Region Stuttgart, Konjunkturumfrage Herbst 2026

Zarter Aufschwung ohne Beschäftigungswende

Die Wirtschaft der Region Stuttgart hat im Herbst 2026 den Rückschlag des Frühsommers wettgemacht. Der Lageindikator steigt spürbar um 9 Punkte auf plus 5 Punkte und erreicht den höchsten Wert seit dem Frühsommer 2024. Vom Durchschnitt der vergangenen zehn Jahre bleibt er allerdings 18 Punkte entfernt. 29 Prozent der Betriebe bewerten ihre Lage als gut, 24 Prozent als schlecht. Die Geschäftserwartungen klettern um 11 Punkte auf plus 1 Punkt und drehen damit erstmals seit dem Frühsommer 2023 ins Positive. Nicht alle Branchen profitieren gleichermaßen von der aktuellen Entwicklung. Getragen wird die Aufhellung zu einem guten Teil von der exportorientierten Industrie der Region. Die Region dreht mit der Landeskonjunktur, schließt aber nicht auf; ihr Lageindikator bleibt unter dem baden-württembergischen Wert von plus 11 Punkten.
Der Aufschwung hat zudem einen öffentlichen Auftraggeber. Mittel für Infrastruktur und Verteidigung bringen Aufträge. Davon profitiert insbesondere die Industrie, welche die gesamtwirtschaftliche Lage antreibt. Da das Auslandsgeschäft diesen Sommer besser als prognostiziert lief, konnte sie gleich doppelt profitieren. Von Unternehmen getätigte Investitionen und Inlandsnachfrage bleiben schwach. Gerade sie wären aber nötig, um die Wirtschaft in ihrer gesamten Breite anzukurbeln. Dementsprechend bleiben auch die Beschäftigungspläne vieler Unternehmen restriktiv.
Im aktuellen Geschäft zeigt sich die Verbesserung in mehreren Kennzahlen. Der Umsatzsaldo steigt deutlich um 13 Punkte auf minus 1 Punkt, Unternehmen mit gestiegenen und gefallenen Umsätzen halten sich damit fast die Waage. Bei der derzeitigen Tendenz der Auftragseingänge fällt die Belebung schwächer aus: Der Saldo verbessert sich moderat auf minus 6 Punkte, 23 Prozent der Unternehmen melden eine steigende und 30 Prozent eine fallende Auftragslage. Der Zuwachs konzentriert sich auf einzelne Großaufträge. Die Ertragslage verbessert sich moderat um 6 Punkte, bleibt mit minus 8 Punkten aber im negativen Bereich. Der Abwärtstrend vieler Indikatoren scheint abgebremst. Ein Anstieg der Auftragseingänge oder der Ertragslage ist noch nicht angekommen. Denn viele Branchen können nicht auf das Exportgeschäft oder staatlichen Konsum vertrauen.
IHK-Konjunkturumfrage für die Region Stuttgart: Diese Analyse basiert auf der Konjunkturumfrage zum Herbst 2026 der IHK Region Stuttgart, an der 823 Unternehmen zwischen dem 14.09. und dem 02.10. teilgenommen haben.
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Der Blick nach vorne verbessert sich leicht. Der Pessimismus weicht, doch mit einer Verbesserung der Geschäftslage innerhalb der nächsten zwölf Monate rechnet keine Mehrheit. 23 Prozent der Unternehmen rechnen mit besseren Geschäften, ebenso viele mit schlechteren. Allerdings steigen die Umsatzerwartungen spürbar auf plus 6 Punkte. Am deutlichsten dreht das Auslandsgeschäft: Die Exporterwartungen steigen um 12 Punkte von minus 1 auf plus 11 Punkte, getragen vor allem vom europäischen Geschäft. Dieses wird in Zukunft eine immer größere Rolle spielen, während sich China als Absatzmarkt zunehmend eintrübt und an Bedeutung verliert. Ein anhaltend gutes Auslandsgeschäft ist wichtig für die exportstarke Region Stuttgart. Die positive Erwartungshaltung der Unternehmen gibt Anlass zur Hoffnung, dass dies keine kurzlebige Trenderscheinung ist.
