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Nr. 6949908
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Langfassung: Im Titelinterview: Eileen Chua, SAP Asia

Die Langfassung unseres Titelinterviews mit Eileen Chua
Dynamisches Wirtschaftswachstum findet immer seltener in Europa statt, sondern in anderen Teilen der Welt, ganz vorneweg in Asien. Das zeigte die IHK-Delegationsreise nach Singapur und Kuala Lumpur. In Singapur besuchten die Teilnehmer u.a. den Asia-Stützpunkt des deutschen Unternehmens SAP. Wir haben Eileen Chua, Managing Director von SAP Asia Pte. Ltd. und Board Member der AHK Singapur über den Standort Singapur, nicht zuletzt im Vergleich zu Deutschland. Sie ist seit XX Jahren in der AHK aktiv und verbindet unternehmerische Erfahrung mit der Arbeit im Netzwerk der Auslandshandelskammern.
Frau Chua, sie leiten seit sechs Jahren den Singapur-Standort von SAP. Was macht den Standort aus Ihrer Sicht so besonders?
Was Singapur wirklich auszeichnet, ist nicht die Größe, sondern die Zielstrebigkeit. Dieses Land wurde über Jahrzehnte hinweg so gestaltet, dass es global vernetzt, vertrauenswürdig und zukunftsorientiert ist. Für SAP ist Singapur nicht nur ein Vertriebs- oder Produkt- und Entwicklungsstandort, sondern unser Asien-Pazifik-Hauptquartier, in dem Strategie, Innovation, Zusammenarbeit mit dem öffentlichen Sektor und regionale Umsetzung ganz bewusst zusammenkommen. Singapur hat eine sehr gute Infrastruktur für die Kooperation zwischen Industrie, Regierung und Wissenschaft geschaffen. Unternehmen wie unseres arbeiten eng mit der Regierung an vielen strategischen und politischen Themen sowohl für Singapur als auch für ASEAN und darüber hinaus.
Die schnelle Entscheidungsfindung und die rasche Umsetzung von Pilotprojekten in den breiten Einsatz ergeben sich aus der starken Umsetzungsorientierung des Landes. Dadurch entsteht ein Umfeld, in dem Ideen nicht nur Theorie bleiben, sondern getestet, weiterentwickelt und für Industrie, Staat und globale Wirkung skaliert werden. Das ist äußerst wertvoll für ein Unternehmen wie SAP, dessen Aufgabe es ist, Organisationen bei ihren wichtigsten Geschäftsprozessen zu unterstützen.
Welche Unterschiede sehen Sie im Vergleich zu deutschen
Standorten, etwa mit Blick auf Innovation, Bürokratie oder Kosten?
Deutschland und Singapur teilen wichtige Gemeinsamkeiten wie Präzision, Ingenieursdisziplin und langfristiges Denken. Die Unterschiede liegen in Geschwindigkeit und Flexibilität. In Singapur sind regulatorische Rahmenbedingungen klar, pragmatisch und werden kontinuierlich weiterentwickelt, um neue Industrien und Geschäftsmodelle zu unterstützen. Das erleichtert es Unternehmen, in Bereichen wie künstlicher Intelligenz oder neuen digitalen Geschäftsmodellen zu experimentieren oder zu investieren.
Die Kosten sind in Singapur hoch, besonders für Fachkräfte und Immobilien. Im Gegenzug erhält man jedoch Stabilität, Verlässlichkeit und einen direkten Zugang zu einer ganzen Wachstumsregion. Deutschland ist stark in Entwicklung und Produktion, während Singapur vor allem durch seine Schnelligkeit und den Zugang zu wachsenden Märkten überzeugt. Für internationale Unternehmen wie SAP ergänzen sich beide Standorte gut. Die enge Partnerschaft Singapurs mit Deutschland und der EU schafft zudem ein verlässliches Umfeld, das unser Wachstum unterstützt.

Was könnten deutsche Standorte Ihrer Meinung nach von Singapur lernen?
Was man in Singapur besonders gut sehen kann, ist die enge Zusammenarbeit zwischen Staat und Wirtschaft – und zwar nicht nur in der politischen Planung, sondern ganz konkret in der Umsetzung. Ein gutes Beispiel ist das „Digital Innovation Accelerator“-Programm Singapurs, in dem wir gemeinsam mit dem Economic Development Board, der staatlichen Behörde, die Singapur als globalen Standort für Innovation, Technologie und Wachstum positioniert, künstliche Intelligenz einsetzen, um reale Anwendungsfälle aus Unternehmen und Behörden aufzugreifen und weiterzuentwickeln. Dieser Ansatz Pilotprojekte sehr schnell in die praktische Anwendung zu überführen verkürzt Entscheidungswege, senkt Implementationsrisiken und sorgt dafür, dass Neuerungen messbare Ergebnisse bringen, wie etwa Kosteneinsparungen oder höhere Produktivität.
