehmerinnen und Unternehmer „ihr Lebenswerk in andere Hände übergeben oder – falls das nicht gelingt – den Betrieb im Zweifel schließen“. Letzteres gewinnt an Tragweite, wenn man sich die konkreten Zahlen anschaut: „Mehr als ein Viertel der betroffenen Unternehmerinnen und Unternehmer denkt bereits an eine komplette Schließung. Hochgerechnet stehen demnach in den nächsten zehn Jahren bundesweit bis zu 250.000 Betriebe auf der Kippe“, heißt es in dem Report zusammenfassend.
Die Erhebung beruht auf mehr als 50.000 persönlichen Kontakten, Beratungs- und Informationsgesprächen der IHKs in ganz Deutschland. Die erhobenen Daten zeigen: In ihren Beratungen haben die IHKs zu rund 9.600 Unternehmen Kontakt gehabt, in denen die Übergabe ansteht. Demgegenüber stehen nur rund 4.000 Interessenten.
Mit Blick auf diese Daten ergibt sich ein düsteres Bild für das Unternehmertum an sich. Woran liegt es, dass die Unternehmensnachfolge das große krisenbehaftete Thema in der Wirtschaftswelt geworden ist? Stefan Hammes von der IHK Nordschwarzwald findet dafür mehrere Erklärungen. Er ist Referent für die DIHK Weiterbildungs GmbH und gibt mehrmals im Jahr Seminare zum Thema Nachfolge. Einen dominanten Faktor für die problematische Entwicklung in dem Bereich benennt er allerdings ohne zu zögern: den demografischen Wandel.

Investitionsstau verschreckt potenzielle Nachfolger

Durch die Babyboomer-Generation gebe es in Deutschland wesentlich mehr Unternehmen im Nachfolgealter als es potenzielle Käufer gebe. „Die Wendezeit brachte zudem viele Selbstständigkeiten hervor, die ebenfalls nun in einem Lebensalter sind, in dem die Weitergabe akut wird“, sagt Hammes.
Wenn ich dann aber nur einen Investitionsstau, veraltete Produkte und einen starren Kundenstamm vorweisen kann, muss ich mich über mangelnde Nachfrage nicht wundern.
Der Experte räumt aber auch ein, dass sich die große Diskrepanz relativiert, wenn man einige wesentliche Faktoren berücksichtigt. So seien viele Unternehmen in der Kategorie Klein- und Kleinstunternehmen einzuordnen. Gerade in dieser Gruppe sinkt der Anteil der Familiennachfolgen extrem. Für Externe sind sie immer dann nicht besonders interessant, wenn die wenigen Mitarbeitenden überwiegend mit dem Inhaber beziehungsweise der Inhaberin in den Ruhestand gehen. „Und wenn solche Unternehmen sich aus dem Markt verabschieden, ist das noch keine große Krise für die Volkswirtschaft.“
Hinzu kommt laut Hammes auch der Fakt, dass Unternehmerinnen und Unternehmer in ihren Betrieb investieren müssen, um ihn zukunftsfähig zu gestalten. Viele würden sich in den letzten Jahren ihrer Selbstständigkeit eher vor neuen Technologien und anderen Veränderungen scheuen. „Wenn ich dann aber nur einen Investitionsstau, veraltete Produkte und einen starren Kundenstamm vorweisen kann, muss ich mich über mangelnde Nachfrage nicht wundern.“
Gefährlich wird es für ein Unternehmen, wenn die Kunden keine Aufträge mehr erteilen, weil sie wissen, dass die Geschäftsführung im Abgabealter ist, sagt der Nachfolgeexperte. Wenn nicht klar kommuniziert werde, wie es weitergehen soll, steige die Unsicherheit extern genauso wie intern.

Junge Generationen grundsätzlich offen für Selbstständigkeit

Doch nicht alle Entwicklungen sind bedenklich. Auf der Käuferseite sei es tatsächlich besser geworden, sagt Stefan Hammes. „Das kann unter anderem daran liegen, dass die nachfolgenden Generationen nicht unbedingt in festgefahrenen, fremdbestimmten Systemen als Angestellte arbeiten wollen. Offenheit für die Selbstständigkeit ist auf jeden Fall vorhanden“, betont Stefan Hammes.
Aktuelle Zahlen belegen das. So hat die Bertelsmann Stiftung 2024 eine repräsentative Umfrage unter 14- bis 25-Jährigen in Auftrag gegeben. Demnach ist die Gründung eines eigenen Unternehmens für 40 Prozent der jungen Menschen in Deutschland vorstellbar. Aber die Auswertung dämpft die positiven Zahlen.
„Fast jeder zweite junge Mensch bringt Interesse an der Gründung eines Unternehmens mit. Das ist zunächst eine gute Nachricht. Allerdings gehen viel weniger von ihnen diesen Schritt und gründen auch tatsächlich“, heißt es in der weiteren Auswertung. Das Potenzial für junges Unternehmertum in Deutschland werde noch zu selten gehoben. Die Hürden im Gründungsprozess müssten erkannt und abgebaut werden.