Starke Töchter, gelingende Nachfolge

Obwohl Frauen immer häufiger unternehmerisches Interesse zeigen, ist ihr Anteil an Unternehmensnachfolgen gering. Dabei könnten gerade sie die entscheidende Rolle spielen, um die wachsende Nachfolgelücke im Mittelstand zu schließen. Beispiele aus der Region zeigen: Wenn Frauen in Familienunternehmen das Steuer übernehmen, bringen sie nicht nur neue Perspektiven ein, sondern gestalten aktiv die Zukunft der Betriebe mit.
Familienunternehmen machen über 90 Prozent aller deutschen Unternehmen aus und sichern mehr als die Hälfte der Arbeitsplätze. Sie stehen für langfristiges Denken, Verantwortung und regionale Verbundenheit. Doch die Unternehmensnachfolge wird zunehmend zur Herausforderung: Laut DIHK-Report 2025 wollen so viele Inhaberinnen und Inhaber wie nie zuvor ihr Unternehmen übergeben, während die Zahl potenzieller Nachfolgerinnen und Nachfolger stark sinkt – mehr als die Hälfte aller Nachfolgesuchen droht zu scheitern. Frauen könnten helfen, die Nachfolgelücke zu schließen: Ihr Anteil an Gründungsberatungen liegt bei über 40 Prozent, doch nur rund ein Viertel interessiert sich derzeit für eine Unternehmensübernahme.

„Ich bin quasi im Familienbetrieb aufgewachsen"

Ein Beispiel für eine Nachfolge aus der Familie liefert das Autohaus Lienesch in Wallenhorst. Seit Juli 2025 steht mit Lisa Lienesch die dritte Generation an der Spitze des Familienunternehmens – gemeinsam mit ihrem Vater Carsten. Die 20-jährige Automobilkauffrau und angehende Betriebswirtin im Kfz-Gewerbe sagt: „Ich bin quasi im Familienbetrieb aufgewachsen und habe schon als Kind immer wieder mal mitgeholfen. Nach dem Schulabschluss war deshalb für mich klar: Ich möchte auf den Chefsessel.“
Carsten Lienesch hatte den Betrieb selbst mit 23 Jahren von seinem Vater übernommen. „Damals habe ich Bestehendes behutsam verändert und neue Ideen eingebracht“, erinnert er sich. Heute lautet das Motto von Vater und Tochter: „Bewährte Strukturen bleiben, Neues findet seinen Platz.“ So setzt das Autohaus beispielsweise verstärkt auf digitale Kanäle. Carsten Lienesch freut sich über die neuen Impulse, die seine Tochter im Autohaus setzt. Hierfür gibt er ihr den Raum und betont: „Man muss Aufgaben und Verantwortung abgeben, damit Nachfolgende ihren eigenen Weg gehen können.“

Der Anspruch: „Die Zukunft gestalten“

Zukunft gestalten – das ist auch der Anspruch von Eva Borgmann. Ab dem 1. Januar 2026 wird sie offiziell die Geschäftsführung der Hölscher Wasserbau GmbH in Haren (Ems) ergänzen und die Tradition und Innovationskraft des Unternehmens weiter vorantreiben. „Hölscher hat sich seit 65 Jahren kontinuierlich weiterentwickelt. Veränderung ist für uns nicht neu und hat uns viel Positives gebracht. Ohne Veränderung wären wir als Unternehmen heute nicht da, wo wir sind“, betont die 30-Jährige. Auch aktuell sei das Unternehmen dabei, sich zu verändern und weiterzuentwickeln: „Ich freue mich darauf, diesen Weg in die Zukunft gemeinsam mit allen Kolleginnen und Kollegen zu gehen“, sagt Eva Borgmann
Im Gegensatz zu vielen Familienunternehmen hat sie dabei ein weibliches Vorbild: Ihre Mutter Maria Borgmann, die seit 2004 gemeinsam mit ihrem Bruder Heinz Hölscher die Geschäfte des emsländischen Unternehmens lenkt und seit 2023 die Vizepräsidentin unserer IHK Osnabrück - Emsland - Grafschaft Bentheim ist. Seit dem Vorjahr wird das Geschäftsführungsteam bei Hölscher Wasserbau zusätzlich durch Jens Klompmaker ergänzt. Ende 2025, so die Planung, übergibt Maria Borgmann das Steuer dann an ihre Tochter – und begleitet das Unternehmen künftig aus dem Beirat heraus.