Ein weiterer Punkt ist der Umgang mit Talenten. Singapur zieht bewusst internationale Fachkräfte an und investiert gleichzeitig intensiv in die Weiterbildung der eigenen Bevölkerung – zum Beispiel über ‚SkillsFuture‘, das nationale Weiterbildungsprogramm.
Diese Mischung führt zu einer Vielfalt an Perspektiven und Erfahrungen, die gerade in einem schnelllebigen Technologiebereich enorm wertvoll sind. Und schließlich gibt es in Singapur ein deutliches Bewusstsein dafür, dass sich die Anforderungen an Beschäftigte ständig weiterentwickeln. Weiterbildung wird hier nicht als einmaliges Projekt betrachtet, sondern als dauerhafter Prozess, um mit einer sich wandelnden digitalen Wirtschaft Schritt zu halten.
SAP Asia hat deutsche Wurzeln. Bringt diese Herkunft Stärken im internationalen Wettbewerb? Oder empfindet sich SAP gar nicht mehr als „deutsches“ Unternehmen?
Das deutsche Erbe von SAP bleibt eine klare Stärke. Wir stehen für technische Präzision, Zuverlässigkeit und eine sehr enge Zusammenarbeit mit unseren Kunden und genau das unterscheidet uns vom Wettbewerb und schafft weltweit Vertrauen.
Gleichzeitig basiert unser Erfolg darauf, dass wir eng mit unseren Kunden und Partnern zusammenarbeiten und unsere Lösungen an die lokalen Gegebenheiten anpassen. Wichtig ist dabei die Verbindung aus einer starken technischen Grundlage und dem Verständnis dafür, was die Märkte vor Ort wirklich brauchen. Abschließend lässt sich sagen, dass wir ein weltweit agierendes Unternehmen sind, das stolz auf seine Herkunft ist und auf deutscher technischer Stärke sowie einem tiefen Marktverständnis aufbaut und genau diese Kombination macht uns weltweit zu einem verlässlichen Partner.
Bei unserem Besuch von SAP Asia erfuhren wir, dass nicht zuletzt die Investitionen von SAP Singapur zur Drehscheibe für KI im asiatisch-pazifischen Raum gemacht haben. Was waren hier – in aller Kürze – die Schwerpunkte?
SAP Labs Singapore hat sich in kurzer Zeit zu einem unserer wichtigensten Standort für künstliche Intelligenz und technologische Entwicklung in der Asien‑Pazifik‑Region entwickelt. Heute arbeiten dort über 400 Ingenieurinnen und Ingenieure, viele davon aus Singapur selbst. Die Teams hier haben zu mehreren KI bezogenen Patenten und Kerninnovationen beigetragen, was ihr tiefes technisches Können belegt, das auf Erfahrungen mit realen Fällen aus der Unternehmenspraxis basiert.
Der Standort ist durch seinen klaren Fokus auf praktische Anwendungen einzigartig im globalen SAP‑Netzwerk. Hier werden Lösungen gemeinsam mit Kunden, Partnern und Behörden entwickelt und direkt in realen Umgebungen erprobt. Erst danach werden sie regional oder weltweit ausgerollt. Diese enge Verbindung aus technischer Entwicklung, der Zusammenarbeit mit Partnern vor Ort und greifbaren Ergebnissen ist der Grund dafür, dass SAP Labs Singapore heute eine zentrale Rolle als KI‑Standort innerhalb unseres weltweiten Netzwerks einnimmt.
In Singapur ist der Wettbewerb um Fach- und Führungskräfte heftig. Wie stellt sich SAP auf, um lokale Talente für sich zu gewinnen?
Der Wettbewerb um Talente ist in Singapur intensiv, und Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen sind heute viel wählerischer bei der Wahl ihres Arbeitgebers. Neben Vergütung und Titel zählen vor allem Vertrauen, Fairness und langfristige Beschäftigungsfähigkeit.
SAP ist in Singapur mehrfach von Regierung, Arbeitgeberseite und Gewerkschaften für seine faire und zeitgemäße Arbeitsweisen ausgezeichnet worden. Dahinter steht unser klares Bekenntnis zu Inklusion, flexiblen Arbeitsmodellen und einem verantwortungsvollen Umgang mit unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Gerade in unserer dynamischen Branche ist das für die Mitarbeitenden besonders wichtig.
SAP bietet zudem die Möglichkeit, an Systemen zu arbeiten, die für Unternehmen und den öffentlichen Sektor eine zentrale Rolle spielen, und sich gleichzeitig in Themen wie Cloud und künstlicher Intelligenz weiterzubilden. In Kombination mit klaren Entwicklungsmöglichkeiten, internen Wechseloptionen und einer wertebasierten Kultur entsteht ein Umfeld, das viele Fachkräfte anspricht, die nach mehr als nur einer Stelle suchen, nämlich einem Ort für langfristige Entwicklung.
