die WIRTSCHAFT | Das Magazin
Nr. 6951702
9 min Lesezeit
leitartikel

Netze und Stromversorgungssicherheit

Was ist ebenso wichtig wie bezahlbarer Strom? Strom der zuverlässig zur Verfügung steht. Als Verteilnetzbetreiber ist die Stadtwerk am See GmbH & Co. KG in Friedrichshafen für die Stromversorgungssicherheit verantwortlich.
„Die Energiewende führt aktuell nicht zu einer Erhöhung unserer Stromausfallzeiten“, konstatiert Benjamin Röhm, Leiter der Stromnetze, angesichts der jährlich ermittelten Ausfallzeiten. In den vergangenen zehn Jahren lagen diese beim Stadtwerk am See zwischen 3,5 und acht Ausfallminuten pro Hausanschluss, inklusive geplanter Abschaltungen für Reparaturen und Zählerwechsel – das ist deutlich weniger als der bundesdeutsche Durchschnitt von zehn bis 13 Minuten. „Wir investieren viel in Wartung und Diagnostik, um unsere Anlagen möglichst lange störungsfrei zu betreiben, sie aber zu ersetzen, bevor sie ausfallen“, erklärt Röhm. Weil Messequipment zur Diagnostik teuer ist und um die Expertise im eigenen Haus zu halten, geht das Stadtwerk am See in diesem Bereich eine standortübergreifende Kooperation mit den Stadtwerken Konstanz ein.

Fünffache Erhöhung des Strombezugs

Einwandfrei laufende Netze werden in Zukunft immer wichtiger. „Allein für Baden-Württemberg ist laut Fraunhoferinstitut eine drei- bis fünffache Erhöhung des Strombezugs für das Jahr 2045 zu erwarten“, so Röhm. Die größten Zuwächse im Stromnetz sieht er bei der Heizenergie sowie bei der Mobilitätswende. Gleichzeitig wird bei Photovoltaikanlagen bis zum Jahr 2045 eine Verachtfachung der installierten Leistung erwartet. Röhms Fazit: „Der Umbau der Stromnetze ist ein Prozess, der niemals enden wird.“ Weg von reinen PV-Freiflächenanlagen gehe der Trend zu großen Batteriespeichern. Hier könnten sehr hohe Renditen erzielt werden, entsprechend groß sei der Ansturm: „Die Vielzahl von Anfragen bindet unsere Personalkapazitäten und führt zur Verzögerung des Netzausbaus.“ Weil hinter vielen Anfragen jedoch keine ernstzunehmende Absicht stehe, werde das Stadtwerk am See eine Reservierungsgebühr für große Batteriespeicher einführen. Sollte die Anlage realisiert werden, werden die Kosten auf die Anschlusskosten angerechnet.

Steil ansteigende Preise

„Die größte Herausforderung der Energiewende ist meiner Meinung nach die Finanzierung“, so Röhm. Allein die Kosten für Energieversorgungsanlagen seien in den letzten fünf Jahren um das Vier- bis Fünffache gestiegen. „Außerdem müssen wir vorausschauend handeln, da beispielsweise die Lieferzeiten für große Trafos bis zu vier Jahre betragen.“ Erschwerend hinzu kommt eine Vielzahl an neuen Gesetzen und Vorgaben, an die sich Netzbetreiber wie auch Messstellenbetreiber zu halten haben. Um diese Vorgaben einzuhalten, muss das Stromnetz von Grund auf umgebaut werden, was wiederum hohe Kosten generiert, welche von der Allgemeinheit getragen werden müssen. Es gebe noch viel zu tun, auch von Seiten der Politik, so Röhm.
Auftraggeber reagieren sensibel auf politische Entscheidungen. Viele warten erstmal ab, was kommt oder bleibt.
- Christian Alber

Mal Wartemodus, mal Zeitdruck

Viel zu tun hat auch die Franz Lohr GmbH in Ravensburg. Bestens aufgestellt als ganzheitlicher Systemanbieter in den Bereichen Gebäudetechnik, Anlagenbau und erdverlegter Rohrleitungsbau, montiert das Unternehmen Leitungen für den notwendigen Ausbau der Strom-, Wärme- und Breitbandnetze. Geschäftsführer Christian Alber sieht die Politik in einer Schlüsselposition. „Auftraggeber reagieren sensibel auf politische Entscheidungen. Viele warten erstmal ab, was kommt oder bleibt“, so seine Erfahrung. Werden neue Förderprogramme verabschiedet, tritt der gegenteilige Effekt ein: Da zahlreiche Auftraggeber parallel Anträge stellen und enge zeitliche Vorgaben einzuhalten sind, entsteht bei den Planungsbüros ein erheblicher Zeitdruck. Eine umfassende und vertiefte Auseinandersetzung mit der Planungsaufgabe im Vorfeld ist unter diesen Bedingungen oftmals nicht realisierbar. In der Folge erhöht sich der Koordinierungs- und Abstimmungsaufwand im weiteren Projektverlauf für alle Beteiligten. Der bürokratische Aufwand verschlingt zusätzlich Ressourcen: zu viele verschiedene Töpfe und Anträge. „Wer sich nicht regelmäßig damit befasst, muss sich jedes Mal neu einarbeiten“, erklärt Alber. Er ist überzeugt, dass die Standardisierung und Digitalisierung von Vorgängen, zum Beispiel von Genehmigungs- und Vergabeverfahren, viel Zeit einsparen könnten.

