Herr Stäbler, der Ausbau von Photovoltaik, Wärmepumpen und E-Mobilität fordert die Netze massiv. Wo liegen aus Ihrer Sicht die größten Herausforderungen?
Der Umbau des Energiesystems auf erneuerbare Energien eröffnet neue Chancen und macht den Netzbetrieb dynamischer und vielseitiger. Aber zur Wahrheit gehört auch, dass das Stromnetz durch die vielen neuen Verbraucher und dezentrale Erzeuger gefordert wird. Das deutsche Stromnetz war ursprünglich so gedacht: Große Kraftwerke produzierten Strom an den Orten, wo er gebraucht wurde – also in der Nähe von Industriezentren und Großstädten. Die Kraftwerksbetreiber konnten ihre Stromerzeugung sehr genau planen und an den schwankenden Bedarf anpassen. Das Stromnetz musste den Strom dabei nur in eine Richtung transportieren: vom Kraftwerk zur Steckdose. Heute speisen Tausende dezentrale Erzeuger überall in Baden-Württemberg erneuerbare Energien in das Stromnetz ein – dafür muss das Netz sukzessive weiterentwickelt werden.
Die größte Herausforderung für uns als Netzbetreiber ist die Geschwindigkeit und Gleichzeitigkeit, mit der neue Verbraucher und Erzeuger ans Netz gehen. Das führt zu neuen Lastspitzen und Einspeisesituationen, die wir technisch und organisatorisch bewältigen müssen. Die normalen PV-Anlagen, wie wir sie auf einem Einfamilienhaus mit weniger als 30 Kilowatt-Peak vorfinden, können in der Regel problemlos an das Niederspannungsnetz angeschlossen werden. Herausforderungen können vor allem bei mittelgroßen oder großen Anlagen bestehen, wenn die Netzkapazität vor Ort nicht ausreicht, sodass ein Netzausbau notwendig ist. Vor dem Hintergrund der Bezahlbarkeit und Versorgungssicherheit prüfen wir sehr genau, ob ein Netzausbau erforderlich ist oder nicht. Im Mittel- und Hochspannungsnetz sind zudem zahlreiche neue Umspannwerke zur Einbindung der großen Anlagen nötig. Gleichzeitig sind Materialverfügbarkeit und Fachkräftemangel branchenweite Themen, die uns beschäftigen. Bei Hochspannungsleitungen können sich Genehmigungsverfahren außerdem über Jahre hinziehen.
Wie reagiert Netze BW auf diese steigenden Belastungen – setzen Sie eher auf Netzausbau, Digitalisierung oder Lastmanagement?
Wir setzen auf eine Kombination: Dort, wo es notwendig ist, bauen wir das Netz gezielt aus. Gleichzeitig investieren wir stark in digitale Technologien, um unser Netz transparenter und steuerbarer zu machen. Mit modernen Messsystemen und digitalen Zwillingen können wir Engpässe frühzeitig erkennen und steuern. Ergänzend nutzen wir Flexibilitätsoptionen, um Lastspitzen abzufedern und das Netz effizient zu betreiben. Im Allgäu erproben wir gerade ein selbstheilendes Netz. Mit diesem NETZlabor untersuchen wir, wie mit Hilfe von automatisierten Schaltvorgängen Ausfallzeiten bei Stromstörungen reduziert werden können.
Die Zusammenarbeit mit Kommunen ist entscheidend. Wie unterstützen Sie Städte und Gemeinden beim Netzausbau und bei der Energiewende?
Als Netzbetreiber sehen wir uns als Partner der Kommunen. Wir stellen frühzeitig Netzinformationen bereit, zum Beispiel über die KommunalPlattform – ein digitaler Service- und Kommunikationskanal – oder über den NETZmonitor. Dieser bietet Kommunen und Bürgern jederzeit einen klaren Überblick über Energieverbrauch, Einspeisedaten oder aktuelle Störungsmeldungen. Außerdem beraten wir bei der Planung von Neubaugebieten und unterstützen bei der Integration erneuerbarer Energien. Durch enge Abstimmung mit den kommunalen Akteuren sorgen wir dafür, dass Netzausbau und Energiewende Hand in Hand gehen. Informationsveranstaltungen, transparente Kommunikation und gemeinsame Projekte sind für uns selbstverständlich. Über unser Beteiligungsmodell „EnBWVernetzt“, bei welchem sich über 240 Kommunen beteiligt haben, gestalten wir den Netzausbau gemeinsam.
Immer wieder ist von möglichen Engpässen oder regionalen Überlastungen die Rede. Wie bereiten Sie sich auf solche Situationen vor?