Wie sehen Sie als weibliche Führungskraft bei SAP die Situation von Frauen in der Arbeitswelt Singapurs, insbesondere in männerdominierten Branchen wie der Tech-Branche?
Die Diskussion über Frauen in Führungspositionen verändert sich gerade. Immer häufiger geht es nicht mehr um das Geschlecht, sondern darum, Verantwortung zu übernehmen, gute Entscheidungen zu treffen und verlässlich Ergebnisse zu liefern. Gerade in Singapurs Tech Umfeld zählt am Ende die Leistung – unabhängig davon, ob man eine Frau oder ein Mann ist.
Trotzdem ist es wichtig, dass Frauen in Führungsrollen sichtbar sind. Das hilft dabei zu zeigen, dass letztlich Kompetenz und Beitrag zählen und nicht ein bestimmtes Bild davon, wie eine Führungskraft aussehen sollte. Vor allem für junge Menschen am Anfang ihrer Karriere sind Vorbilder wichtig, weil sie zeigen, dass es keinen festen Typ von Führungskraft gibt. Langfristig sollten jedoch Geschlechterfragen dabei keine Rolle mehr spielen, entscheidend sind die Fähigkeiten und die Leistung.
Sie engagieren sich seit 2021 als Board Member in der AHK Singapur. Wie profitieren deutsche Unternehmen von der Arbeit der AHK vor Ort?
Deutsche Unternehmen profitieren vor allem davon, schnell Zugang zu relevanten Netzwerken, verlässlichen Marktinformationen und Entscheidungsträgern zu bekommen. Durch Delegationsreisen, Workshops und den engen Austausch mit lokalen Expertinnen und Experten gelingt es leichter, den Markt einzuordnen und Chancen früh zu erkennen. Das hilft Unternehmen dabei, ihre nächsten Schritte klarer zu planen und ihre Aktivitäten in Singapur und der Region gezielt weiterzuentwickeln.
Mit welchen Projekten unterstützt die AHK deutsche Unternehmen in Singapur aktuell besonders?
Die AHK setzt sich mit praxisnahen Formaten dafür ein, Unternehmen bei Innovation und Marktzugang zu unterstützen etwa mit der kommenden Smart City Innovation Tour im März 2026 und der Digital Purchasing Initiative im Sommer 2026, bei der Singapur erstmals dabei ist.
Bei der Smart City Innovation Tour geht es darum, voneinander zu lernen: Deutsche Unternehmen erhalten Einblicke in Singapurs Ansatz für Smart-City-Entwicklungen und Best-Practice-Beispiele, um ihre eigene Innovationskraft auszubauen.
Die Digital Purchasing Initiative bietet eine einmalige Gelegenheit, das enorme Potenzial Südostasiens als Beschaffungsregion kennenzulernen und neue Lieferanten zu treffen.
Beide Projekte schaffen konkrete Kontakte, Einblicke und strategische Partnerschaften, stärken Lieferketten und eröffnen neue Chancen in der Region.
Die AHK ist u.a. eine Plattform für deutsch-singapurische Netzwerke. Wie wichtig sind solche Netzwerke für Führungskräfte heute noch? Oder spielt nationale Herkunft eine geringe Rolle, empfinden sich die Führungskräfte heute eher als globale Manager?
Netzwerke sind für mich nach wie vor unverzichtbar. Gerade hier in Singapur, wo so viele Kulturen und Branchen zusammenkommen, entsteht durch persönlichen Austausch enormer Mehrwert, indem man voneinander lernt, können neue Ideen und Lösungen schneller gefunden werden. Gleichzeitig stimme ich zu, dass sich viele Führungskräfte heute als globale Manager verstehen, was wichtig ist. Dennoch bleibt lokales Wissen entscheidend, um erfolgreich zu sein. Für mich geht es um beides: eine globale Perspektive und ein tiefes Verständnis für den Markt vor Ort. Genau das ermöglicht die AHK Singapur, indem sie Unternehmen und Menschen mit den richtigen Partnern zusammenbringt.

Abschließend: Ihr Wunsch für 2026 im Hinblick auf die Zusammenarbeit von Singapur und Deutschland?
Ich wünsche mir, dass wir auch in diesem Jahr viele Unternehmen dabei unterstützen können, neue Märkte zu erschließen und ihre Resilienz zu stärken sei es durch diversifizierte Lieferketten, digitale Prozesse oder neue Geschäftsmodelle. Gerade in wirtschaftlich angespannten Zeiten ist das entscheidend. Deutschland bringt enorme technologische Stärke und kreative Lösungen mit, und mir persönlich liegt es sehr am Herzen, die Zusammenarbeit bei Digitalisierung und zukunftsorientierten Projekten weiter auszubauen.
Filipe Ramalho Martins
Öffentlichkeitsarbeit, Wirtschaftspolitik, International
Projektleiter International