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Nr. 6953284
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Im Titelinterview: Eileen Chua, SAP Asia (Singapur)

Was Singapur auszeichnet ist die Zielstrebigkeit
Dynamisches Wirtschaftswachstum findet immer ­seltener in Europa statt. Andere Teile der Welt erleben das anders, vorneweg Asien. Das zeigte zuletzt unsere IHK-Delegationsreise nach Singapur und Kuala Lumpur. In Singapur besuchte die Gruppe den Asia-Stützpunkt des deutschen Unternehmens SAP. Für unser Titel­interview sprachen wir jetzt mit Eileen Chua, Managing Director Singapur von SAP Asia Pte. Ltd. und Board Member der Auslandshandelskammer (AHK) Singapur.
_ Frau Chua, Sie leiten seit sechs Jahren den Singapur-Standort von SAP und verbinden Ihre unternehmerische Erfahrung mit der Arbeit im Netzwerk der AHK Singapur. Was macht den Standort Singapur aus Ihrer Sicht so besonders?
Was Singapur wirklich auszeichnet, ist die Zielstrebigkeit. Das Land wurde über Jahrzehnte so gestaltet, dass es global vernetzt, vertrauenswürdig und zukunftsorientiert ist. Für SAP ist Singapur nicht nur ein Vertriebs- oder Produkt- und Entwicklungsstandort, sondern unser Asien-Pazifik-Hauptquartier, in dem Strategie, Innovation, Zusammenarbeit mit dem öffentlichen Sektor und regionale Umsetzung bewusst zusammenkommen. Singapur hat eine sehr gute Infrastruktur für die Kooperation zwischen Industrie, Regierung und Wissenschaft geschaffen. Unternehmen wie unseres arbeiten eng mit der Regierung an vielen strategischen und politischen Themen, sowohl für Singapur als auch für ASEAN und darüber hinaus.
_ Welche Unterschiede sehen Sie im Vergleich zu deutschen Standorten?
Deutschland und Singapur teilen wichtige Gemeinsamkeiten wie Präzision, Ingenieursdisziplin und langfristiges Denken. Die Unterschiede liegen in Geschwindigkeit und Flexibilität. In Singapur sind regulatorische Rahmenbedingungen klar, pragmatisch und werden kontinuierlich weiterentwickelt, um neue Industrien und Geschäftsmodelle zu unterstützen. Das erleichtert es Unternehmen, in Bereichen wie KI oder neuen digitalen Geschäftsmodellen zu experimentieren oder zu investieren. Die Kosten sind in Singapur hoch, besonders für Fachkräfte und Immobilien. Im Gegenzug erhält man jedoch Stabilität, Verlässlichkeit und einen direkten Zugang zu einer ganzen Wachstumsregion. Deutschland ist stark in Entwicklung und Produktion, während Singapur vor allem durch seine Schnelligkeit und den Zugang zu wachsenden Märkten überzeugt. Für internationale Unternehmen wie SAP ergänzen sich beide Standorte gut. Die enge Partnerschaft Singapurs mit Deutschland und der EU schafft zudem ein verlässliches Umfeld, das unser Wachstum unterstützt.
_ Was könnten deutsche Standorte Ihrer Meinung nach von Singapur lernen?
In Singapur sieht man besonders die enge Zusammenarbeit zwischen Staat und Wirtschaft – und zwar nicht nur in der politischen Planung, sondern ganz konkret in der Umsetzung. Ein gutes Beispiel ist das „Digital Innovation Accelerator“-Programm Singapurs. Dort setzen wir gemeinsam mit dem staatlichen Economic Development Board, das ­Singapur als globalen Standort für Innovation, Technologie und Wachstum positioniert, Künst­liche Intelligenz ein. Damit greifen wir reale Anwendungsfälle aus Unternehmen und Behörden auf und entwickeln sie weiter. Der Ansatz, Pilotprojekte sehr schnell in die praktische Anwendung zu überführen, verkürzt Entscheidungswege und senkt Implementationsrisiken.
_ SAP Asia hat deutsche Wurzeln. Bringt diese Herkunft Stärken im internationalen Wettbewerb?
Das deutsche Erbe von SAP bleibt eine klare Stärke. Wir stehen für technische Präzision, Zuverlässigkeit und eine sehr enge Zusammenarbeit mit unseren Kunden – und genau das schafft weltweit Vertrauen. Gleichzeitig basiert unser Erfolg darauf, dass wir unsere Lösungen an die lokalen Gegebenheiten anpassen. Wichtig ist dabei die Verbindung aus einer starken technischen Grundlage und dem Verständnis dafür, was die Märkte vor Ort wirklich brauchen.
_ Bei unserem Besuch erfuhren wir, dass nicht zuletzt die Investitionen von SAP Singapur zur Drehscheibe für KI im asiatisch-pazifischen Raum gemacht haben. Was waren hier Schwerpunkte?
