Integration Geflüchteter in Arbeitsmarkt

Land und Wirtschaft treffen Vorsorge für steigende Nachfrage

Bei der Vorstellung der gemeinsamen Initiative von Politik, Arbeitsagenturen, Handwerkskammern sowie Industrie- und Handelskammern in Schleswig-Holstein, geflüchteten Menschen aus der Ukraine einen Einstieg in den hiesigen Arbeitsmarkt zu erleichtern, wurde auch der neue Online-Service der IHK vorgestellt. Dieser ermöglicht es Unternehmen, freie Arbeitsplätze unkompliziert an die IHK zu übermitteln.
Die erste Welle von Geflüchteten aus der Ukraine wirkt sich in Schleswig-Holstein bislang noch nicht auf den Arbeitsmarkt aus. Nach Angaben von Arbeitsstaatssekretär Dr. Thilo Rohlfs und Margit Haupt-Koopmann, Geschäftsführerin der Regionaldirektion Nord der Bundesagentur für Arbeit (BA), wurden bis jetzt rund 11.000 Menschen aus der Ukraine registriert – größtenteils Frauen und Kinder. Aktuell haben sich 42 Ukrainerinnen und sechs Ukrainer als arbeitssuchend gemeldet. 89 Schülerinnen und Schüler aus dem Kriegsgebiet sind an den Beruflichen Schulen registriert, weitere 49 werden erwartet. Nur die Hälfte aller nach Schleswig-Holstein Geflüchteten – darunter viele unbegleitete Minderjährige – sind älter als 21 Jahre.
„Diese Zahlen zeigen, dass vor allem Frauen, die mit ihren Kindern den russischen Bombenangriffen und Kugeln entkommen sind, verständlicherweise andere Sorgen haben, als sich rasch eine Arbeitsstelle zu suchen oder einen Sprachkurs zu belegen“, sagte Rohlfs heute (6. April) in Kiel. Viele würden auf eine schnelle Heimkehr hoffen. Land und BA hätten sich in einem ersten Schritt zunächst bemüht, den Geflüchteten Orientierung zu geben und sie beispielsweise in den Ankunftszentren mit wichtigen Informationen in ihrer Muttersprache versorgt. Rohlfs: „Die Menschen müssen registriert und medizinisch versorgt werden, eine Unterkunft finden und dann vielleicht, nachdem die Kinderbetreuung geregelt ist, unsere Sprache lernen. Erst danach kommt eventuell der Wunsch, zu arbeiten.“ Landesregierung und Bundesregierung gehen allerdings davon aus, dass das Interesse an einer Arbeitsaufnahme in den kommenden Wochen und Monaten sich deutlich erhöhen wird. Dafür würden Bund und Land derzeit alle Vorkehrungen treffen. 
BA-Regionalchefin Haupt-Koopmann unterstrich: „Es dürfte für uns alle selbstverständlich sein, dass für die Geflüchteten zunächst humanitäre Hilfen – von der Wohnmöglichkeit bis hin zur medizinischen Betreuung – im Vordergrund stehen, da vor allem Frauen, Kinder und ältere Menschen Schutz und Sicherheit in Schleswig-Holstein suchen. Diejenigen, die schon jetzt eine Beschäftigung aufnehmen möchten, können alle Informations- und Beratungsangebote der Arbeitsagenturen nutzen. So haben wir nicht nur eine bundesweite ukrainisch- und russischsprachige Info-Hotline eingerichtet, sondern auch auf unserer Homepage stehen alle Infos in diesen Sprachen zur Verfügung.“ 
Sie betonte darüber hinaus: „Eines ist mir angesichts des – im internationalen Vergleich – hohen Qualifikationsniveaus der ukrainischen Bevölkerung sehr wichtig: Wir informieren die Geflüchteten nicht nur frühzeitig und umfassend über unsere Angebote und Leistungen, sondern wir wollen sie grundsätzlich ausbildungsadäquat beraten und vermitteln, damit erworbene Qualifikationen nicht verloren gehen. Das sage ich auch mit Blick auf die vielen geflüchteten Frauen, die besonders qualifiziert sind. Dabei sind wir allerdings auf ein ausreichendes Angebot an Sprachkursen und Kinderbetreuungsplätzen angewiesen, ohne die eine nachhaltige Integration in den Arbeitsmarkt kaum möglich sein wird.“
Im Schulterschluss mit der Handwerkskammer hat unterdessen die Industrie- und Handelskammer Schleswig-Holstein für Arbeitssuchende bereits ein Online-Portal entwickelt. Über ein Online-Formular (siehe unten) können Arbeitssuchende und Unternehmen zusammengebracht werden. Nach den Worten von IHK-Präsident Hagen Goldbeck sei dies ein niederschwelliges Angebot an Unternehmen, freie Arbeitsplätze für Geflüchtete zu melden: „Eine Arbeitserlaubnis ist noch kein Arbeitsplatz. Über unseren Online-Service können Unternehmen ein erstes, grundsätzliches Signal geben, dass sie geflüchteten Menschen einen Arbeitsplatz anbieten könnten. Die IHKs und HWKs fungieren in diesem Fall als Schnittstelle zu den Arbeitsagenturen. Vor Weitergabe der Daten führen wir eine Plausibilitätsprüfung der Angaben durch und erleichtern damit den Arbeitsagenturen die Vermittlungsarbeit“, so Goldbeck.
Andreas Katschke, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Schleswig-Holstein, erinnerte daran, dass sich das Handwerk in den letzten Jahren mit großem Engagement der Aufgabe gestellt hätte, Geflüchtete zu unterstützen und zu integrieren. „Unsere Betriebe möchten auch jetzt helfen und anpacken. Ich bin sehr beeindruckt davon, wie viele Handwerkerinnen und Handwerker unmittelbare humanitäre Hilfe leisten, zum Beispiel, indem sie Hilfsaktionen organisieren oder sich für Geflüchtete in ihren Gemeinden einsetzen. In Zukunft werden aber auch Beschäftigungsangebote immer wichtiger. Das Handwerk kann und will hier echte Perspektiven bieten“, so Katschke.
Auch Wirtschafts- und Arbeitsstaatssekretär Rohlfs dankte der großen Hilfsbereitschaft seitens der Betriebe, aber auch großer Teile der Bevölkerung. Er machte zugleich deutlich, dass sich die Initiative der Wirtschaft vor allem dann zu einer Erfolgsgeschichte entwickeln werde, wenn peinlichst genau darauf geachtet werde, dass sich kein Geflüchteter „unter Wert verkaufen" müsse. Er verwies zudem auf die umfangreichen Angebote der Beratungsnetzwerke „Alle an Bord“ und „Mehr Land in Sicht“: „Unsere Angebote stehen – und sind für alle Interessierten zudem online und auch auf Ukrainisch erreichbar“, so Rohlfs.
Veröffentlicht am 6. April 2022