Berufe mit Zukunft

Zur Realisierung der Energiewende braucht es Fachkräfte, die beim Ausbau des Stromnetzes tatkräftig anpacken. Welche Qualifikationen sind hierfür gefragt? „Wichtig für unser Gesamtunternehmen sind Berufe wie Elektroniker für Gebäude- und Betriebstechnik, Anlagenmechaniker, Fachkräfte in der Hydraulik- und Regelungstechnik sowie der System- und Kältetechnik“, so Alber. Auch IT-Kräfte gewinnen an Bedeutung, das Unternehmen hat beispielsweise einen eigenen „Lohr-Bot“ entwickelt. Da Fachkräfte auf dem Markt schwierig zu finden seien, setzt die Franz Lohr GmbH stark auf eigene Ausbildung: Aktuell werden rund 50 Auszubildende beschäftigt. Vom „Biberacher Modell“ ist Christian Alber besonders angetan: Nach der Ausbildung geht es dabei nahtlos weiter zum Dualen Studium an die Hochschule Biberach, und während der Semesterferien arbeiten die Studierenden im Betrieb. „Danach können die Studenten beispielsweise als Jungprojektleiter oder in anderen Funktionen bei uns durchstarten, mit einem erfahrenen Projektleiter an ihrer Seite“, erklärt Alber. Ideal sei es, wenn Mitarbeiter sowohl die Nöte der Versorger kennen als auch Erfahrungen von der Baustelle mitbringen. Gemeinsam mit der Technische Werke Schussental GmbH & Co. KG (TWS) hat die Firma außerdem ein eigenes Ausbildungszentrum in Ravensburg gegegründet. Qualifizierungsmaßnahmen im eigenen Haus – eine Königslösung zur Fachkräftesicherung.

Dezentral heißt resilient

Die Energiewerk GmbH in Ulm entwickelt, plant und baut Anlagen zur Energiegewinnung aus erneuerbaren Energien. Der Fokus liegt auf dem Bereich Photovoltaik. Geschäftsführer Martin Sommer weiß um regionale Besonderheiten: „Als Grenzregion zwischen Bayern und Baden-Württemberg haben wir ein relativ schwaches Netzgebiet vorliegen. Denn Landesgrenzen sind oft Netzgrenzen.“ So hätten bereits Projekte zurückgestellt werden müssen, weil die ehemals zentralistisch geplanten Netze den Wandel noch nicht ausreichend vollzogen hätten. Dabei sei gerade eine dezentrale Stromerzeugung besonders resilient, das zeige sich aktuell beim Beschuss von ukrainischen Großkraftwerken. „Eine dezentrale Stromerzeugung leistet einen wesentlichen Beitrag zur Versorgungssicherheit, gerade in urbanen Gebieten. Hier werden Erzeugung und Verbrauch lokal zusammengebracht, das entlastet die Netze“, so Sommer.
Jede Kilowattstunde, die direkt verbraucht wird, belastet das Netz nicht
- Martin Sommer

Netzbildende Batteriespeicher

Batteriespeicher sind ein Gamechanger, um Dunkelflauten sowie Stromspitzen zu vermeiden. „Künftige Batteriespeicher sind schwarzstartfähig und können netzbildend betrieben werden. Sie können also auch ohne Netzspannung hochgefahren werden, was sie als wesentliche Komponente eines krisenresilienten Systems ausweist“, so der Energiewerk- Geschäftsführer. Auch Bedenken, dass Solarstrom nicht regelbar sei, kann Sommer zerstreuen. Dies beziehe sich auf ältere Kleinanlagen; künftig werden diese kleinen Anlagen ab 7 Kilowatt-Peak (kWp) steuerbar sein. „Unsere Großanlagen sind seit etwa 15 Jahren vollständig vom Netzbetreiber regelbar. Jeder Betriebszustand kann in unter einer Minute angefahren werden“, erklärt er. Viele Probleme beim momentanen Ausbau der Stromnetze seien auf veraltete Netzbaupläne der Merkel-Ära zurückzuführen. Zur Vereinfachung von Vorgängen hinterfragt Sommer kritisch, „warum sich Deutschland 850 verschiedene Netzanbieter leistet“.

