Die Kopplung von Energieträgern belohnen

Ein Gespräch mit IHK-Präsident Lars Baumgürtel über die Grenzen der aktuellen Energiepolitik, Wege aus der Kostenfalle und wie die Energieträgerkopplung dabei helfen kann.
Wirtschaftsspiegel: Herr Baumgürtel, Sie sagen, die Energiewende sei so, wie sie derzeit läuft, „nicht finanzierbar“. Was meinen Sie damit?
Lars Baumgürtel: So wie ich es sage: Der Umbau des Energiesystems, so wie er derzeit noch geplant ist, kann weder von der Wirtschaft noch vom Staat so weiter finanziert werden. Das hat die DIHK-Studie „Neue Wege für die Energiewende“ unmissverständlich deutlich gemacht.
Lars Baumgürtel
Lars Baumgürtel, CEO von ZINQ und IHK-Präsident: „Wir könnten drei Viertel der volkswirtschaftlichen Kosten einsparen, wenn wir Stromüberschüsse in Prozesswärme statt in Batterien stecken.“ © Mensing/IHK Nord Westfalen
Die bisherigen Ansätze bringen Unternehmen und öffentliche Kassen an ihre Belastungsgrenzen, ohne dass die Ziele erreicht werden. Der deutsche Sonderweg hat die Stromkosten massiv in die Höhe getrieben – und damit die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts Deutschland spürbar geschwächt. Wir brauchen einen Plan B und dürfen nicht länger glauben, dass man mit immer höheren Subventionen oder Detailsteuerung die Energiewende retten kann. Wir brauchen ein neues Gesamtkonzept – einfacher, marktwirtschaftlicher, technologieoffen.
Und die Zeit drängt: Die Produktion der energieintensiven Industrie in NRW lag im Mai 2025 fast 16 Prozent unter dem Niveau von 2022. Um der energieintensiven Industrie eine Perspektive zu geben, brauchen wir mehr Systemeffizienz, um wettbewerbsfähige Stromkosten zu ermöglichen.
Wirtschaftsspiegel: Sie fordern einen Kurswechsel. Was läuft grundsätzlich falsch?
Baumgürtel: Die Energiewende wird zu oft als Stromwende gedacht. Das ist ein Konstruktionsfehler. Wind- und Solarstrom sind volatil, die Industrie braucht aber konstante Energie. Wenn Wind und Sonne fehlen, müssen Kohlekraftwerke ans Netz. Wenn zu viel Strom da ist, schalten wir Anlagen ab – und zahlen dafür auch noch. Allein die Vergütung von abgeregeltem Strom hat uns zuletzt über 20 Milliarden Euro gekostet. Das kann sich kein Industrieland leisten. Die Politik setzt auf Elektrifizierung um jeden Preis, statt auf Systemeffizienz. Wir brauchen eine Energiearchitektur, die Strom, Gas und künftig Wasserstoff zusammendenkt. Das ist der Kern der Energieträgerkopplung, die einen wichtigen Beitrag zur Senkung der Kosten und zur Neuausrichtung der Energiewende leisten kann.
Wirtschaftsspiegel: Was verstehen Sie unter Energieträgerkopplung?
Baumgürtel: Energieträgerkopplung heißt: Wir erzeugen beispielsweise Prozesswärme, also die Wärme, die wir für die Produktion benötigen, flexibel – mit Strom, Gas oder Wasserstoff, je nachdem, was gerade verfügbar und bezahlbar ist. Das ist Grundlage unseres Projektes Power to ZINQ: Wir nutzen zukünftig erneuerbaren Überschussstrom, wenn Wind und Sonne viel liefern, und schalten bei Engpässen automatisch auf Gas oder Wasserstoff um. Das stabilisiert nicht nur unser eigenes System, sondern auch das Netz. Man könnte sagen: Wir nutzen, was da ist – statt es abzuschalten oder teuer zu speichern. Nutzen statt Abregeln ist das Prinzip.
Wirtschaftsspiegel: In einer Studie mit Fraunhofer Umsicht, die von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt gefördert wurde, haben Sie das Konzept „Smart Power to Heat“ als Lösung gegen steigende Energiekosten entwickelt. Was bedeutet dieses Konzept für ein Unternehmen wie ZINQ konkret?
