IHK-MAGAZIN
Nr. 6844714
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Finn und Sandra Findersen auf ihrer Seagull-Terasse mit Wasser im Hintergrund.
Kappeln, Reußenköge, Husum: Seagull, Bahnsen Reh, Wulff & Umag Energy Solutions

Gestärkt in die Zukunft

Kniehohes Wasser im Geschäft, Minus auf dem Konto, Schließung wegen Personalmangel – vieles fordert die Wirtschaft aktuell heraus. Ein Hafenbistro in Kappeln, ein Lohnunternehmen in Reußenköge und ein Fertigungsunternehmen aus Husum erzählen, wie sie aus Tiefpunkten wieder herausgekommen sind und sich neu aufgestellt haben.
Sandra Findersen steht am Ufer ihrer Terrasse.
© IHK/Dewanger
Einen halben Meter hoch steht das Wasser bereits von außen an den bodentiefen Fensterelementen und drückt gegen die Scheiben. Nach und nach kämpft es sich durch die kleinen Schlitze und Öffnungen hindurch. Pfützen bilden sich auf dem Fußboden. Es ist halb neun an diesem Freitagabend, als Familie Findersen sich schließlich entschließt, ihr Hafenbistro Seagull in Kappeln zu verlassen. „Zu diesem Zeitpunkt standen wir knöcheltief im Wasser“, erinnert sich Sandra Findersen.
Das Ausmaß des Ostseesturmhochwassers am 20. und 21. Oktober 2023 zeigte sich jedoch erst am nächsten Morgen. „Mit Familie und Freunden sind wir gemeinsam hin. Die Stege der Bootsanleger waren von der Schlei verschluckt. Als wir die Tür öffneten, kam uns das Wasserentgegen“, so die Gastronomin. Die einzige Lösung:anfangen. Tische, Stühle und Türen hatten sie bereits amVortag hochgestellt. Nachdem sie alles leergeräumt hatten, stellten sie Trocknungsgeräte auf. „Die Wände warenangelaufen. Die mussten wir öffnen, um an die Dämmung zu gelangen. Der Fußboden musste raus. Bis auf zwei Geschirrspüler und ein Kühlgerät funktionierte aber alles an Elektrogeräten. Wir hatten rechtzeitig den Strom abgestellt“, sagt Sohn Finn Findersen, der den Service verantwortet. Für die Mitarbeitenden haben sie Kurzarbeitergeld beantragt. „So konnten wir alle halten und die Leerlaufzeit etwas überbrücken“, ergänzt Sandra Findersen.
Knapp zwei Monate dauerte es, bis alles trocken und wiederhergerichtet war. Ein Spendenkonto deckte einen kleinen Teil der Kosten. Der Rest wurde mit eigenen Mitteln und einem Kfw-Kredit finanziert. Am 9. Dezember 2023, nur ein Jahr nach der Ersteröffnung, konnten die Findersens wieder Gäste empfangen. Heute ist sie froh, noch einmal alle Kräfte gesammelt zu haben. „Wir hatten großes Glück im Unglück und ein tolles Umfeld, das uns tatkräftig unterstützt hat. Aufgeben war keine Option, und es findet sich immer eine Lösung“, so die Unternehmerin.
Das hat sich auch Nico Wartzack, Geschäftsführer von Bahnsen Reh Handel & Dienstleistungen e. K. in Reußenköge, gedacht. 2021 hat er mit seinem Lohnunternehmen Bahnsen Reh GmbH Insolvenz angemeldet. „Der Betrieb ist meine Leidenschaft. Das ist das Schlimmste, was einem passieren kann, aber ich wollte die Reißleine ziehen, bevor noch mehr Partner in Mitleidenschaft geraten“, so der gebürtige Nordfriese. Aufgeben wäre die einfachere Variante gewesen, da ist er sich sicher. „Das war aber nicht mein eigener Anspruch. Ich wollte so viel wie möglich an die Gläubiger, Mitarbeiter und Kunden zurückgeben.“
Es brauchte Zeit, um das Vertrauen von Kunden und Partnern wiederzugewinnen.