Ausbau für Industrie priorisieren

Ein weiterer Vorstoß Richtung Politik: „Der Netzausbau sollte in den Industriegebieten priorisiert werden“, so Sommer. Wenn Projekte scheitern, weil unverbrauchter Eigenstrom nicht ins Netz abgegeben werden kann, erklärt er, dann treffe das genau die Projekte, die durch den Eigenverbrauch die Netzausbau- und Durchleitungskosten dramatisch reduzierten. „Jede Kilowattstunde, die direkt verbraucht wird, belastet das Netz nicht.“ Außerdem könnten Unternehmen somit ihre Anlagentechnik samt Ladeinfrastruktur zuverlässig mit Strom versorgen bis hin zum bidirektionalen Laden von E Fahrzeugen. Sinnvoll wäre eine Allianz aus Politik, Netzbetreibern und Anlagenerrichtern. Genehmigungsverfahren sollten Selbstläufer werden, ohne unternehmerische Zeitressourcen aufzubrauchen.

Chancen für die H2-Modellregion

Michael Bächler ist Geschäftsführer des Vereins H2-Wandel – Modellregion Grüner Wasserstoff Baden-Württemberg e. V. Das dazugehörige Gebiet reicht von Schwäbisch Gmünd über Ulm bis Tübingen. „Jedes Unternehmen, das im Bereich Wasserstoff tätig ist, leistet Pionierarbeit. Unser Verein bringt die Akteure aus Wirtschaft, Wissenschaft, Verwaltung und Politik zusammen“, so Bächler. Der H2-Wandel e. V. fördert den Wissensaustausch, organisiert Netzwerktreffen und leistet Aufklärungsarbeit. „Eines unser Leuchtturmprojekte ist der Elektrolyseur zur Erzeugung von grünem Wasserstoff in Schwäbisch Gmünd mit einer Leistung von zehn Megawatt. Das ist die größte Anlage in Baden-Württemberg“, so Bächler. Ein weiteres Leuchtturmprojekt ist „H2-ToGo“: Ein Projekt zum Aufbau einer Tankstelle für LKWs und leichte Nutzfahrzeuge mit Brennstoffzellenantrieben im Industriegebiet von Ulm.

Wasserstoff als saisonaler Speicher

Erneuerbare Energien wie Solarenergie werden meist zur selben Zeit produziert, wodurch Stromspitzen entstehen, während es zur dunklen Tages- und Jahreszeit mit der Strombereitstellung knapp werden kann. Bächler erklärt: „Mit Sonnenenergie plus Batteriespeicher können Sie die Versorgung tageweise sicherstellen. Doch in Kombination mit Wasserstoff können Sie die Versorgung über die ganzen Wintermonate absichern.“ Ein Elektrolyseur erzeugt Wasserstoff, der als Zwischenspeicher für die erzeugten Stromüberschüsse dient. Er wird bei Bedarf rückverstromt und fließt in Gaskraftwerke oder dezentrale stationäre Brennstoffzellen ein. „Die süddeutsche Erdgasleitung, die von Stuttgart über Heidenheim bis nach Bayern gebaut wird, wird auch wasserstoffready sein“, freut sich Bächler. Grundsätzlich sei sogar ein Großteil der überregionalen Erdgasleitungen in Deutschland für Wasserstoff geeignet. Bis zum Jahr 2032 sollen weitere 9.000 Kilometer Leitungen entstehen. „Der Aufbau dieser Wasserstoffleitungen wird 19 Milliarden Euro kosten, was sich zunächst viel anhört, aber in Relation günstig ist“, so Bächler.

Regionale Wertschöpfung

Während fossile Energiequellen importiert werden und dadurch Abhängigkeiten schaffen, kann Wasserstoff auch zu Teilen regional erzeugt werden. „Wasserstoff bietet Vorteile für den Produktionsstandort entlang der gesamten Wertschöpfungskette“, sagt Bächler. Zum einen gibt es in Baden Württemberg viele Unternehmen, zum Beispiel in der Chemie-, Papier- und Zementindustrie oder dem Transportwesen, welche den Wasserstoff direkt für sich nutzen. Zum anderen sitzen in der Region Betriebe, um Komponenten für die Brennstoffzellen oder Elektrolyseure zu produzieren. „Vom Maschinenbau zur Metallindustrie – in Baden-Württemberg haben wir die ideale Werkzeugschmiede für die Wasserstoff-Technologie vorliegen“, so Bächler. Gleich einer Graswurzelbewegung können sich auch neue Startups und Kooperationen ausbreiten – am Ende kommt mehr Wertschöpfung in die Region, wovon alle profitieren.
In Baden-Württemberg haben wir die ideale Werkzeugschmiede für die Wasserstoff-Technologie vorliegen
- Michael Bächler

Ausgebremst oder Weltspitze?