Die Auslastung und Kapazitätsreserven des Stromnetzes sind lokal sehr unterschiedlich. Der Ausbau an erneuerbaren Energien in Baden- Württemberg kommt in vielen Regionen sehr gut voran. Das merken wir insbesondere an den Netzanschlussanfragen und der ständig wachsenden Einspeiseleistung. Es kommen jährlich rund 500 Megawatt Einspeiseleistung hinzu, das entspricht einem halben Kohlekraftwerk. Die Anzahl hat über die Jahre massiv zugenommen, weit über die Erwartungen hinaus.
Um Engpässen bei der Einspeisung zu begegnen, ergreifen wir verschiedene Maßnahmen. Unter anderem begrenzen wir die Rückspeiseleistung von Erzeugungsanlagen notfalls auf das netzverträgliche Maß. Bei großen Erzeugern via Redispatch, bei kleinen durch eine statische Leistungsbegrenzung, im Extremfall bis auf null, daher kommt der Begriff Nullleinspeisung. Der Eigenverbrauch bleibt vollständig möglich, allerdings ohne das Netz zu überlasten. In den höheren Spannungsebenen pilotieren wir außerdem an verschiedenen Stellen im Netz Maßnahmen zur Höherauslastung von Betriebsmitteln. Dadurch können wir noch mehr Einspeisung aus erneuerbaren Energien in unserem Netzgebiet einsammeln.
Um Engpässen beim Strombezug zu begegnen, werden wir Verbraucher wie Energiespeicher, Wärmepumpen und Wallboxen notfalls zeitweise dimmen müssen. Außerdem pilotieren wir den übergangsweise eingeschränkten Anschluss von flexiblen Großverbrauchern in Mittel- und Hochspannung mithilfe flexibler Netzanschlussverträge. Mit diesen Maßnahmen können wir schon einen eingeschränkten Netzanschluss ermöglichen, obwohl der eigentlich erforderliche Netzausbau noch nicht umgesetzt ist. Der Ausbau selbst ist allerdings weiterhin erforderlich, um die Engpasssituation dauerhaft zu beheben. Wir analysieren unser Netz zudem kontinuierlich mit modernen Simulations- und Prognosetools, um potenzielle Engpässe frühzeitig zu erkennen. Für kritische Situationen haben wir Notfallpläne und mobile Reserveausstattung vorbereitet. Zudem setzen wir auf ein abgestuftes Engpassmanagement, das von freiwilliger Flexibilisierung bis hin zu technischen Steuerungsmaßnahmen reicht – immer mit dem Ziel, die Versorgung für alle sicherzustellen.
Wie schätzen Sie die Investitionsbedingungen im regulierten Netzbereich ein – sind sie ausreichend, um dem Tempo der Energiewende gerecht zu werden?
Die Bundesnetzagentur hat aktuell den zukünftigen Regulierungsrahmen für Stromverteilnetze definiert und dabei auch Anregungen der Netze BW aufgegriffen – insbesondere beim Fremdkapitalzinssatz. Aus unserer Sicht sind die Anpassungen nicht ausreichend hoch, aber dennoch ein Schritt in die richtige Richtung. In den nun veröffentlichten Plänen sehen wir nur geringe Investitionsanreize. Vor diesem Hintergrund bleibt für uns die zentrale Frage offen, ob die jüngsten Entscheidungen sicherstellen können, dass die Netzbetreiber zukünftig über die notwendige finanzielle Investitions- und Leistungsfähigkeit verfügen, um die weiter steigenden Herausforderungen der Energiewende meistern zu können.
Welche Erwartungen hat Netze BW an die Landes- und Bundespolitik, um Versorgungssicherheit langfristig zu sichern?
Wir erwarten von der Politik klare und pragmatische Rahmenbedingungen: schnellere Planungs- und Genehmigungsverfahren, gezielte Förderung von Digitalisierung und Fachkräften sowie einen wirtschaftlichen Rahmen, der die erforderlichen großen Investitionen der Netzbetreiber ermöglicht. Außerdem benötigen wir eine Priorisierung der Resilienz kritischer Infrastrukturen.
Und abschließend: Wenn Sie in die Zukunft blicken – wie sieht ein stabiles, klimaneutrales Stromnetz 2040 aus?
Das Stromnetz 2040 ist digital, flexibel und robust und bietet für Wirtschaft und Gesellschaft eine wirtschaftlich akzeptable und sichere Versorgung. Es integriert Millionen dezentraler Erzeuger und Verbraucher, ist intelligent steuerbar und kann auch in Ausnahmesituationen stabil betrieben werden. Digitalisierung, Automatisierung und eine enge Zusammenarbeit aller Akteure ermöglichen eine klimaneutrale, sichere und bezahlbare Energieversorgung für Baden-Württemberg.