Baggerarbeiten auf einer Freifläche
© Bahnsen Reh
Gemeinsam mit Ansprechpartnern von der Bank und Insolvenzverwaltern erarbeitete er Lösungen, um für die Gläubiger mehr herauszuholen, so der Unternehmer. Um zumindest einen Teil seiner Mitarbeitenden zu halten, startete er unter neuer Firmierung direkt mit Baggerarbeiten. „Es brauchte Zeit, um das Vertrauen von Kunden und Partnern wiederzugewinnen. Die sind anfangs vorsichtig gewesen – was ich gut verstehen kann. Ich habe versucht, ihnen offen, transparent und lösungsorientiert zu begegnen“, sagt Wartzack. Ein neues Geschäftsmodell ergänzt heute das Angebot des Lohnunternehmens. „Durch Kooperationen bietet das Unternehmen kundenorientierte Lösungen aus einer Hand an. Mehr Auslastung für alle, mehr Sicherheit für alle Kunden. Ein Modell, das funktioniert und einen enormen Vorteil für uns alle bietet“, erklärt er.
Derzeit läuft das Insolvenzverfahren der Bahnsen Reh GmbH noch. „Wir hoffen, dass es bald einen Abschluss für alle Beteiligten gibt.“ Er weiß, wie schwierig es ist, sich wieder aufzuraffen und sich selbst zu motivieren. „Weil man keinen Horizont mehr sieht. Deshalb ist es sowichtig, sich rechtzeitig Hilfe zu suchen. Umso größer ist die Chance, die Krise zu überstehen“, so Wartzack. Dafür tauscht er sich auch gerne mit anderen Unternehmerinnenund Unternehmern aus, teilt seine Erfahrungen und versucht so, anderen zu helfen.
Bei Wulff & Umag Energy Solutions GmbH in Husum ist das Insolvenzverfahren schon lange abgeschlossen. 2013 meldete ein Investor, der einige Jahre zuvor in das Unternehmen eingestiegen war und mit anderen Geschäftsbereichen in wirtschaftliche Schieflage geriet, Insolvenz an. Damit war auch der Betrieb, der bis heute Kesselsysteme und Gesamtanlagen für den europäischen Markt fertigt und installiert, betroffen. „Das war ein Schock für den Großteil unserer Belegschaft“, erinnert sich Lennart Michaelsen, Fertigungs- und Montage- sowie Betriebsleiter.
R5_Betriebe im Wandel_Wulff3 (1)
Mit einem neuen Investor konnte Wulff & Umag bereits im Frühjahr 2014 starten. „Durch die Insolvenz mussten viele langjährige Angestellte das Unternehmen verlassen“, so Michaelsen weiter. Ein großer Verlust, wie er findet, denn nichts sei so wertvoll wie ein wissender Mitarbeiter. Glücklicherweise seien viele zurückgekehrt zum Unternehmen. Erneut Fuß gefasst hat der Betrieb zunächst mit kleineren Aufträgen. „Unsere Kesselsysteme überzeugen, weil sie als Sonderanfertigungen optimal auf die Kundenanforderungen zugeschnitten sind. Das ist nach wie vor eine unserer großen Stärken“, sagt Nils Hagge, Vertriebsleiter. Die gute Bindung zu Lieferanten und Kunden habe den Neustart enorm erleichtert. So konnten Wulff & Umag Energy Solutions bereits nach kurzer Zeit größere Projekte umsetzen und ihre Liquidität steigern.
Das Unternehmen verfolgt seine Strategie konsequent. „Wir kennen unsere Stärken sehr genau und fokussieren uns auf Projekte, die wir in jeder Hinsicht gut beherrschen“, so Hagge. Michaelsen ergänzt: „Wir investieren gerade viel, um den Betrieb zukunftsfähig aufzustellen. Das ist ein gutes Zeichen und daran wollen wir festhalten.“
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