Ein Schuss, der sitzen muss

Phoenix Zement in Beckum gehört zu den modernsten Zementwerken Deutschlands. Doch ohne CCS-Technologie gibt es keine Zukunft. Geschäftsführer Marcel Krogbeumker steht vor der größten Investitionsentscheidung in der 160-jährigen Geschichte des Familienunternehmens.
Unermüdlich rotiert der riesige Drehrohrofen an der L586 hinter Beckum. Er ist das Herzstück des Zementwerks, 24/7 im Einsatz an 300 Tagen im Jahr. Hinter dem Staub und Rost auf den Anlagen steckt mehr Innovation, als der erste Blick vermuten lässt. „Was wir hier stehen haben, ist der Stand der Technik“, sagt Marcel Krogbeumker, Geschäftsführer von Phoenix Zement. „Etwas Neueres gibt es als Vollwerk nicht.“
2019 wurde die umfassende Modernisierung abgeschlossen. Vorkalzinierung, hocheffiziente Wärmerückführung, optimierte Kühlung. Das Werk in Beckum ist eines der modernsten in ganz Deutschland. Seit 1914 wird hier Zement produziert, 60 Jahre zuvor wurde schon Kalk gebrannt. Ein Traditionsbetrieb, vierte Generation, rund 100 Arbeitsplätze. Jetzt stellen Energiewende und Dekarbonisierung Marcel Krogbeumker und sein Team vor der wohl größten Herausforderung in der Geschichte des Unternehmens.

Das CO₂-Problem, das sich nicht wegmodernisieren lässt

Denn so modern die Anlage auch ist: Das grundlegende Problem kann sie nicht lösen. Bei der Zementherstellung entsteht CO2 – zwangsläufig, chemisch bedingt, unvermeidbar. Wenn Kalkstein (CaCO3) erhitzt wird, löst sich Kohlendioxid aus dem Gestein. Diese Prozessemissionen sind sogenannte unvermeidbare Emissionen. In fast allen anderen Industrien lassen sich die Treibhausgase durch einen Wechsel des Energieträgers vermeiden. Nicht, wenn es um Zement und Kalk geht.
Bei der Primärenergie ist Phoenix bereits optimal unterwegs. „Wir haben 2024 zu 94,5 Prozent auf Ersatzbrennstoffe gesetzt, mit einem sehr hohen biogenen Anteil“, erklärt Krogbeumker. Die Effizienz der Anlagen wurde gesteigert, die Abwärme wird eingesetzt. Der Leitsatz des Unternehmers: „Die beste Energie ist immer die, die ich einspare.“
Aber das reicht nicht. Denn das CO2 aus dem Kalkstein bleibt. Und das wird mit jedem Jahr teurer. Noch gibt es kostenfreie CO2-Zertifikate für die Industrie. Diese werden im Rahmen des europäische Emissionshandelssystems ETS nach und nach verknappt und müssen teuer eingekauft werden. Die Uhr tickt also für Phoenix Zement – und nach Meinung von Marcel Krogbeumker zu schnell. Denn die Pläne zur CO2-Vermeidung sind da, kosten aber Zeit. „Wir brauchen Bewegung im ETS, sonst fahren wir voll gegen diese Wand 2040.“ Dann sollen die EU-Klimaziele erfüllt sein.
Was wir hier haben, ist der Stand der Technik.
Immerhin: Die EU hat Anfang November beschlossen, die Verknappung der Zertifikate und die Klimaziele flexibler zu gestalten. Ob das reicht? Das wird sich zeigen. Noch herrscht eine große Unsicherheit, wie sich der CO2-Preis entwickelt. Die Prognosen klaffen weit auseinander. „Mit Blick auf unsere Mengen sprechen wir hier von einem Delta von 20 Millionen Euro pro Jahr“, erklärt Krogbeumker. Mit so einer großen Unsicherheit könne man nicht planen.