SAP Labs Singapore hat sich in kurzer Zeit zu einem unserer wichtigsten Standorte für Künstliche Intelligenz in der Asien‑Pazifik‑Region entwickelt. Heute arbeiten dort über 400 Ingenieure, viele davon aus Singapur selbst. Die Teams hier haben zu mehreren KI-bezogenen Patenten und Kerninnovationen beigetragen, was ihr tiefes technisches Können belegt, das auf Erfahrungen mit realen Fällen aus der Unternehmenspraxis basiert. Der Standort ist durch seinen Fokus auf praktische Anwendungen einzigartig im globalen SAP‑Netzwerk. Hier werden Lösungen gemeinsam mit Kunden, Partnern und Behörden entwickelt und in realen Umgebungen erprobt. Erst danach werden sie regional oder weltweit ausgerollt.
_ In Singapur gibt es einen intensiven Wettbewerb um Fach- und Führungskräfte. Wie stellt sich SAP auf, um lokale Talente für sich zu gewinnen?
Ja, der Wettbewerb ist intensiv, und Arbeitnehmer sind heute viel wählerischer. Neben Vergütung und Titel zählen vor allem Vertrauen, Fairness und langfristige Beschäftigungsfähigkeit. SAP ist in Singapur mehrfach von Regierung, Arbeitgeberseite und Gewerkschaften für seine faire und zeitgemäße Arbeitsweisen ausgezeichnet worden. Dahinter steht unser klares Bekenntnis zu Inklusion, flexiblen Arbeitsmodellen und einem verantwortungsvollen Umgang mit unseren Mitarbeitern. SAP bietet zudem die Möglichkeit, an Systemen zu arbeiten, die für Unternehmen und den öffent­lichen Sektor eine zentrale Rolle spielen.
_ Wie sehen Sie als weibliche Führungskraft bei SAP die Situation von Frauen in der Arbeitswelt Singapurs?
Die Diskussion über Frauen in Führungspositionen verändert sich gerade. Immer häufiger geht es nicht mehr um das Geschlecht, sondern darum, Verantwortung zu übernehmen, gute Entscheidungen zu treffen und verlässlich Ergebnisse zu liefern. Gerade in Singapurs Tech-Umfeld zählt am Ende die Leistung – unabhängig vom Geschlecht. Trotzdem ist es wichtig, dass Frauen in Führungsrollen sichtbar sind. Das hilft dabei zu zeigen, dass letztlich Kompetenz und Beitrag zählen und nicht ein bestimmtes Bild davon, wie eine Führungskraft aussehen sollte. Vor allem für junge Menschen am Anfang ihrer Karriere sind Vorbilder wichtig, weil sie zeigen, dass es keinen festen Typ von Führungskraft gibt. Langfristig sollten jedoch Geschlechterfragen keine Rolle mehr spielen, entscheidend sind die Fähigkeiten und die Leistung.
_ Sie engagieren sich seit 2020 als Board Member in der AHK Singapur. Wie profitieren deutsche Unternehmen von der Arbeit der AHK vor Ort?
Deutsche Unternehmen profitieren vor allem davon, schnell Zugang zu relevanten Netzwerken, verlässlichen Marktinformationen und Entscheidungsträgern zu bekommen. Durch Delegationsreisen, Workshops und den engen Austausch mit ­lokalen Experten gelingt es leichter, den Markt einzuordnen und Chancen früh zu erkennen.
_ Die AHK ist u. a. eine Plattform für deutsch-singapurische Netzwerke. Wie wichtig sind solche Netzwerke für Führungskräfte heute noch? Oder spielt nationale Herkunft eine geringe Rolle, empfinden sich die Führungskräfte heute eher als globale Manager?
Netzwerke sind für mich nach wie vor unverzichtbar. Gerade hier in Singapur, wo so viele Kulturen und Branchen zusammenkommen, entsteht durch persönlichen Austausch enormer Mehrwert. Indem man voneinander lernt, können neue Ideen und Lösungen schneller gefunden werden. Gleichzeitig stimme ich zu, dass sich viele Führungskräfte ­heute als globale Manager verstehen, was wichtig ist. Dennoch bleibt lokales Wissen entscheidend, um erfolgreich zu sein. Für mich geht es um beides: eine globale Perspektive und ein tiefes Verständnis für den Markt vor Ort. Genau das ermöglicht die AHK Singapur, indem sie Unternehmen und ­Menschen mit den richtigen Partnern zusammenbringt.
_ Abschließend: Ihr Wunsch für 2026 im Hinblick auf die Zusammenarbeit von Singapur und Deutschland?
Ich wünsche mir, dass wir auch in diesem Jahr viele Unternehmen dabei unterstützen können, neue Märkte zu erschließen und ihre Resilienz zu stärken, sei es durch diversifizierte Lieferketten, digitale Prozesse oder neue Geschäftsmodelle.
Unser Tipp: Ein Langfassung unseres Interviews mit Eileen Chua finden Sie hier: ⁣Im Titelinterview Eileen Chua, AHK Singapur - IHK Osnabrück - Emsland - Grafschaft Bentheim
Filipe Ramalho Martins
Öffentlichkeitsarbeit, Wirtschaftspolitik, International
Projektleiter International