Anders sieht es im Hinblick auf die Entwicklung im Inland aus. Die Investitionsbereitschaft am Standort bleibt verhalten, auch wenn die Zurückhaltung im Vergleich zu den vorigen Umfragen abnimmt. Unter den investierenden Unternehmen planen 26 Prozent höhere und 28 Prozent geringere Ausgaben; im Frühsommer lag das Verhältnis bei 23 zu 32 Prozent. Eine weitere Verbesserung: Nur noch 14 Prozent der Teilnehmenden geben an, keinerlei Investitionen zu tätigen. An den Investitionsmotiven ändert sich hingegen nichts: Ersatzbedarf nennen 62 Prozent der investierenden Unternehmen, Digitalisierung 59 Prozent, Produkt- und Verfahrensinnovation 39 Prozent und Rationalisierung 38 Prozent. Eine Kapazitätserweiterung planen lediglich 18 Prozent. Die Auftragslage ist zu gering, um Kapazitäten erweitern zu müssen. Als Grund für ihre Zurückhaltung nennen Unternehmen vor allem fehlende Planbarkeit. Wo investiert wird, geht es um künstliche Intelligenz, IT- und Cybersicherheit sowie Gebäudeinstandhaltung. Gleichzeitig werden Investitionen auch ins Ausland verlagert, da die Standortkosten vor Ort nicht kompetitiv genug sind.
Gründe für die schwache Investitionsbereitschaft finden sich bei den Geschäftsrisiken. Unter diesen steht die schwache Inlandsnachfrage mit 65 Prozent der Nennungen unverändert an erster Stelle. Es mangelt vor allem an der privaten Konsumbereitschaft, welche auch durch den Staatskonsum nicht aufgefangen werden kann. Dienstleister berichten zudem, dass knappe Kommunalfinanzen öffentliche Aufträge bremsen. Auf Platz zwei folgen die Arbeitskosten mit 55 Prozent; die Betriebe verweisen auf eine hohe Last durch Abgaben und Sozialbeiträge sowie auf den zu Jahresbeginn gestiegenen Mindestlohn. Auch die Energiepreise stellen für mehr als die Hälfte der Unternehmen ein Risiko dar. Der Tankrabatt dürfte hier nur wenig Abhilfe schaffen. Und auch in Hinblick auf den Winter werden bezahlbare Gaspreise für Unternehmen wichtig sein. Die Top drei Geschäftsrisiken zeigen, dass der Wirtschaftsaufschwung nicht auf eine Verbesserung der Standortfaktoren zurückzuführen ist. Die hohen Kosten senken die Attraktivität der Region und bremsen Investitionen sowie Neuansiedlungen von Unternehmen.
Spürbar zurückgegangen ist die Sorge um geopolitische Spannungen, auch wenn sie von knapp der Hälfte der Unternehmen genannt wird. Ihr Anteil sinkt um 6 Prozentpunkte auf 48 Prozent, auch die Lieferkettenengpässe werden mit 17 Prozent seltener genannt als im Frühsommer. Das passt zu den gestiegenen Exporterwartungen. Der Fachkräftemangel bleibt mit 30 Prozent nahezu unverändert. Dass er trotz steigender Arbeitslosigkeit genannt wird, ist angesichts des Strukturwandels kein Widerspruch: Gesucht werden andere Profile als die, die freigesetzt werden. Fachkräfte werden aber auch in Zeiten des Stellenabbaus benötigt. Die Finanzierung nennen unverändert 15 Prozent; die zweite Zinserhöhung der Europäischen Zentralbank in diesem Jahr schlägt sich im Indikator bislang kaum wieder. Die wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen bleiben mit 39 Prozent ein Dauerthema. Viele Stuttgarter Unternehmen beklagen die überbordende Bürokratie, da diese Ressourcen und Arbeit bindet. Konkret nennen die Betriebe langwierige Genehmigungsprozesse, Reformstau, und Bauvorschriften. Der Indikator erklärt damit keine Bewegung, wohl aber das anhaltend hohe Niveau der Unzufriedenheit.
