ihk-magazine online
Nr. 7190850
2 min Lesezeit

Wirtschaftsfaktor Sicherheit: Rüstungscluster lotet Potenziale aus

Der gemeinsame Industrie-Dialog von IHK und dem Industriellen Arbeitgeberverband IAV stand im September unter dem Thema „Industrie und Verteidigung: Treiber, Technologien, Perspektiven“. Referent war Dr. Joachim Algermissen, der bei den Unternehmerverbänden Niedersachsen (UVN) das Rüstungscluster des Landes Niedersachsen leitet. Wir haben bei ihm nachgefragt.
_ Herr Dr. Algermissen, warum hat das Land ein Rüstungscluster initiiert?
Weil die Nachfrage da ist, aber nicht automatisch bei unseren Unternehmen ankommt. Deutschland gibt 2026 rund 108 Mrd. Euro für Verteidigung aus, bis 2030 sollen es rund 180 Milliarden sein. Niedersachsen hat dafür eine starke industrielle Basis. Viele Mittelständler könnten mit ihren zivilen Kompetenzen sofort liefern. Aber sie kennen die Auftraggeber nicht. Auch die Spielregeln sind andere. Oft muss man die erst lernen. Deshalb informieren wir und schaffen Räume zum Austausch zwischen Akteuren mit unterschiedlichen Erfahrungsniveaus.
_ Die Ausrichtung der Bundeswehr wird oft zugespitzt auf „Old Defence“ und „New Defence“. Wo liegen die Chancen für Unternehmen?
„Old Defence“ steht für klassische Großsysteme, „New Defence“ für software-getriebene Technologien wie Drohnen, Sensorik oder KI. Entscheidend ist, was dahinter passiert: Entwicklungszyklen, die früher Jahrzehnte dauerten, schrumpfen auf Monate – das öffnet den Markt für unbekanntere Akteure. Wer zivile Kompetenz in Sensorik, Robotik, Fertigung oder IT mitbringt, ist nicht Lücken

füller, sondern Innovationstreiber. Auch Infrastruktur wird gestärkt, das öffnet Bau-, Logistik- und IT-Betrieben die Tür.
_ Oft hört man, man muss „gelistet sein“. Was heißt das und wo liegen die größten Herausforderungen beim Einstieg?
„Gelistet sein“ meint kein einzelnes Verzeichnis. Die Bundeswehr führt keine Lieferantenliste, Initiativangebote zählen nicht. Relevant sind die Listen der NATO-Beschaffungsagenturen und großen Systemhäuser. Die Hürden sind hoch: Qualitätsnachweise nach NATO-Standard, Geheimschutz, Sicherheitsüberprüfungen, Exportkontrollen und öffentliches Preisrecht. Für den Mittelstand führt der Weg oft indirekt über bestehende Zulieferer. Deshalb ist Vernetzung bereits vor der Ausschreibung entscheidend.
_ Wo bekommen Unternehmen dabei Unterstützung?
Orientierung bietet etwa die Bundeswehr-Broschüre ‚Auftraggeber Bundeswehr‘. Ihre IHK bündelt Infos und Anlaufstellen auf ihrer Website. Entscheidend ist aber das Netzwerk. Genau da setzt unser Rüstungscluster mit über 600 Akteuren an: Wir treffen uns monatlich in Betrieben, mit verschiedenen Austauschformen wie dem Marktplatz-Format, bei dem wir Unternehmen KI-gestützt in bilaterale Gespräche matchen – zuletzt in Lingen mit 87 Unternehmen.
Jens Mußmann
Hauptgeschäftsführung
Projektleiter Qualitätsmanagement, Projektmanagement, Sicherheit und Verteidigung