Baumgürtel: Unsere Zinkschmelzöfen werden rund um die Uhr betrieben und können flexibel hybridisiert werden: Bei ausreichend Wind oder Sonne läuft die Beheizung mit grünem Strom, bei Engpässen schalten wir automatisch auf Gas. Das senkt Emissionen, verbessert die Energiekostenstruktur und zeigt, dass Energiewende und Wettbewerbsfähigkeit kein Widerspruch sein müssen. Unser Projekt ist ein reales Beispiel dafür, wie Industrie zur Lösung beiträgt – nicht zum Problem. Das ist kein Zukunftsszenario, das ist heute technisch machbar.
Wirtschaftsspiegel: Und was war das Gesamtergebnis der Studie?
Baumgürtel: Das Ergebnis ist eindeutig: Smart Power to Heat ist vier- bis fünfmal wirtschaftlicher als die Zwischenspeicherung von Strom in Batterien. In unserem Pilotprojekt – einem Zinkschmelzofen mit drei Megawatt Leistung und 20 Megawattstunden Speicherkapazität – werden wir jährlich rund 9.240 Megawattstunden Überschussstrom in Prozesswärme umwandeln. Die Investitionskosten liegen bei 314 Euro pro Kilowattstunde. Zum Vergleich: ein Batteriespeicher kostet laut Studie bei über 1.400 Euro pro Kilowattstunde.
Im großen Maßstab könnte Deutschland mit dieser Technologie 115 Terawattstunden Überschussstrom pro Jahr nutzen – das entspricht fast einem Drittel des gesamten fossilen Prozesswärmebedarfs. Gleichzeitig ließen sich bis zu 30 Millionen Tonnen CO einsparen. Das ist 40 Prozent des Klimaziels der Industrie für 2030.
Wirtschaftsspiegel: Klingt überzeugend. Warum wird das nicht längst umgesetzt?
Baumgürtel: Weil die regulatorischen Rahmenbedingungen dagegenarbeiten. Unternehmen, die in solche Hybridtechnologien investieren, werden bestraft, statt entlastet. Sie zahlen Netzentgelte, Baukostenzuschüsse und Abgaben, obwohl sie mit ihrer Flexibilität das Netz stabilisieren. Das ist absurd. Wir brauchen eine Anerkennung der Energiewendedienlichkeit solcher Anlagen – also eine rechtliche Gleichstellung mit anderen Systemdienstleistungen. Nur dann können Unternehmen investieren, ohne bestraft zu werden, wenn sie das Richtige tun.
Wirtschaftsspiegel: Sie sprechen oft von „Systemeffizienz“ statt „Einzellösungen“. Was bedeutet das für die Politik?
Baumgürtel: Systemeffizienz heißt: nicht jede Technologie einzeln fördern, sondern das Zusammenspiel optimieren. Wenn die Politik Strom, Wasserstoff und Gas nicht gegeneinander ausspielt, sondern integriert denkt, sinken die Gesamtkosten. Ein Beispiel: Wenn die Industrie ihren Prozesswärmebedarf teils mit Überschussstrom deckt, müssen wir weniger in Netze und Speicher investieren. Laut Studien steigen die Netzkosten sonst bis Mitte des Jahrhunderts auf 1,2 Billionen Euro. Das ist volkswirtschaftlich nicht tragfähig. Deshalb brauchen wir Marktmechanismen, die Flexibilität belohnen, statt sie zu verhindern.
Wirtschaftsspiegel: Wenn Sie drei Wünsche an die Bundesregierung frei hätten – welche wären das?
Baumgürtel: Erstens: Marktwirtschaft statt Mikrosteuerung. Unternehmen brauchen Planungssicherheit, keine Subventionslotterie. Zweitens: Regulatorische Fairness. Wer netzdienlich produziert, darf nicht allein auf den Zusatzkostensitzen bleiben. Und drittens: Mut zum UND. Wir brauchen Strom und Wasserstoff, Innovation und Wettbewerb, Effizienz und Industrie. Die Energiewende gelingt nur, wenn wir aufhören, sie ideologisch zu überfrachten. Sie muss wirtschaftlich funktionieren – sonst funktioniert sie gar nicht.