Die Energiewende wird laut Berechnungen bis 2050 rund 5 Billionen Euro kosten. Wie kann der Wandel gelingen, ohne dass Deutschland seine Wettbewerbsfähigkeit verliert? Die DIHK hat Vorschläge in ihrer Plan B-Studie zur Energiewende ausgearbeitet, von einer Entschlackung von Regularien bis zur Anhebung einer Mindestgrenze von 500 Kilovoltampere für Anlagenzertifikate zur Beschleunigung der Inbetriebnahme. Das Stadtwerk am See und die Franz Lohr GmbH plädieren für Planungssicherheit, wie Förderprogramme, die über Jahre hinweg ihre Gültigkeit behalten. „Ein wesentlicher Faktor in einer unsicheren Welt ist doch, sich selbst mit Energie versorgen zu können“, betont Martin Sommer. Michael Bächler gibt sich positiv: „Deutschland ist weltweit das erste Land mit einem bundesweiten Wasserstoffnetz. Wir haben die passenden Unternehmen, um den Wasserstoffhochlauf zu entwickeln – nicht nur für unsere eigene Versorgungssicherheit, sondern um sie als Vorreiter in alle Welt zu exportieren.“ Dafür braucht es allerdings Schnelligkeit und Entschlossenheit.
IHK Ulm
Olgastraße 95-101
89073 Ulm
Tel. 0731 173-0
E-Mail: info@ulm.ihk.de

Energie für Wirtschaft und Wettbewerb

leitartikel
Martin Sommer © Photodesign Armin Buhl

Die Energiewende ist in vollem Gange. Es gilt, die Strompreise bezahlbar und eine Stromversorgung sicher zu gewährleisten. Denn ohne Strom läuft nichts im wirtschaftsstarken Südwesten. Laut dem Energiewende- Barometer 2025 der DIHK zeigen sich die befragten Unternehmen gespalten. Einerseits erwägt jedes fünfte Unternehmen in Baden-Württem berg die Verlagerung der Produktion ins Ausland, um weiterhin wettbewerbsfähig zu bleiben. Andererseits haben bereits zwei Drittel aller Unternehmen Maßnahmen ergriffen oder geplant, um eigene erneue rbare Energieerzeugungskapazitäten aufzubauen oder auf alter native Wärmeerzeuger umzusteigen. Bürokratie und mangelnde Planbarkeit verzögern die Transformation. Wir haben Energie versorger, Netz-Systemanbieter sowie Vertreter erneuerbarer Energien befragt. Fazit: Es braucht politische Entschlossenheit und unternehmerischen Mut.

9 min Lesezeit
interview
Thomas Stäbler © Netze BW

Das deutsche Stromnetz gilt als eines der zuverlässigsten der Welt und garantiert die Versorgung sämtlicher Haushalte, Unternehmen und sonstiger Verbraucher mit Elektrizität. Die Netze BW GmbH verantwortet die Versorgungssicherheit für Millionen Menschen und viele Unternehmen in Baden-Württemberg und der Region. Um bei den Anforderungen der Energiewende Stabilität und Bezahlbarkeit zu gewährleisten, muss beobachtet, gewartet, modernisiert und ausgebaut werden. Thomas Stäbler, Leiter Kommunale Beziehungen Baden-Württemberg der Netze BW GmbH, steht im Interview Rede und Antwort.

5 min Lesezeit
fachartikel
Dekorative Grafik © adobe.stock.com

Wenn in einem Industriebetrieb die Maschinen anlaufen, im Büro die IT hochfährt oder zu Hause das Licht angeht, ist Strom selbstverständlich verfügbar – ein zentraler Standortvorteil.

4 min Lesezeit
interview
Dekobild © stock.adobe.com

Die Transformation des Energiesystems stellt Unternehmen und Kommunen gleichermaßen vor neue Herausforderungen. Photovoltaik, Batteriespeicher und Wärmenetze spielen dabei eine zentrale Rolle. Im Interview erläutert Walter Göppel, Geschäftsführer der Energieagentur Oberschwaben in Ravensburg, welche Fragen aktuell besonders häufig gestellt werden, wie Speicher zur Netzstabilität beitragen können und welche Stellschrauben aus seiner Sicht entscheidend sind, um die Energiewende effizienter voranzubringen.

3 min Lesezeit