Gut vorbereitet in die Führung

Ein erfolgreicher Nachfolgeprozess ist häufig entscheidend für den Fortbestand eines Unternehmens. Schließlich werden hier die Weichen für die zukünftige Unternehmensausrichtung gestellt und – besonders bei Übergaben innerhalb der Familie – die Nachfolgerinnen und Nachfolger auf ihre Führungsrolle vorbereitet. Auch die Außenwirkung ist nicht zu unterschätzen: Studien zeigen, dass Familienunternehmen meist ein höheres Ansehen genießen. Eine interne Nachfolge signalisiert Kontinuität und stärkt das Vertrauen in das Unternehmen und seine Produkte.
Genau wie bei Lisa Lienesch war für Eva Borgmann das Familienunternehmen immer ein Teil ihres Lebens. „Wir haben schon früh in der ganzen Familie Workshops und Teambuilding-Aktivitäten gemacht und uns dort eben auch mit der Firma beschäftigt. So hatten wir früh die Gelegenheit, Fragen zu stellen, Herausforderungen zu verstehen oder auch inhaltlich einen Einblick zu bekommen“, berichtet Borgmann. Nach ihrer Ausbildung und dem anschließenden dualen Studium war es ihr wichtig, zunächst eigene berufliche Erfahrungen zu sammeln. „Erst als wir anfingen, im Familienkreis über Nachfolge zu sprechen und daran zu arbeiten, habe ich meinen bisherigen beruflichen Weg mit der Nachfolge bei Hölscher zusammengebracht“, erzählt sie.

Die Nachfolgeplanung ist im Wandel

Insgesamt hat sich die Realität der Nachfolgeplanung in Familienunternehmen jedoch gewandelt. Während früher oft schon im Kindesalter klar war, wer das Steuer übernimmt, ist dies im 21. Jahrhundert nicht mehr selbstverständlich. Junge Erwachsene legen heute großen Wert auf Selbstbestimmung, Mobilität und persönliche Entfaltung. Viele Kinder von Unternehmerinnen und Unternehmern gehen nach Ausbildung oder Studium zunächst eigene Wege – manchmal weit entfernt vom Heimatort und vom Familienbetrieb. Die Bindung ans Unternehmen wird dadurch schwieriger, und die Entscheidung für eine Nachfolge wird zu einem bewussten, oft komplexen Schritt.

Generationenwechsel oft männlich geprägt

In vielen Familienunternehmen bleibt der Generationenwechsel zudem männlich geprägt. Laut einer Studie der Stiftung Familienunternehmen werden Söhne noch immer bevorzugt. Töchter hingegen ziehen häufiger eine Karriere in anderen Unternehmen in Betracht und schätzen ihre Chancen auf die Geschäftsführung des eigenen Familienbetriebs geringer ein. In den letzten zehn Jahren lag der Anteil weiblicher Nachfolger in Deutschland konstant zwischen 21 und 23 % – zuletzt sank er wieder auf 21 %.
Auch im Management spiegelt sich diese Diskrepanz wider. Von den rund 3,84 Mio. mittelständischen Unternehmen in Deutschland wurden 2024 nur 14,3 % von Frauen geführt. In den 1 000 größten deutschen Familienunternehmen liegt der Anteil weiblicher CEOs sogar unter 5 % – überraschend angesichts internationaler Forschungsergebnisse: Divers besetzte Führungsteams treffen bessere Entscheidungen, gerade in flachen Hierarchien, wie sie für Familienunternehmen typisch sind.
Positiv sieht Eva Borgmann auch die Zusammenarbeit von ­verschiedenen Generationen in einem Unternehmen. „Durch die Vermischung von Generationen machen wir vor, wie es auch an anderen Stellen im Unternehmen laufen sollte: Wissen wird weitergegeben, Erfahrungen geteilt. Zugleich kommen neue ­Impulse und Fragestellungen hinzu. Wir sind überzeugt, dass gemischte Teams die besten Teams sind. Dies leben wir damit auch konsequent in der Unternehmensführung vor“, erläutert die Emsländerin.

Einladung: „Frauen-Business-Tage“ am 13./14. November in der IHK

Was ist notwendig, damit mehr Frauen die Nachfolge übernehmen? Insbesondere deren frühe Einbeziehung in den Nachfolgeprozess, sagt eine Studie vom Verband deutscher Unternehmerinnen (VdU). Wichtig sei es, Frauen die gleichen Chancen wie männlichen Nachfolgern einzuräumen. Zugleich spiele die Sichtbarkeit erfolgreicher Nachfolgerinnen und die Vernetzung untereinander eine wichtige Rolle. Denn: Vorbilder motivieren andere Frauen.
Unsere IHK bietet speziell für Führungskräfte größerer Unternehmen das Netzwerk „Business Women IHK“ an, dass Frauen in Führung miteinander ins Gespräch bringt. Einen Austausch bietet zudem das etablierte ­Format der „Frauen-Business-Tage“ in der IHK, zu denen unsere IHK am 13./14. November einlädt. Ob Nachfolgerinnen, Teamleiterinnen, Unternehmerinnen oder Selbstständige: Das Format lebt davon, dass sich Frauen unterschiedlicher Berufsgruppen, Karrierewege und Altersgruppen vernetzen. Die Teilnahme ist kostenfrei.

Enno Kähler
Unternehmensgründung und -förderung
Projektleiter