Auf dem Arbeitsmarkt kommt die bessere Stimmung nicht an. Die Beschäftigungsabsichten passen zu den hohen Standortkosten und den zurückhaltenden Investitionen. 29 Prozent der Unternehmen rechnen in den kommenden zwölf Monaten mit einem Rückgang der Beschäftigtenzahl, nur 12 Prozent mit mehr. Der Beschäftigungssaldo bleibt mit minus 17 Punkten praktisch auf dem Niveau des Frühsommers und liegt unter dem Landeswert von minus 13 Punkten. Dahinter steht vor allem der strukturelle Stellenabbau im Automobilcluster. In der Region Stuttgart waren im September 84.718 Menschen arbeitslos, saisonüblich weniger als im August, aber 2,8 Prozent mehr als vor einem Jahr. Der Anstieg betrifft vor allem Menschen, die erst kürzlich ihre Stelle verloren haben: In der Arbeitslosenversicherung liegt die Zahl um 9,7 Prozent über dem Vorjahr, in der Grundsicherung dagegen um 2,5 Prozent darunter. Im Bezirk der Agentur für Arbeit Stuttgart werden weniger Stellen in IT- und fertigungstechnischen Berufen gemeldet, in Fertigungsberufen dagegen mehr.
Die Industrie meldet den kräftigsten Stimmungsumschwung aller Branchen. Die Industrie profitiert vom Auslandsumsatz. Betriebe mit Kunden im Verteidigungssektor berichten zudem von staatlichen Aufträgen. Der Lageindikator steigt stark um 19 Punkte von minus 14 auf plus 6 Punkte und liegt erstmals seit dem Jahresbeginn 2024 wieder im positiven Bereich. Die Industrie trägt somit den Aufwind dieses Herbstes. 32 Prozent der Betriebe sind mit ihren Geschäften zufrieden. Die Erwartungen legen deutlich auf plus 16 Punkte zu, die Exporterwartungen auf plus 21 Punkte. Beim Personal bleibt es dagegen beim Abbau: Der Beschäftigungssaldo verharrt bei minus 27 Punkten und liegt klar unter dem Landeswert von minus 18 Punkten.
Im Baugewerbe laufen Umsatz und Ertrag auseinander. Der Umsatzsaldo dreht kräftig ins Plus, die Ertragslage verschlechtert sich dagegen deutlich auf minus 34 Punkte. Die Geschäftslage bleibt mit minus 10 Punkten auf dem Niveau des Frühsommers. Investitions- und Beschäftigungspläne, die im Frühsommer noch knapp über der Nulllinie lagen, kühlen spürbar ab. Der Wohnungsbau nimmt nicht an Fahrt auf. Das staatliche Sondervermögen kommt nur sehr langsam im Tiefbau an. Steigende Zinssätze verteuern Bauvorhaben und lassen Investoren abwarten.
Der Handel zeigt zwei Gesichter. Im Großhandel steigt der Lageindikator stark um 19 Punkte auf minus 12 Punkte. Die Umsatz- und Auftragseingangsindikatoren legen kräftig zu. Das liegt vor allem an der Industrie, welche vom produktionsverbindenden Großhandel bedient wird. Der Einzelhandel hat weiterhin mit einer schwachen Lage von minus 18 Punkten zu kämpfen, die Geschäftserwartungen steigen von minus 38 auf minus 21 Punkte, sind somit überwiegend negativ. Drei Viertel der Händler erleben ihre Kundschaft weiterhin als kaufzurückhaltend.
Das Hotel- und Gastronomiegewerbe bleibt das Schlusslicht der regionalen Wirtschaft. Die Lage verschlechtert sich moderat auf minus 34 Punkte, 43 Prozent der Betriebe bewerten sie als schlecht. Im Land liegt die Branche dagegen leicht im Plus. Das Gastgewerbe der Region Stuttgart ist stärker von Geschäftsreisen abhängig. Doch gerade an diesen wird derzeit gespart. Übernachtungen und Restaurantbesuche bleiben vermehrt aus. Die Wirtschaftspolitik wird mit 57 Prozent der Nennungen zum einem der Top-Geschäftsrisiken, nach 33 Prozent im Frühsommer.
Das Verkehrsgewerbe erholt sich kräftig vom Einbruch des Frühsommers. Der Lageindikator steigt stark um 16 Punkte auf 0 Punkte, der Umsatzsaldo springt von minus 47 auf plus 2 Punkte. Die Zukunftsaussichten bleiben mit minus 19 Punkten aber eingetrübt. Hauptrisiko der Branche bleiben die hohen Energiekosten. Doch auch der Fachkräftemangel gefährdet jedes zweite Unternehmen.
Die Dienstleisterbranche (ohne Handel) hält ihre Lage mit plus 13 Punkten auf dem Niveau des Frühsommers und bleibt unter dem Landeswert von plus 20 Punkten. Die Finanzdienstleister bauen ihre Sonderstellung mit plus 50 Punkten aus, die ITK-Dienstleister melden dagegen einen massiven Einbruch.