CCS: Alternativlos und herausfordernd zugleich

Ein wenig Klarheit gibt es immerhin bei der technischen Lösung: CCS – Carbon Capture and Storage. Das CO2 aus der Produktion wird abgeschieden, abtransportiert und gespeichert. Für die Zementindustrie gibt es keine Alternative. Und auch nicht für die Gesellschaft, wie Krogbeumker betont: „Beton ist bis uns nicht wegzudenken, ob bei Fundamenten, beim Schallschutz, bei Brandschutz usw. Ohne Zement kein Beton. Ohne Beton keine Infrastruktur.“
Welche Technologie zur Abscheidung des CO2 in Frage kommt, ist noch nicht klar. Die so genannte Aminwäsche ist eine Möglichkeit, die in Pilotprojekten bereits erprobt ist. Ein anderer Weg, auf den viele Akteure der Zementindustrie setzen, ist das Oxyfuel-Verfahren. Bei diesem innovativen Prozess wird reiner Sauerstoff statt Umgebungsluft im Ofen verwendet. Das reduziert die Menge der Abgase und steigert deren CO2-Gehalt – die Abscheidung wird deutlich effizienter. Klingt gut, ist aber noch nicht erprobt. Die erste Oxyfuel-Demonstrationsanlage wird derzeit in Mergelstetten in Baden-Württemberg errichtet. „Bevor ich mich auf diese Technologie festlege, will ich erst den Proof of Concept sehen“, sagt Krogbeumker.
Auch für den Abtransport des Kohlendioxids gibt es theoretisch mehrere Wege. Der Gas-Fernleitungsnetzbetreiber OGE plant ein bundesweites CO2-Transportnetz, das auch in der Zementregion Beckum ankommen soll. „Das wäre am effizientesten“, sagt Krogbeumker. „Wie wir die letzte Meile bis zu unserem Werk lösen, ist allerdings noch nicht klar.“ Ob das alles rechtzeitig umgesetzt wird? „Das kann heute niemand sagen. Und was mache ich, wenn die Leitung erst 2050 liegt, ich sie aber zwingend 2040 brauche?“, gibt Krogbeumker zu bedenken. Also denkt er auch an Alternativen wie den Abtransport per Zug oder Lastwagen. Alles machbar, aber mit hohem Aufwand und aufgrund der nötigen Zwischenlagerung mit hohen Kosten verbunden.
So sinnvoll der Schritt in Richtung CCS ist, so groß ist er für Phoenix Zement. Mit 200 bis 250 Millionen Euro Investitionsvolumen rechnet Marcel Krogbeumker, um das CO2 loszuwerden. Das ist das Vier- bis Fünffache des Jahresumsatzes des Unternehmens. „Die Investitionsentscheidungen sind so groß, wenn eine davon schiefgeht, gefährdet das das ganze Unternehmen.“
Um diese Entscheidungen treffen zu können, müssen die Risiken rausgerechnet und die offenen Punkte geklärt sein. Davon sei man aber noch weit entfernt. Selbst wenn die Entscheidung für die CCS-Technik und den Weg des Abtransports gefallen ist: „Die Genehmigungsbehörden wissen noch gar nicht, wie sie mit so einer CCS-Anlage umgehen sollen“, sagt Krogbeumker. Vor den Unternehmen wie vor den Behörden liegt sehr viel Neuland. Um so wichtiger seien jetzt Entbürokratisierung und die Vereinfachung von Prozessen.
Denn die Zeit drängt. Marcel Krogbeumker schätzt den Bauzeitraum für die Umrüstungen auf CCS auf zehn Jahre. „Wenn es Ende der 2030er Jahre keine CO2-Zertifikate mehr gibt, brauchen wir spätestens Ende der 2020er-Jahre finale Entscheidungen“, rechnet er vor. Das alles unter der Maßgabe, dass es ausreichend Anlagenbauer gebe, um die Umbauten umzusetzen. „Wenn die ganze Branche in Deutschland und Europa umstellen muss, werden wir nicht ausreichend Dienstleister dafür haben“, befürchtet Krogbeumker.

Unsicherheit als ständiger Begleiter

Die CCS-Anlage würde das CO2-Problem lösen, aber ein neues mit sich bringen: Strom, viel Strom. Aktuell verbraucht Phoenix Zement etwa 50 Millionen Kilowattstunden pro Jahr. Das wird sich verdreifachen. Immerhin hat das Unternehmen Glück: Eine 110-Kilovolt-Leitung läuft bereits am Steinbruch entlang, für das neue Umspannwerk hat Phoenix noch eigene Flächen. „Mit unserem Standort hier haben wir wirklich Glück bei diesem Thema“, sagt Krogbeumker. Das gelte lange nicht für alle Unternehmen.
Investitionen, höherer Strombedarf – das wird sich auf den Preis des Produktes auswirken. Um das Zwei- bis Dreifache würden die Kosten für Zement steigen, schätzt Krogbeumker. Für ein Einfamilienhaus mache das keinen erheblichen Unterschied. „Das sind dann ein paar Tausend Euro. Wenn ich das mit den Grundstückspreisen vergleiche, verschwindet das.“ In der Masse aber, für Wohnungsbaugesellschaften und die Bauindustrie insgesamt, sind die Auswirkungen groß, da auch die meisten anderen Gewerke als Folge der Dekarbonisierung teurer werden. Phoenix und seine Wettbewerber sitzen indes alle im gleichen Boot: „Dadurch, dass wir in der Branche alle die gleichen Spielregeln haben und alle umstellen müssen, haben wir auf jeden Fall weiterhin einen Business Case.“
Aber die Unsicherheit bleibt ein ständiger Begleiter. „Ein Jahr lang mal einfach nur Zement herstellen, das wäre unser Traum“, sagt Krogbeumker. Stattdessen nehmen die Themen rund um Energie und Emissionen immer mehr Raum ein. Bürokratieabbau? „Davon merke ich nichts, ganz im Gegenteil.“ Gerade bei Berichtspflichten wünscht er sich mehr Vertrauen in die Unternehmen anstatt zunehmender Kontrolle. „Da kann man noch viel vereinfachen.“
Trotz all dieser Herausforderungen bleibt Marcel Krogbeumker zielstrebig und zuversichtlich. Innovation hat schon immer zur DNA von Phoenix Zement gehört. „Wir sind nicht der größte Akteur am Markt, aber einer, der sehr dynamisch vorangeht. Einer, der nach vorne schaut“, sagt er. Bei aller Dynamik weiß Krogbeumker aber ganz genau, was mit der Energiewende für ihn und das Unternehmen auf dem Spiel steht: „Wir haben einen Schuss. Wenn der danebengeht, ist das, was vier Generationen aufgebaut haben, dahin."